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Romananfang ins Auszügen

81 Uwe Timm, Der Schlangenbaum

der Romananfang in Auszügen

Es wird leicht einsichtig, wie gut und leicht Schülerinnen und Schüler Situation und Weltbild des Protagonisten Wagner nach einer gründlichen Beschäftigung mit „Homo faber“ verstehen können. Man könnte zum Einstieg den Schülerinnen und Schülern die Aufgabe stellen, am Computer die Passagen zu markieren, die eine Affinität zu „Homo faber“ aufweisen. Die Lösung sieht so aus:

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Der Beton dampfte. Das Regenwasser stand noch auf der Piste, und im Westen türmten sich blauschwarz die Gewitterwolken, durch die sie geflogen waren . Die Maschine hatte, nach einem unruhigen und durch Böen verwackelten Anflug, sanft aufgesetzt und war zu dem Flughafengebäude hinübergerollt. Als die Türen geöffnet wurden, drang langsam diese leuchtschwere Hitze in die der Geruch nach Kerosin und Algen. Wagner glaubte, den Fluß und die nahen Sümpfe zu riechen.

Er stieg als erster aus und ging zu der Ankunftshalle hinüber, einem kleinen schäbigen Flachbau. Schon nach wenigen Schritten war sein Hemd durchgeschwitzt , die Hose klebte ihm an den Beinen. In der Gepäckausgabe drehten sich leer die Transportbänder. Er lehnte sich an einen Pfeiler und zündete sich eine Zigarette an. Rauchend beobachtete er die Passagiere, die an das Gepäckband drängten, irgendwelche Geschäftsleute, Ingenieure und Manager, ein paar sorgfältig frisierte Frauen, dunkelhaarig und braungebrannt. Er war ein wenig enttäuscht, denn er hatte sich die Menschen anders vorgestellt, verwegener im Aussehen, mit indianischen Gesichtszügen. Diese hier hätten in ihren Anzügen und Kostümen, in denen sie trotz der Hitze so erstaunlich frisch wirkten, auch in Rom oder Madrid stehen können. Nur die Passagiere, die mit ihm, aus Frankfurt kommend, in Buenos Aires umgestiegen waren, fielen auf: bleiche verschwitzte Gesichter, nach zweiundzwanzig Stunden Flug.

Gestern, am frühen Morgen, war er im Taxi zum Hamburger Flughafen gefahren. An den Straßenrändern lagen noch, dreckig grau, die Reste des Schnees, der nachts gefallen war. Beim Frühstück hatte er mit Susann all jene Dinge durchgesprochen, die sie in den nächsten Tagen noch erledigen mußte. […]

In die wartenden Passagiere kam eine plötzliche Bewegung. Auf dem Transportband erschienen die ersten Gepäckstücke, darunter auch sein großer Aluminiumkoffer. Er hob ihn vorn Band und wartete, bis auch der andere, etwas kleinere, kam.

Berthold haue ihm empfohlen, beim Zoll eine Zehndollarnote in den Paß zu legen. So könne man das lästige Aus- und Einpacken vermeiden. Aber in der Firmenleitung hatte man ihm gesagt, er müsse sich keine Gedanken machen, es reiche aus, wenn er den Firmenbrief mit der Arbeitsbestätigung vorzeige.

Wagner stand beim Zoll hinter einer älteren Frau. Sie war ihm schon in Frankfurt aufgefallen, weil sie einen breitkrempigen Strohhut trug, den sich Reisende sonst aus Südamerika mitbringen.

Jetzt redete sie auf spanisch auf den Zollbeamten ein, der mit gleichmütigem Gesicht verschiedene Pillendosen und auf dem Tisch ausschüttete, wo schon Wäsche und Kleidungsstücke verstreut lagen.

Der Zöllner machte eine unwirsche Handbewegung: Die Frau solle alles wieder einpacken. Er kam zu Wagner, las den Firmenbrief und machte mit Kreide ein Zeichen auf den Koffer. Wagner durfte durchgehen.

Am Ausging drängten sich Menschen, die auf die Ankommenden warteten. Unter ihnen entdeckte er einen großen, rotblonden Mann, der ein Stück Pappe hochhielt mir der Aufschrift: Wagner.

Wagner winkte ihm. Der Mann zwängte sich durch die Wartenden und sagte etwas, was nach Guten Morgen klang, dann gab er Wagner die Hand, eine extrem große, fleischige Hand. Er warf das Pappschild in einen Papierkorb, griff sich sodann die beiden schweren Koffer und trug sie, fast mühelos, aus der Flughafenhalle.

Sie gingen zu dem Parkplatz hinüber. Der Asphalt gab weich unter dem Schritt nach, und über den Autodächern flimmerte die Luft. Ihm lief der Schweiß über die Stirn und durch die Brauen brennend in die Augen. Er bereute es, kein Stofftaschentuch eingesteckt zu haben, denn sein Papiertaschentuch war nur noch ein kleines fusselndes Knäuel.

Auf einem Gerüst, vor der Ankunftshalle, schrieb eine meterhohe Leuchtreklame den Namen seiner Firma in den Himmel und legte zum Schluß in Gelb das ovale Firmenzeichen herum.

Der Chauffeur öffnete die Fondtür eines alpinweißen Mercedes. Wagner stieg in eine angenehme Kühle und ließ sich in die Polster fallen. Die Klimaanlage lief mit einem leisen Fauchen. Der Chauffeur legte die Koffer in den Kofferraum, ging um den Wagen, griff in die Jackentasche und steckte den Mercedesstern auf den Kühler.

Sie fuhren auf einer breiten Betonstraße. Rechts und links erstreckte sich eine graubraun vertrocknete Graslandschaft, in der ein paar zerzauste Palmen und staubbedeckte Eukalyptusbäume standen. Dazwischen, versumpft und mit dichtem Schilf bestanden, Lagunen, aus denen schwerfällig, vorn Motorgeräusch aufgeschreckt, Reiher hochruderten. An den Sumpfrändern lange weiße Streifen wie Schnee, die aber plötzlich zu einer weißen Wolke aufflogen: Schmetterlinge . Am Straßenrand wälzte der Wind Staubwolken entlang und trieb Papierfetzen und Plastikmüll über die Fahrbahn. Hin und wieder standen Häuser an der Straße, kleine weißgetünchte: Steinhäuser, mit verschachtelten Dächern. Viele Lastwagen waren unterwegs und ein paar Überlandbusse. Einmal mußte der Chauffeur um ein totes Pferd herumfahren, das auf der Straße lag und dem bläulich-schwarz Gedärme aus dem After gedrückt worden waren. Ein wenig später war der Geruch von Aas im Auto.

[…]

Der Fahrer bremste, fuhr auf die Bankette, stieg aus, stellte sich vor den Wägen und pinkelte.

Wagner harre die ganze Zeit das Gefühl, in die falsche Richtung zu fahren. Er hatte sich zu Hause auf einer Landkarte genau die Strecke eingeprägt, die zur Baustelle führte. Er hatte sich die Landschaft hügeliger vorgestellt. Vor allein aber fuhren sie in südöstlicher statt in nordwestlicher Richtung. Ihn durchzuckte der Gedanke, daß ei- entführt würde, so wie einer seiner beiden Vorgänger auf der Baustelle entführt worden war, aber dieser Gedanke war, wenn er sich den andenhessisch sprechenden Fahrer ansah, lächerlich. Als sie weiterfuhren, fragte Wagner, ob diese Straße zum Meer führe.

Naa, sagte der Fahrer, ins Landesinnere (er sagte: Ladinerè).

Aber wir fahren doch nach Südosten, sagte Wagner. Naa, Nordwesten.

Wagner glaubte, daß die Familie in ihrer langen Abgeschiedenheit die Benennung der Himmelsrichtungen vertauscht habe. Wagner zeigte zur Sonne: Süden.

Naa, Norden, sagte der Mann.

Wagner beschrieb mit einer Handbewegung den Lauf der Sonne.

Naa, sagte der Mann und zeigte eine andere Linie.

Erst jetzt wurde Wagner klar, daß er hier die Sonne in einem anderen Blickwinkel hatte. Er würde umdenken müssen.

(C) Text "Der Schlangenbaum, Uwe Timm" Text mit freundlicher Genehmigung des DTV Verlags, Köln (KiWi) 1986, München dtv (12643) 1999, S. 7-12

  Literaturhinweise

 

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