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Zwischendiagnose

Dialoganalyse 2 - Sprache als Spiegel sozialer Verhältnisse - Zwischendiagnose

Analysieren Sie die Szene II.1 unter dem Aspekt 1 … Halten Sie Ihre Ergebnisse stichwortartig fest.









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Zweiter Akt, Erste Szene

Ein Zimmer

Danton. Lacroix. Philippeau. Paris. Camille Desmoulins.

Camille . Rasch, Danton, wir haben keine Zeit zu verlieren!
Danton ( er kleidet sich an ). Aber die Zeit verliert uns. Das ist sehr langweilig,
immer das Hemd zuerst und dann die Hosen drüber zu ziehen und des Abends ins
Bett und morgens wieder herauszukriechen und einen Fuß immer so vor den andern
zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig,
und daß Millionen es schon so gemacht haben, und daß Millionen es wieder so
machen werden, und daß wir noch obendrein aus zwei Hälften bestehen, die beide
das nämliche tun, so daß alles doppelt geschieht - das ist sehr traurig.
Camille . Du sprichst in einem ganz kindlichen Ton.
Danton . Sterbende werden oft kindisch.
Lacroix . Du stürzest dich durch dein Zögern ins Verderben, du reißest alle deine
Freunde mit dir. Benachrichtige die Feiglinge, daß es Zeit ist, sich um dich zu
versammeln, fordere sowohl die vom Tale als die vom Berge auf! Schreie über die
Tyrannei der Dezemvirn, sprich von Dolchen, rufe Brutus an, dann wirst du die
Tribunen erschrecken und selbst die um dich sammeln, die man als Mitschuldige
Héberts bedroht! Du mußt dich deinem Zorn überlassen. Laßt uns wenigstens nicht
entwaffnet und erniedrigt wie der schändliche Hébert sterben!
Danton . Du hast ein schlechtes Gedächtnis, du nanntest mich einen toten
Heiligen. Du hattest mehr recht, als du selbst glaubtest. Ich war bei den Sektionen;
sie waren ehrfurchtsvoll, aber wie Leichenbitter. Ich bin eine Reliquie, und Reliquien
wirft man auf die Gasse, du hattest recht.
Lacroix . Warum hast du es dazu kommen lassen?
Danton . Dazu? Ja, wahrhaftig, es war mir zuletzt langweilig. Immer im nämlichen
Rock herumzulaufen und die nämlichen Falten zu ziehen! Das ist erbärmlich. So ein
armseliges Instrument zu sein, auf dem eine Saite immer nur einen Ton angibt! - 's
ist nicht zum Aushalten. Ich wollte mir's bequem machen. Ich habe es erreicht; die
Revolution setzt mich in Ruhe, aber auf andere Weise, als ich dachte.
Übrigens, auf was sich stützen? Unsere Huren könnten es noch mit den Guillotinen-
Betschwestern aufnehmen; sonst weiß ich nichts. Es läßt sich an den Fingern
herzählen: die Jakobiner haben erklärt, daß die Tugend an der Tagesordnung sei,
die Cordeliers nennen mich Héberts Henker, der Gemeinderat tut Buße, der Konvent
- das wäre noch ein Mittel! aber es gäbe einen 31. Mai, sie würden nicht gutwillig
weichen. Robespierre ist das Dogma der Revolution, es darf nicht ausgestrichen
werden. Es ginge auch nicht. Wir haben nicht die Revolution, sondern die Revolution
hat uns gemacht.
Und wenn es ginge - ich will lieber guillotiniert werden als guillotinieren lassen. Ich
hab es satt; wozu sollen wir Menschen miteinander kämpfen? Wir sollten uns
nebeneinander setzen und Ruhe haben. Es wurde ein Fehler gemacht, wie wir
geschaffen wurden; es fehlt uns etwas, ich habe keinen Namen dafür - aber wir
werden es einander nicht aus den Eingeweiden herauswühlen, was sollen wir uns
drum die Leiber aufbrechen? Geht, wir sind elende Alchymisten!
Camille . Pathetischer gesagt, würde es heißen: wie lange soll die Menschheit in
ewigem Hunger ihre eignen Glieder fressen? oder: wie lange sollen wir
Schiffbrüchige auf einem Wrack in unlöschbarem Durst einander das Blut aus den
Adern saugen? oder: wie lange sollen wir Algebraisten im Fleisch beim Suchen nach
dem unbekannten, ewig verweigerten X unsere Rechnungen mit zerfetzten Gliedern
schreiben?
Danton . Du bist ein starkes Echo.
Camille . Nicht wahr, ein Pistolenschuß schallt gleich wie ein Donnerschlag. Desto
besser für dich, du solltest mich immer bei dir haben.
Philippeau . Und Frankreich bleibt seinen Henkern?
Danton . Was liegt daran? Die Leute befinden sich ganz wohl dabei. Sie haben
Unglück; kann man mehr verlangen um gerührt, edel, tugendhaft oder witzig zu sein,
oder um überhaupt keine Langeweile zu haben? - Ob sie nun an der Guillotine oder
am Fieber oder am Alter sterben! Es ist noch vorzuziehen, sie treten mit gelenken
Gliedern hinter die Kulissen und können im Abgehen noch hübsch gestikulieren und
die Zuschauer klatschen hören. Das ist ganz artig und paßt für uns; wir stehen immer
auf dem Theater, wenn wir auch zuletzt im Ernst erstochen werden.
Es ist recht gut, daß die Lebenszeit ein wenig reduziert wird; der Rock war zu lang,
unsere Glieder konnten ihn nicht ausfüllen. Das Leben wird ein Epigramm, das geht
an; wer hat auch Atem und Geist genug für ein Epos in fünfzig oder sechzig
Gesängen? 's ist Zeit, daß man das bißchen Essenz nicht mehr aus Zubern, sondern
aus Likörgläschen trinkt; so bekommt man doch das Maul voll, sonst konnte man
kaum einige Tropfen in dem plumpen Gefäß zusammenrinnen machen.
Endlich - ich müßte schreien; das ist mir der Mühe zuviel, das Leben ist nicht die
Arbeit wert, die man sich macht, es zu erhalten.
Paris . So flieh, Danton!
Danton . Nimmt man das Vaterland an den Schuhsohlen mit?
Und endlich - und das ist die Hauptsache: sie werden's nicht wagen. (Zu Camille:)
Komm, mein Junge; ich sage dir, sie werden's nicht wagen. Adieu, adieu! ( Danton
und Camille ab
.)

1 Der Lehrer wählt für jeden Schüler passgenau einen der sechs Teilaspekte (vgl. die folgende Datei) ein.

(C) Text "Dantons Tod" Text mit freundlicher Genehmigung der Zenodot Verlagsgesellschaft mbH
  http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Dantons+Tod

  Selbsteinschätzung

 

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