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Station 7, C: intertextuelle Bezüge berücksichtigen:

„Dantons Tod“ – Dialoganalyse 3 – Station 7
intertextuelle Bezüge berücksichtigen

C → C*

Ausschnitt aus einem Brief von Büchner an seine Familie:




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Straßburg, 28. Juli 1835.
[…] Über mein Drama muß ich einige Worte sagen: erst muß ich bemerken, daß die
Erlaubnis, einige Änderungen machen zu dürfen, allzusehr benutzt worden ist. Fast
auf jeder Seite weggelassen, zugesetzt, und fast immer auf die dem Ganzen
nachteiligste Weise. Manchmal ist der Sinn ganz entstellt oder ganz und gar weg,
und fast platter Unsinn steht an der Stelle. Außerdem wimmelt das Buch von den
abscheulichsten Druckfehlern. Man hatte mir keinen Korrekturbogen zugeschickt.
Der Titel ist abgeschmackt, und mein Name steht darauf, was ich ausdrücklich
verboten hatte; er steht außerdem nicht auf dem Titel meines Manuskripts.
Außerdem hat mir der Korrektor einige Gemeinheiten in den Mund gelegt, die ich in
meinem Leben nicht gesagt haben würde. Gutzkows glänzende Kritiken habe ich
gelesen und zu meiner Freude dabei bemerkt, daß ich keine Anlagen zur Eitelkeit
habe. Was übrigens die sogenannte Unsittlichkeit meines Buchs angeht, so habe ich
Folgendes zu antworten: der Dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts, als ein
Geschichtsschreiber, steht aber über Letzterem dadurch, daß er uns die Geschichte
zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockene Erzählung
zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristiken
Charaktere, und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine höchste Aufgabe ist, der
Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen. Sein
Buch darf weder sittlicher noch unsittlicher sein, als die Geschichte selbst ; aber die
Geschichte ist vom lieben Herrgott nicht zu einer Lektüre für junge Frauenzimmer
geschaffen worden, und da ist es mir auch nicht übel zu nehmen, wenn mein Drama
ebensowenig dazu geeignet ist. Ich kann doch aus meinem Danton und den
Banditen der Revolution nicht Tugendhelden machen! Wenn ich ihre Liederlichkeit
schildern wollte, so mußte ich sie eben liederlich sein, wenn ich ihre Gottlosigkeit
zeigen wollte, so mußte ich sie eben wie Atheisten sprechen lassen. Wenn einige
unanständige Ausdrücke vorkommen, so denke man an die weltbekannte, obszöne
Sprache der damaligen Zeit, wozu das, was ich meine Leute sagen lasse, nur ein
schwacher Abriß ist. Man könnte mir nur noch vorwerfen, daß ich einen solchen Stoff
gewählt hätte. Aber der Entwurf ist längst widerlegt. Wollte man ihn gelten lassen, so
müßten die größten Meisterwerke der Poesie verworfen werden. Der Dichter ist kein
Lehrer der Moral, er erfindert und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten
wieder aufleben, und die Leute mögen dann darus lernen, so gut, wie aus dem
Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben
um sie herum vorgeht. Wenn man so wollte, dürfte man keine Geschichte studieren,
weil sehr viele unmoralische Dinge darin erzählt werden, müßte mit verbundenen
Augen über die Gasse gehen, weil man sonst Unanständigkeiten sehen könnte, und
müßte über einen Gott Zeter schreien, der eine Welt erschaffen, worauf so viele
Liederlichkeiten vorfallen. Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter
müsse die Welt nicht zeigen wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich,
daß ich es nicht besser machen will, als der liebe Gott, der die Welt gewiß gemacht
hat, wie sie sein soll. Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich,
daß sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos,
aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben, deren Leid und Freude
mich mitempfinden macht, und deren Tun und Handeln mir Abscheu oder
Bewunderung einflößt. Mit einem Wort, ich halte viel auf Goethe oder Shakespeare,
aber sehr wenig auf Schiller. Daß übrigens noch die ungünstigsten Kritiken
erscheinen werden, versteht sich von selbst; denn die Regierungen müssen doch
durch ihre bezahlten Schreiber beweisen lassen, daß ihre Gegner Dummköpfe oder
unsittliche Menschen sind. Ich halte übrigens mein Werk keineswegs für
vollkommen, und werde jede wahrhaft ästhetische Kritik mit Dank annehmen.

(C) Text "Brief Büchner" mit freundlicher Genehmigung der BüchnerBühne Riedstadt
http://www.buechnerbuehne.de/Resources/Briefe.pdf

In diesem Brief verteidigt sich Büchner auch gegen den Vorwurf, sein „Danton“ sei unsittlich. Wählen Sie eine „unsittliche“ Stelle aus und erläutern Sie an diesem Beispiel Büchners Argumentation aus dem Brief.
Beurteilen Sie, inwieweit „Dantons Tod“ den ästhetischen Merkmalen entspricht, die Büchner in seinem Brief fordert.

Der Operator „erläutern“ verlangt von Ihnen, den angesprochenen Sachverhalt mit eigenen Worten zu verdeutlichen.

Der Operator „beurteilen“ verlangt von Ihnen zu überprüfen, inwieweit Büchner die von ihm im Brief genannten ästhetischen Merkmale tatsächlich in seinem Drama umgesetzt hat.


Fortbildungsmaterial zum standardbasierten und kompetenzorientierten Unterricht im Fach Deutsch (Kursstufe)

  Lösungsvorschläge A

 

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