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Fatalismus-Brief Arbeitsblatt 7

"Dantons Tod": Dialoganalyse 2 - Sprache als Spiegel sozialer Verhältnisse - "Fatalismus-Brief" (AB 7)

Ausschnitt aus einem Brief Büchners an seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé in Straßburg

[Gießen, nach dem 10. März 1834.]






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Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei ist. Hügel hinter Hügel und breite Täler, eine hohe Mittelmäßigkeit in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen, und die Stadt ist abscheulich. Bei uns ist Frühling, ich kann deinen Veilchenstrauß immer ersetzen, er ist  unsterblich wie der Lama. Lieb Kind, was macht denn die gute Stadt Straßburg? es geht dort allerlei vor, und du sagst kein Wort davon. Je baise les petites mains, en goûtant les souvenirs doux de Strasbourg. - "Prouve-moi que tu m'aimes encore beaucoup en me donnant bientôt des nouvelles." Und ich ließ dich warten! Schon seit einigen Tagen nehme ich jeden Augenblick die Feder in die Hand, aber es war mir unmöglich, nur ein Wort zu schreiben. Ich studiere die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem Gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Es fällt mir nicht mehr ein, vor den Paradegäulen und Eckstehern der Geschichte mich zu bücken. Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser. Das muß ist eins von den Verdammungsworten, womit der Mensch getauft worden. Der Ausspruch: es muß ja Ärgernis kommen, aber wehe dem, durch den es kommt, – ist schauderhaft. Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen. Könnte ich aber dies kalte und gemarterte Herz an deine Brust legen! B. wird dich über mein Befinden beruhigt haben, ich schrieb ihm. Ich verwünsche meine Gesundheit. Ich glühte, das Fieber bedeckte mich mit Küssen und umschlang mich wie der Arm der Geliebten. Die Finsternis wogte über mir, mein Herz schwoll in unendlicher Sehnsucht, es drangen Sterne durch das Dunkel, und Hände und Lippen bückten sich nieder. Und jetzt? Und sonst? Ich habe nicht einmal die Wollust des Schmerzes und des Sehnens. Seit ich über die Rheinbrücke ging, bin ich wie in mir vernichtet, ein einzelnes Gefühl taucht nicht in mir auf. Ich bin ein Automat; die Seele ist mir genommen. Ostern ist noch mein einziger Trost; ich habe Verwandte bei Landau, ihre Einladung und die Erlaubnis, sie zu besuchen. Ich habe die Reise schon tausendmal gemacht und werde nicht müde. – Du frägst mich: sehnst du dich nach mir? Nennst du's Sehnen, wenn man nur in einem Punkt leben kann und wenn man davon gerissen ist, und dann nur noch das Gefühl seines Elends hat? Gib mir doch Antwort. Sind meine Lippen so kalt?

[…] – Dieser Brief ist ein Charivari 1 : ich tröste dich mit einem anderen.


1 Katzenmusik

(C) Text "Brief Büchner" mit freundlicher Genehmigung der BüchnerBühne Riedstadt
http://www.buechnerbuehne.de/Resources/Briefe.pdf

Arbeitsanweisungen

(Informieren Sie sich genau, welche Anforderungen mit den fett gedruckten Operatoren verbunden sind, und bearbeiten Sie eine der drei Möglichkeiten in EA oder PA.)

A

Markieren Sie die wesentlichen Aussagen des Briefes.

Fassen Sie die Aussagen in eigenen Worten schriftlich zusammen .

B

Charakterisieren Sie Büchners Geschichtsverständnis.

Vergleichen Sie die Aussagen des Briefes mit Szene II,1 und fassen Sie Ihre Ergebnisse stichwortartig und nach Oberbegriffen geordnet zusammen .

C

Suchen Sie im Drama nach weiteren Textstellen zum Menschen- und Geschichtsbild und bewerten Sie die gefundenen Aussagen im Zusammenhang mit Büchners Brief. Halten Sie Ihre Ergebnisse stichwortartig fest.

  Baustein 3 - Frauenfiguren

 

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