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M6 In achtzig Sofas um die Welt

In achtzig Sofas um die Welt

Globalisierung: Der Berliner Fotograf Malte Jäger ist als Couchsurfer rund um den Globus gereist. Seine Aufnahmen zeigen die Gastgeber und ihre Gäste – und mehr noch: die Welt ist ein Dorf, dessen Bewohner sich näher kommen können, wenn sie es wollen.

Zeig mir deine Couch, und ich sage dir, wer du bist. Malte Jäger, 33, könnte eine Typologie der Gastgeber schreiben, die fremde Überraschungsgäste in ihrem Wohnzimmer übernachten lassen. Couchsurfing nennt sich diese Art zu reisen. In der Gemeinde der Digital Natives zieht sie immer größere Kreise. Couchsurfer hauen sich lieber bei Zufallsbekanntschaften aus dem Internet aufs Ohr, als in Hotelzimmern abzusteigen. Das ist nicht nur wesentlich billiger, man lernt Land und Leute auch besser kennen.
Malte Jäger hat es ausprobiert. Ausgerüstet mit einem Stipendium, ist der Berliner Fotograf einmal um die Welt gereist, um Material für seinen ersten Fotoband zu sammeln: von New York bis nach Almaty, von Benin bis nach Sao Paulo. Er hat auf der Couch in der Bude einer Bankerin im kirgisischen Bischkek, eingerichtet in Gelsenkirchener Barock, genächtigt oder seine Isomatte in der Hütte eines indischen Bauern aufgerollt. Sein Name war Shripad, er hat seinen einzigen Sohn verloren und einen eigenen Internetanschluss samt Fernweh. Die Couchsurfer, die sich in seine Hütte verirrten, trösteten ihn darüber hinweg.
Malte Jäger hat sich im Himmelbett eines afrikanischen Unternehmers in Mali ausgestreckt und ist dem New Yorker Fahrradkurier Eddy in einer sehr schwülen Nacht dorthin gefolgt, wo man die Sterne zählen konnte – auf das Dach einer Apartmentanlage. Bei all dem war der Fotograf nicht allein. Über das Internetportal www.couchsurfing.org hat er sich andere Globetrotter gesucht – als Begleiter und als Fotomodel. Sein Plan war ebenso kühn wie ambitioniert. Er wollte wissen, was passiert, wenn verschiedene Kulturen aufeinanderprallen: „Und zur Gastfreundschaft gehören immer mindestens zwei.“
Malte Jäger hat diese Momente auf seiner Reise mit der Kamera dokumentiert, mehr oder minder diskret, das verleiht den Bildern den Charakter sorgfältig inszenierter Schnappschüsse. 99 Prozent seiner Gastgeber würde er übrigens auch auf seiner Couch in Kreuzberg übernachten lassen, wenn sie eines Tages bei ihm vor der Tür ständen. Herzlich seien fast alle gewesen, und außer in Burkina Faso, wo ihm die Familie eines bettelarmen Studenten am Rande der Hauptstadt Ouagadougou das einzige Bett in der Hütte überließ, habe er auch nirgendwo das Gefühl gehabt, in der Fremde gelandet zu sein. Es stimmt eben doch: „Die Welt“, sagt der Fotograf, „ist ein globales Dorf“.

Malte Jäger ist freier Fotograf und lebt in Berlin. Er studierte am Lette-Verein in Berlin, arbeitete im Ausland und ist nun Mitglied der Agentur Laif.

Stuttgarter Zeitung, 27.11.2010
Antje Hildebrandt

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