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Das Thema benennen B


Warlam Schalamow: Durch den Schnee [1]

Wie tritt man einen Weg in unberührten Schnee? Ein Mann geht voran, schwitzend und fluchend, setzt kaum einen Fuß vor den anderen und bleibt dauernd stecken im lockeren Tiefschnee. Der Mann läuft weit vor und markiert seinen Weg mit ungleichen schwarzen Löchern. Er wird müde, legt sich in den Schnee, steckt sich eine Papirossa an, und Ma­chorkarauch schwebt als blaues Wölkchen über dem wei­ßen funkelnden Schnee. Der Mann ist schon weitergegan­gen, doch das Wölkchen steht noch immer dort, wo er ver­schnauft hat — die Luft ist beinahe unbewegt. Wege legt man stets an stillen Tagen an, damit die Winde die menschliche Arbeit nicht verwehen. Der Mann sucht sich seine Punkte in der Unendlichkeit des Schnees: einen Fels, einen hohen Baum — der Mann lenkt seinen Körper durch den Schnee, wie ein Steuermann sein Boot über den Fluß lenkt von Landzunge zu Landzunge.

Auf der schmalen und flüchtigen Spur folgen fünf, sechs andere, Schulter an Schulter. Sie treten um die Fußspur herum, nicht hinein. An der zuvor bezeichneten Stelle angekommen, machen sie kehrt und laufen wieder so, dass sie frischen Schnee berühren, eine Stelle, die der Fuß des Man­nes noch nicht betreten hat. Der Weg ist gebahnt. Nun können ihn Menschen, Schlittenzüge, Traktoren nehmen. Geht man den Weg des ersten in seinen Fußstapfen, entsteht eine erkennbare, doch kaum begehbare schmale Fährte, ein Fuß­pfad, kein Weg — Löcher, in denen es sich schwerer läuft als im unberührten Schnee. Der erste hat es am schwersten, und wenn seine Kräfte erschöpft sind, geht ein anderer vom selben Fünfervortrupp voran. Von denen, die der Spur fol­gen, muss jeder, selbst der Kleinste und Schwächste, auf ein Stückchen unberührten Schnee treten, nicht in die fremden Fußspuren. Auf Traktoren und Pferden kommen nicht die Schriftsteller, sondern die Leser. 1956                                                                                                                  

Warlam Schalamow, Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1

Matthes & Seitz, Berlin 2007, S. 7

Arbeitsauftrag

  1. Markiere die Stellen, die Hinweise für eine symbolische Deutung geben. (Deutungsebene)
  1. Formuliere die Interpretationshypothese. Begründe einem Partner deine Deutung.  Berücksichtige Textstellen.


[1] Der Autor verbrachte viele Jahre in einem sowjetischen Arbeitslager im Ural.

 

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