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Lösung


Die Figuren wollen eine Antwort auf ihre Frage nach einer wahren Gestaltung von Glück finden.
Seurats Bild scheint ihnen die ästhetische Form, wie sich Glück adäquat darstellen lässt.

Das Bild kann dabei im Kontext des Romans doppelt gedeutet werden:

  1. als erzählästhetischer Verweis für das Werk des Autors: Das Zusammenfügen der einzelnen Szenen des Lebens und der Beziehung der Figuren ist ein Konstruktionsakt des Autors sowie des Lesers.
  2. als Identifizierungsangebot für die Figuren des Romans.

Ein Netz von Bezügen wird im Bild von George Seurat „Un Dimanche d’été à L’Ile de la Grande Jatte“ (1884/86 / The Art Institute of Chicago)  –  ein Bild im Malstil des Pointillismus – deutlich.

Seurat: Un Dimanche dété (1884/86 / The Art Institute of Chicago)

Malstil: pointillistisch: 

  • Regelmäßige Farbtupfer in reinen Farben bilden ein Bild.
  • Ateliermalerei: bewusst komponiert
  • Simultankontrast von benachbarten Farben
  • Kontrast von hell und dunkel
  • Kontrast von horizontaler und vertikaler Linienführung

Ausdruck:

Heiterkeit (Licht, warme Farben, Blick in die Weite)
Ruhe: Gleichgewicht von hell-dunkel, von kalten u. warmen Farben
Trauer: dunkel, kalte Farben, sinkende Linie

Die Realität gibt nur den Anstoß für das Kunstwerk; es geht nicht um die Abbildung der Natur.
Seurat versuchte das autonome Bild mit seiner Eigengesetzlichkeit zu finden.
Das Bild entsteht erst im Kopf des Betrachters.

 

Roman / Textstellen

Deutung

Seurat hatte keine glücklichen Menschen gemalt, aber das Bild strahlte eine Ruhe aus, die dem, was wir suchten , am nächsten kam. (S.68)

Als wir näher traten, zerfiel das Bild … in ein Meer von kleinen Punkten. (S.68)

Glück malt man mit Punkten , …. Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen wie Seurat.  Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.  (S. 69)

Verhältnis zwischen Romanwirklichkeit und Bild

Bezug zur Beziehung des Paares

  • erkennen
  • erkennen durch Distanz

Identifizierung der Figuren

Die Zuweisung  zu einer Figur des Bildes und ihre Korrektur zeigen die unterschiedlichen Vorstellungen, die die Liebenden voneinander haben. Gleichzeitig werden Existenzmöglichkeiten, aber auch Wunsch- und Angstphantasien deutlich.

Rollen:
Der Erzähler
sieht Agnes als „junges Mädchen, das im Mittelgrund des Bildes auf der Wiese saß und einen Blumenstrauß in der Hand hielt.“

sieht sich selbst als den Mann mit der Trompete:
„Aber niemand hört mir zu.“

Agnes:

  • „Alle hören dich, … man kann die Ohren nicht schließen.“ (àSprecher, Erzähler) – abgewandt von den anderen
  • Affe im Bildvordergrund - an der Leine geführt, dressiert,

Agnes sieht sich selbst als das Kind im weißen Kleid.:  zentral in der Bildkomposition

anmutig, - ev. ersehntes weibliches Ideal

Rollenübernahme, Identifikation

Erzähler: Sprecher, Einfluss, Figur des Künstlers / Wirkung des Schreibens: resigniert

Erzwungenes Zuhören, Lärmbelästigung

(Liebes)-Abhängigkeit

àUnschuld, Reinheit, Hilflosigkeit  - Vgl. Farbe des Schnees

Agnes erscheint schlagfertiger, selbstbewusster als ihr Freund

Bezug zu anderen Bildern:

Kirchner: Gebirgslandschaft (Komposition aus Gefühl u. Intuition d. Künstlers9

Plakat zum Theaterstück: Kokoschka: Mörder, Hoffnung der Frauen (expressionistische Vision)

Video-Bilder: … aber das Bild wird wieder unscharf, … (S. 11)

Ich schaute sie an und erkannte sie nicht. Ihr Gesicht erschien mir wie eine unbekannte Landschaft. (S. 58)

Es gibt „kein einziges gutes Bild“ von Agnes, das zeigt, wie sie „wirklich“ ist. (S. 48) Das literarische Porträt von Agnes wird bestimmt durch Unsicherheiten und Unwahrheiten.

 Der Versuch, das gemeinsame Kind zu zeichnen, scheitert. (S. 107)

  • Bezug zu Agnes
  • nicht erkennen, nicht verstehen
  • Wirklichkeit nicht erfassen können
  • Unsicherheit darüber, was real ist

Deutungsmöglichkeiten:

  • Teil der Romanhandlung: Das Paar sieht im heiteren Bild die Harmonie, die es sich für seine Beziehung wünscht.
  • Abbild der Beziehung des Paares: „eine Freizeitidylle aus im Sommer festgefrorenen Menschen.“ [1]
  • Agnes deutet das Bild als Zeichen für die Beziehung: Auch die Liebenden erleben kleine Episoden und Situationen. Erst nach einem zeitlichen Abstand können sie erkennen, was ihre Liebe bedeutet.

Hinweis

Das Bild ist sehr groß, es dominiert den Ausstellungsraum. Die Figuren sind lebensgroß.

Zwischen Rahmen und bildlicher Darstellung verläuft ein Farbband, das nur aus Tupfen besteht:

  • Möglichkeit, das Dargestellte ins Unendliche zu imaginieren
  • Verweis auf das künstlerische Verfahren: „die reine Lehre“ – Es ist der Betrachter, der das Bild kreiert.

[1] Helmut Karasek, Vorgelesen. Rezension zu Peter Stamms Roman „Agnes“. In: Tagesspiegel, 25.6.2000


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