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Max Frisch: Homo faber

Max Frisch: Homo faber

Text 1 , S. 11 *Houston

   Mein Gesicht im Spiegel, während ich Minuten lang die Hände wasche, dann trockne: weiß wie Wachs, mein Gesicht, beziehungsweise grau und gelblich mit violetten Adern darin, scheußlich wie eine Leiche. Ich vermutete, es kommt vom Neon-Licht, und trocknete meine Hände, die ebenso gelblich-violett sind, dann der übliche Lautsprecher, der alle Räume bedient, somit auch das Untergeschoß: Your attention please, your attention please! Ich wußte nicht, was los ist. Meine Hände schwitzten, obschon es in dieser Toilette geradezu kalt ist, draußen ist es heiß. Ich weiß nur soviel: - Als ich wieder zu mir kam, kniete die dicke Negerin neben mir, Putzerin, die ich vorher nicht bemerkt hatte, jetzt in nächster Nähe, ich sah ihr Riesenmaul mit den schwarzen Lippen, das Rosa ihres Zahnfleisches, ich hörte den hallenden Lautsprecher, während ich noch auf allen vieren war –

[…]

   Ich schwor mir, nie wieder zu rauchen, und versuchte, mein Gesicht unter die Röhre zu halten, was nicht zu machen war wegen der Schüssel, es war ein Schweißanfall, nichts weiter, Schweißanfall mit Schwindel.

Text 2 , S. 98f *Paris

Ich war der einzige Gast, weil noch früh am Abend, und was mich irritierte, war lediglich der Spiegel gegenüber, Spiegel im Goldrahmen. Ich sah mich, sooft ich aufblickte, sozusagen als Ahnenbild: Walter Faber, wie er Salat ißt, in Goldrahmen. Ich hatte Ringe unter den Augen, nichts weiter, im übrigen war ich sonnengebräunt, wie gesagt, lange nicht so hager wie üblich, im Gegenteil, ich sah ausgezeichnet aus. Ich bin nun einmal (das wußte ich auch ohne Spiegel) ein Mann in den besten Jahren, grau, aber sportlich. Ich halte nichts von schönen Männern. Daß meine Nase etwas lang ist, hat mich in der Pubertät beschäftigt, seither nicht mehr; seither hat es genug Frauen gegeben, die mich von falschen Minderwertigkeitsgefühlen befreit haben, und was mich irritierte, war einzig und allein dieses Lokal: wo man hinblickte, gab es Spiegel, ekelhaft, dazu die endlose Warterei auf meinen Fisch. Ich reklamierte entschieden, zwar hatte ich Zeit, aber das Gefühl, daß die Kellner mich nicht ernst nehmen, ich weiß nicht warum, ein leeres Etablissement mit fünf Kellnern, die miteinander flüstern, und ein einziger Gast: Walter Faber, der Brot verkrümelt, in Goldrahmen, wohin ich auch blickte; mein Fisch, als er endlich kam, war ausgezeichnet, aber schmeckte mir überhaupt nicht, ich weiß nicht, was mit mir los war.

   »You are looking like -«

Nur wegen dieser blöden Bemerkung von Williams (dabei mag er mich, das weiß ich!) blickte ich immer wieder, statt meinen Fisch zu essen, in diese lächerlichen Spiegel, die mich insgesamt in achtfacher Ausfertigung zeigten:

   Natürlich wird man älter -

   Natürlich bekommt man bald eine Glatze -

   Ich bin nicht gewohnt, zu Ärzten zu gehen, nie in meinem Leben krank gewesen, abgesehen vom Blinddarm - ich blickte in die Spiegel, bloß weil Williams gesagt hatte: What about some holidays, Walter? Dabei war ich sonnengebräunt wie noch selten. In den Augen eines jungen Mädchens, das Stewardeß werden möchte, war ich ein gesetzter Herr, mag sein, jedoch nicht lebensmüde, im Gegenteil, ich vergaß sogar, in Paris zu einem Arzt

zu gehen, wie ich es mir eigentlich vorgenommen hatte -

Ich fühlte mich vollkommen normal.

Text 3 , S. 170f *Athen, Krankenhaus

Die Diakonissin hat mir endlich einen Spiegel gebracht - ich bin erschrocken. Ich bin immer hager gewesen, aber nicht so wie jetzt; nicht wie der alte Indio in Palenque, der uns die feuchte Grabkammer zeigte. Ich bin wirklich etwas erschrocken. Außer beim Rasieren pflege ich nicht in den Spiegel zu schauen; ich kämme mich ohne Spiegel, trotzdem weiß man, wie man aussieht, beziehungsweise ausgesehen hat. Meine Nase ist von jeher zu lang gewesen, doch meine Ohren sind mir nicht aufgefallen. Ich trage allerdings ein Pyjama ohne Kragen, daher mein zu langer Hals, die Sehnen am Hals, wenn ich den Kopf drehe, und Gruben zwischen den Sehnen, Höhlen, die mir nie aufgefallen sind. Meine Ohren: wie bei geschorenen Häftlingen! Ich kann mir im Ernst nicht vorstellen, daß mein Schädel kleiner geworden ist. Ich frage mich, ob meine Nase sympathischer ist, und komme zum Schluß, daß Nasen nie sympathisch sind, eher absurd, geradezu obszön. Sicher habe ich damals in Paris (vor zwei Monaten!) nicht so ausgesehen, sonst wäre Sabeth nie mit mir in die Opéra gekommen. Dabei ist meine Haut noch ziemlich gebräunt, nur der Hals etwas weißlich. Mit Poren wie bei einem gerupften Hühnerhals! Mein Mund ist mir noch sympathisch, ich weiß nicht warum, mein Mund und meine Augen, die übrigens nicht braun sind, wie ich immer gemeint habe, weil es im Paß so heißt, sondern graugrünlich; alles andere könnte auch einem andern gehören, der sich überarbeitet hat. Meine Zähne habe ich schon immer verflucht. Sobald ich wieder auf den Beinen bin, muß ich zum Zahnarzt. Wegen Zahnstein, vielleicht auch wegen Granulom; ich spüre keinerlei Schmerz, nur Puls im Kiefer. Meine Haare habe ich stets sehr kurz getragen, weil es praktischer ist, und auf den Seiten ist mein Haarwuchs keineswegs dünner geworden, auch hinten nicht. Grau bin ich eigentlich schon lange, silberblond, was mich nicht kümmert. Wenn ich auf dem Rücken liege und den Spiegel über mich halte, sehe ich immer noch aus, wie ich ausgesehen habe; nur etwas magerer, was von der Diät kommt, begreiflicherweise. Vielleicht ist es auch das weißliche Jalousie- Licht in diesem Zimmer, was einen bleich macht sozusagen hinter der gebräunten Haut; nicht weiß, aber gelb. Schlimm nur die Zähne. Ich habe sie immer gefürchtet; was man auch dagegen tut: ihre Verwitterung. Überhaupt der ganze Mensch! - als Konstruktion möglich, aber das Material ist verfehlt: Fleisch ist kein Material, sondern ein Fluch.

Aufgaben:

  1. Markieren Sie (am Computer) in den Texten 1-3 mit Farbe solche Stellen, in denen Walter Faber sich auf die gleiche Weise wahrnimmt. Markieren Sie mit einer anderen Farbe Textstellen, in den sich Faber auf eine veränderte Weise wahrnimmt.

  2. Interpretieren Sie die drei Spiegelszenen in Homo faber .

    • Zeigen Sie dabei, wie Faber mit Krankheit und Tod umgeht.
    • Prüfen Sie, ob sich die Figur entwickelt.
  3. Werkvergleich:

    • Legen Sie ein Vergleichsraster zum Werkvergleich ( Tod in Venedig und Homo faber ) an. 1
    • Tragen Sie Ihre Beobachtungen zu den fünf Spiegelszenen in dieses Raster ein.

1 Die Schülerinnen und Schüler können sich hier orientieren an einem Modell wie im Material
  Kompetenzraster

  Rede zur Bildnisproblematik

 

Intertextualität / Werkvergleich: Herunterladen [doc] [60 KB]