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Lösungsvorschläge

„Dantons Tod“ – Dialoganalyse 3 – Station 4:
Lösungsvorschläge

A → B

In dieser Szene könnte man den Eindruck einer komplementären Beziehung zwischen Camille und Lucile gewinnen, denn Luciles Verhalten gegenüber ihrem Mann spricht für absolute Liebe und Hingabe. Von dem Gespräch zwischen Danton und Camille hat sie gar nichts verstanden (Z. 6), aber sie lauscht allem, was ihr Mann sagt, mit Begeisterung, weil sie ihn so gerne sprechen sehe (Z. 2). In den ersten sechs Zeilen erscheint die Beziehung als eine sehr einseitige: der dominante Mann und die von ihm völlig abhängige Frau. Sie vergöttert ihn geradezu.

Nachdem Danton von seiner beschlossenen Verhaftung berichtet hat und wieder gegangen ist, wird Lucile allerdings sehr aktiv und drückt deutlich ihre Sorge aus, dass nach Danton auch ihr Mann verhaftet werden könnte (Z. 24f.), womit sie mehr Wirklichkeitssinn zeigt als ihr Mann, der sich in Sicherheit glaubt, weil er ein Schulfreund von Robespierre sei (Z. 34-36). Die Sorge um ihren Mann belastet Lucile so sehr, dass sie sich bereits dem Wahnsinn nahe sieht (Z. 25), eine Vorausdeutung auf ihr späteres Schicksal. Camille versucht Lucile mit dem Hinweis auf seine gute persönliche Beziehung zu Robespierre zu beruhigen (Z. 30ff.), aber so richtig gelingt ihm dies nicht, wie der Monolog von Lucile am Ende der Szene zeigt (Z. 39-47). Hier lässt sie ganz ihren Gefühlen Lauf, wobei sie im Gegensatz zu Camille, der nüchtern und sachlich spricht, in der ganzen Szene als eine von ihren Emotionen beherrschte Frau erscheint. Im Monolog spricht sie von der gewaltsamen Trennung von ihrem Mann wie von einem unmittelbar bevorstehenden Ereignis (Z. 41f.), und sieht auch bereits den Tod ihres Mannes voraus (Z. 46). Damit zeigt sie eine visionäre Klarsicht, der gegenüber Danton und Camille als geradezu blind erscheinen.

Dass die Beziehung zwischen Lucile und Camille durchaus auch eine symmetrische Komponente hat, zeigt sich in späteren Szenen. Im Gefängnis (IV.3 bis IV.5) wird die starke emotionale Bindung von Camille an seine Frau deutlich. Er macht sich Sorgen, dass sie auch verhaftet werden könnte (IV.3) und leidet darunter, dass sie wahnsinnig geworden ist (IV.5), wie in IV.4 gezeigt wird. Lucile erweist sich als absolut treu und will ihrem Mann in den Tod folgen. Deshalb lässt sie sich in der Schlussszene als Anhängerin der Monarchie verhaften. Sie weiß, dass das ihren sicheren Tod auf der Guillotine bedeutet.

B → C

Zu Lucile vgl. oben. Julie hat es mit ihrem Mann sicher nicht leicht (vgl. I.1: „Glaubst du an micht? – Was weiß ich.“ ... „Du kennst mich Danton. – Ja, was man so kennen heißt.“). Trotzdem zeigt sie ihm gegenüber eine unverbrüchliche Liebe und Treue (was man von Danton nicht sagen kann). Julie kann ihren Mann in II.5 durch ihre einfühlsame und verständnisvolle Art wenigstens für den Moment beruhigen. Sie kennt ihn also sehr genau. Nach seiner Verhaftung und Verurteilung wählt sie den Freitod und vergiftet sich sogar noch vor seiner Hinrichtung (IV.6). Sie organisiert ihren Tod so umsichtig, dass Danton davon erfährt (IV.2 bzw. IV.1 – je nach Ausgabe). Julies Entscheidung gibt ihm angesichts seines bevorstehenden Todes Halt (IV.3). In III.7 wünscht er sich sogar, dass sie mit ihm stirbt. Dass sein Wunsch in Erfüllung geht, ist ein deutlicher Beleg für Julies absolute Liebe und Hingabe sowie dafür, dass sie ihren Mann bestens versteht. Im Vergleich zur Beziehung zwischen Camille und Lucile erscheint Danton allerdings als der schwierigere und rücksichtslosere Partner, während Camilles und Luciles Beziehung sehr romantisch wirkt.

Es ist bemerkenswert, dass Büchner bei den beiden Frauengestalten von der historischen Wirklichkeit abweicht, obwohl er sich sonst sehr eng an seine Quellen hält. Bei Lucile wird die politische Komponente völlig weggelassen, bei Danton seine zweite Frau, die ihn um mehr als 60 Jahre überlebte, verschwiegen. Die Frauen werden auf ihre private Rolle als (aus Männersicht) perfekte Ehefrauen reduziert. Es liegt nahe, darin die bewusste Konstruktion einer Gegenwelt zur politischen Sphäre der Ehemänner zu vermuten.

C → C*

Die Grisette Marion ist eine gesellschaftliche Außenseiterin (Z. 48f.). Sie entspricht eher einem Typus, stellt also keinen selbstständigen Charakter mit individuellen Zügen dar, sondern repräsentiert eine bestimmte Weltanschauung, nämlich die epikuräische Lebenseinstellung (Z. 51f.). Weil sie ganz diesem Prinzip entspricht, strahlt sie eine große Selbstsicherheit und Geschlossenheit aus. Sie lebt mit sich im Gleichgewicht (Z. 46f.).

Der auffallend lange Monolog, der ihr von Büchner eingeräumt wird, spricht für ihre Bedeutung, auch wenn sie nur in dieser Szene auftritt. In einer einfachen und natürlichen Sprache drückt sie ihr Lebensgefühl gegenüber Danton aus, der „an ihren Lippen hängt“. Was beide verbindet, ist das epikuräische Lebensgefühl. Bei Marion kann Danton vergessen, kennt für den Augenblick seinen inneren Konflikt zwischen Lebensgenuss und Lebensüberdruss (Weltschmerz, Nihilismus) nicht mehr. Deshalb wünscht er sich, mit Marion auch in einem geistigen Sinne zu verschmelzen (Z. 53ff.).

Trotzdem führt er auch eine von seiner Seite durch Vertrauen und Liebe gekennzeichnete Ehe mit Julie, wie sich vor allem im IV. Akt zeigt, als Julie den Freitod wählt und Danton dadurch angesichts seiner Todesangst etwas Halt gibt.

Insgesamt bilden die Frauen (Marion, Julie und Lucile) in ihrer Menschlichkeit, Kreatürlichkeit und Emotionalität sowie ihrer Ausgeglichenheit (Marion, auch Julie) einen Gegenpol zur Welt des Politischen und der Gewalt. Interessanter Weise finden sich die Frauenfiguren nur auf der Seite der Dantonisten. Im Lager von Robespierre spielen sie keine Rolle. Robespierre meidet wegen seiner Tugendvorstellung alle Kontakte mit Frauen. Nur Dumas, der Präsident des Revolutionstribunals, berichtet in IV.1 (bzw. IV.2 – je nach Ausgabe) einem entsetzten Bürger aus der Provinz, dass er sich von seiner Frau trennen werde, indem er sie zur Guillotine verurteilen lasse.

Liebe, Treue und Menschlichkeit spielen also nur bei den Dantonisten eine Rolle, verkörpert durch die rein auf das Private reduzierte Welt ihrer Frauen, während sich die Anhänger von Robespierre nur von ihrem Machtinstinkt leiten lassen. Eine mögliche zu diskutierende Frage wäre, ob Büchner die Gegenwelt der Frauen lediglich aus dramaturgischen Gründen aufgebaut hat, also um den Kontrast zwischen den Lagern von Robespierre und Danton noch deutlicher, d. h. bühnenwirksamer zu konturieren, oder ob dahinter eine Art Hoffnungsschimmer angesichts des Fatalismus der Geschichte vermutet werden darf. Für die Beantwortung dieser Frage muss man textexterne Bezüge, zum Beispiel Büchners Briefe, berücksichtigen.


Fortbildungsmaterial zum standardbasierten und kompetenzorientierten Unterricht im Fach Deutsch (Sek. I Gym.)

  S5 Gesprächsverhalten

 

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