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Moderner Roman?

04 Erarbeitungsaufgaben

44 Moderner Roman

Im Anschluss an Stamms „Agnes“ lohnt es sich für die Schüler zu prüfen, ob ein Merkmal des postmodernen Romans 1 auch in Max Frischs 1957 erschienenen „Homo faber“ entdeckt werden kann. Im Zentrum der Untersuchung steht das „ unzuverlässige/unglaubwürdige Erzählen 2 . „Ein unzuverlässiger Erzähler erzählt innerhalb der Fiktionslogik nicht die Wahrheit, zumindest nicht die ganze; und er fordert den Leser indirekt auf ,,eine zweite Version der erzählten Geschichte zu rekonstruieren.“ Es handelt sich beim unzuverlässigen Erzähler meist „um einen Ich-Erzähler, der tief in die erzählte Geschichte verstrickt ist, also um einen homodiegetischen Erzähler. Oft berichten die unzuverlässigen Erzähler als autodiegetische 3 Erzähler ihre eigene Geschichte. (...) In jedem Fall fordert das unzuverlässige Erzählen einen aktiven, detektivischen Leser, der permanent die ihm gegebenen Informationen in Frage stellt und auf ihre Wahrscheinlichkeit abklopft.“ 4

Eine detektivische Lesehaltung kann für Schülerinnen und Schüler im Sinne des entdeckenden Lernens interessant sein. Es geht darum, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, danach zu fragen, was hinter den zahlreichen, quasi programmatischen Äußerungen Walter Fabers steckt. Manche dieser im Bericht (Bericht? Tagebuch?) formulierten Statements kommen geradezu im Gewand einer „Regierungserklärung“ daher. Schlichte, dem Schüler vertraute Fragestellungen wie „Was sagt er? – „Was meint er?“ eröffnen ein Entdecken, das dazu führen kann, Walter Fabers Verblendung (Blindheit ist ein Leitmotiv des Romans) zu erkennen, die sich u.a. in selbstentlarvenden unbeabsichtigten Widersprüchen in/zwischen Wort und Handlung zeigen.

In der Handreichung D 115 5 werden die Merkmale des unzuverlässigen Erzählens (nach Nünning) aufgelistet und die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, in einem deduktiven Verfahren, solche Merkmale in den Romanen „Agnes“ und „Homo faber“ zu identifizieren. Diese Liste umfasst folgende Merkmale:

Merkmale unzuverlässigen Erzählens 6 :

  • offensichtliche Widersprüche, in die sich der Erzähler verstrickt, und andere Unstimmigkeiten seiner Erzählung;
  • Widersprüche zwischen den Aussagen und den Handlungen eines Erzählers;
  • Widersprüche zwischen der Selbstcharakterisierung des Erzählers und der Art, wie andere Figuren ihn charakterisieren;
  • Widersprüche zwischen der Wiedergabe der Ereignisse durch den Erzähler einerseits und seinen Erklärungen und Interpretationen andererseits;
  • verbale Äußerungen und Körpersprache anderer Figuren widersprechen dem Erzähler bzw. korrigieren ihn;
  • unterschiedliche Versionen desselben Geschehens werden dargeboten, wobei diejenige des Erzählers nicht unbedingt die gültige ist;
  • übertriebener Sprecherbezug: Vielzahl an Ich-zentrierten Äußerungen des Erzählers;
  • übertriebener Adressatenbezug: Erzähler spricht die Leserin / den Leser häufig direkt an bzw. versucht bewusst, dessen Auffassung des Geschehens zu lenken;
  • sprachliche Signale für Subjektivität und Emotionalität: rhetorische Mittel, die verraten, dass der Erzähler emotional sehr stark beteiligt ist (z. B. Ausrufe, Ellipsen, Einschübe, Wiederholungen, Regelverstöße);
  • Erzähler geht auffällig oft auf seine Glaubwürdigkeit ein (z. B. um diese zu bekräftigen: „Ihr werdet es nicht glauben, aber…“);
  • Erzähler gesteht seine Unglaubwürdigkeit ein (z. B. Erinnerungslücken, Parteilichkeit, Verdrängung bzw. Vergessenswunsch);
  • Signale im Titel, im Untertitel, im Vorwort, in einer Fußnote usw. (sofern diese auf den Autor zurückgehen);
  • *gravierender Widerspruch zwischen der Einstellung / dem Weltbild des Erzählers und dem des Lesers;
  • *übertriebene Sachlichkeit;
  • *unnötige Menge an Information, viel zu wenig Information oder fehlender Zusammenhang der gegebenen Informationen;
  • *übertriebene Urteilsfreude; diese ist z. B. erkennbar an wertenden Adjektiven oder überhaupt einer Häufung von Adjektiven, die Haltungen zum Ausdruck bringen).

(nach: Nünning, Ansgar F.: Reconceptualizing Unreliable Narration: Synthesizing Cognitive and Rhetorical Approaches. In: Phelan, James; Rabinowitz, Peter J. (Hrsg.): A Companion to Narrative, (Blackwell) Oxford 2005, S. 89-107, ergänzt um Merkmale (mit * markiert) aus ders.: Unreliable Narration zur Einführung: Grundzüge einer kognitiv-narratologischen Theorie und Analyse unglaubwürdigen Erzählens. In: Ders. (Hrsg.): Unreliable Narration. Studien zur Theorie und Praxis unglaubwürdigen Erzählens in der englischsprachigen Erzählliteratur, (wvt) Trier 1998, S. 3-39).

In der folgenden Übung (45) sollen die Schülerinnen und Schüler auf induktivem Wege, quasi detektivisch, Fabers unglaubwürdiges Erzählen entdecken.


1 Meier, Albert: (2006) Was ist postmoderne Literatur?:   http://home.hufs.ac.kr/~germanistik/ez2000/system/db/notice/upload/294/PoMoParfum.doc (letzter Aufruf 05.09. 2011)

2 Beßlich, Barbara, Grätz, Katharina, Hildebrand, Olaf: Wende des Erinnerns? Geschichts­konstruktionen in der deutschen Literatur nach 1989 (Erich Schmidt Verlag) Berlin 2006. Barbara Beßlich fasst hier – mit Referenz auf Wayne Booth (1961) und Ansgar Nünning (1998), Unreliable Narration – (S. 36-38) schön zusammen, wie das „unzuverlässige Erzählen“ zu verstehen ist.

3 Die verschiedenen Erzählebenen hat in einer Hierarchie der Diegese Genette in seiner Erzähltheorie entwickelt: Gérard Genette (1998): Die Erzählung . Hrsg. von Jochen Vogt. UTB, Stuttgart

4 (Beßlich, a.a.O. S.37)

5 Werke in Kontexten: Unterrichtsvorschläge und Materialien zu „Dantons Tod“, „Homo faber“ und „Agnes“, Landesinstitut für Schulentwicklung Stuttgart 2011 – D 115, S. 169f

6 vgl. die letzte Anmerkung auf der vorigen Seite

  Unzuverlässiger Erzähler

 

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