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Der Erzähler

Der Erzähler als Erzählinstanz

"Wir schwiegen.
Dann sagte Agnes: »Ich bin schwanger ... Ich kriege ein Kind«, sagte sie. »Freust du dich?«
Ich stand auf und ging in die Küche, um mir ein Bier zu holen. Als ich zurückkam, saß Agnes auf meinem Schreibtisch und spielte mit einem Kugelschreiber. Ich setzte mich neben sie, ohne sie zu berühren. Sie nahm mir die Flasche aus der Hand und trank einen Schluck.
»Schwangere Frauen sollten keinen Alkohol trinken«, sagte ich und lachte verkrampft.
Sie boxte mich in die Schulter. »Und?« fragte sie. »Was sagst du?«
»Nicht gerade, was ich mir vorgestellt habe. Warum? Hast du die Pille vergessen?«
»Der Arzt sagt, es kann auch mit der Pille passieren. Ein Prozent oder so der Frauen, die die Pille nehmen ...«
Ich schüttelte den Kopf und sagte nichts. Agnes begann, leise zu weinen.
»Agnes wird nicht schwanger«, sagte ich. »Das war nicht... Du liebst mich nicht. Nicht wirklich" " (S. 89) [1]

"Ich schrieb.
Wir küßten uns.
Dann sagte Agnes: »Ich bekomme ein Kind.«
»Ein Kind?« sagte ich. »Das ist nicht möglich.«
»Doch«, sagte sie.
»Warum? Hast du die Pille vergessen?«
»Der Arzt sagt, es kann auch mit der Pille passieren. Ein Prozent der Frauen, die die Pille nehmen ...«
»Es richtet sich nicht gegen dich oder das Kind. Ich will nicht, daß du denkst...«, sagte ich, »aber ich habe Angst davor, Vater zu werden. Was kann ich einem Kind schon bieten ... ich meine nicht Geld.« Wir schwiegen. Schließlich sagte Agnes: »Dinge geschehen. Du wirst es nicht schlechter machen als die anderen. Wollen wir es nicht wenigstens versuchen?«
»Ja«, sagte ich, »wir werden es schon irgendwie schaffen.«

(S. 99) [1]

Der unzuverlässige Erzähler

"Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet."

Welche Hinweise gibt es dazu?
Peter Stamm hat in einem Interview dazu Stellung genommen:

"Na ja, die Übereinstimmung ist nicht so klar. Man weiß nicht wirklich, ob sie das tut, was er aufgeschrieben hat. Für ihn tut sie es , glaube ich, das zeigt eher, in welcher geistigen Verfassung er ist , dass er eben gar nicht mehr anders denken kann, als dass Agnes vorzieht, was er geschrieben hat.
Ich sage oft in Schulen, wenn die Frage kommt, dass es unwahrscheinlich ist, dass sie sich umbringt. Psychologisch betrachtet: Was würde ich machen, wenn eine Freundin über mich schreibt, dass ich mich umbringe? Dann würde ich vermutlich sagen: diese Beziehung hat keine Basis mehr. Oder ich gehe vielleicht besser weg, aber ich würde mich bestimmt nicht umbringen. Aber das ist auch nicht so wichtig, es geht in dem Buch nicht darum, eine reale Beziehung zu beschreiben, sondern in gewissem Sinne darum, die Macht der Beziehung zu zeigen . […]"


[1] Peter Stamm: Agnes . S. Fischer Verlag 2009, 5. Auflage, Fischer (Tb) © 1998 by Peter Stamm