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Tod / Agnes


»Tot«, sagte der Fahrer, »die hat's geschafft.«

Agnes stand neben mir und wartete. Sie stellte keine Fragen, auch später nicht beim Essen. Sie saß sehr aufrecht am Tisch, aß langsam und sorgfältig, als müsse sie sich konzentrieren, um keine Fehler zu machen. Wenn sie kaute, hatte sie die gespannte Nervosität einer Musikerin, die auf ihren nächsten Einsatz wartet. Nur wenn sie geschluckt hatte, entspannte sich ihr Gesicht für einen Augenblick, und sie wirkte erleichtert.

»Ich koche nie für mich selbst«, sagte ich, »nur schnelle Sachen, Rührei. Für andere koche ich gern. Ich esse viel mehr, wenn ich in Gesellschaft bin.«

»Ich esse überhaupt nicht gern«, sagte Agnes. Nach dem Essen trank ich Kaffee. Agnes bestellte Tee. Wir hatten einen Augenblick lang schweigend dage­sessen, als sie plötzlich sagte: »Ich habe Angst vor dem Tod.«

»Weshalb?« fragte ich erstaunt. »Bist du krank?«

»Nein, nicht jetzt«, sagte sie, »aber irgendwann stirbt man ja doch.«

»Ich dachte schon, du meinst es ernst.«

»Natürlich meine ich es ernst.«

»Ich glaube nicht, daß die Frau gelitten hat«, sagte ich, um sie zu beruhigen.

»Das meine ich nicht, daß sie gelitten hat. Solange man leidet, lebt man doch wenigstens. Ich fürchte mich nicht vor dem Sterben. Ich habe Angst vor dem Tod — einfach, weil dann alles zu Ende ist.«

Agnes schaute quer durch den Raum, als habe sie jemanden entdeckt, den sie kannte, aber als ich mich umdrehte und in dieselbe Richtung schaute, waren da nur leere Tische.

»Du weißt ja nicht, wann es zu Ende ist«, sagte ich, und als sie nicht antwortete: »Ich habe mir immer vorge­stellt, daß man sich irgendwann müde hinlegt und im Tod zur Ruhe kommt.«

»Offenbar hast du nicht sehr lang darüber nachge­dacht«, sagte Agnes kühl.

»Nein«, gab ich zu, »es gibt Themen, die mich mehr interessieren.«

»Was ist, wenn man vorher stirbt? Bevor man müde ist«, sagte sie, »wenn man nicht zur Ruhe kommt?« »Ich bin noch lange nicht bereit«, sagte ich.

Wir schwiegen.

(S. 23f) [1]

Arbeitsauftrag

  1. Werten Sie diese Szene unter dem Gesichtspunkt des Todesmotivs aus.
  1. Berücksichtigen Sie Ihre Deutung für eine Charakterisierung der Figur Agnes.
  1. Vertiefen Sie Ihre Ergebnisse durch Bezüge zu vergleichbaren Textstellen.

 

Die folgende Textstelle legt den Tod Agnes’ nahe, obwohl er nicht direkt ausgesprochen wird.
Sie lehnte sich an einen Baumstamm.

„Stell dir vor, in wenigen Wochen liegt hier Schnee, und dann kommt für Monate niemand hierher, und alles ist ganz still und verlassen. Es heißt, zu erfrieren sei ein schöner Tod.“ (S. 77/78 [1] )

Die Vorstellung des Lesers wird geprägt durch die Motive von Kälte, Schnee und Tod.

Arbeitsauftrag

  1. Deuten Sie die Textstelle. Beziehen Sie das Todesmotiv in Ihre Deutung ein.
  1. Vergleichen Sie  mit anderen Textstellen, in denen diese Motive eine Rolle spielen.

 

Tod / Agnes: Herunterladen [doc] [41 KB]

Todesmotiv: Herunterladen [doc] [42 KB]


[1] Peter Stamm: Agnes . S. Fischer Verlag 2009, 5. Auflage, Fischer (Tb) © 1998 by Peter Stamm