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Fabers Selbstinszenierung

64 Fabers Selbstinszenierung:

Dem unzuverlässigen Erzähler auf die Schliche kommen

„Was sonst nicht meine Art ist“

Text 1 S. 16 f

    Zeit 10.25 Uhr.

    Ohne unsere Verspätung wegen Schneesturm in den nördlichen

Staaten wären wir jetzt in Mexico-City gelandet, ich sagte es

meinem Düsseldorfer - bloß um zu reden. Ich hasse Feierlichkeit.

    Keine Antwort.

    Ich fragte nach seiner genauen Zeit -

    Keine Antwort.

    Die Motoren, die drei anderen, liefen in Ordnung, von Ausfall nichts zu spüren, ich sah, daß wir die Höhe hielten, dann Küste im Dunst, eine Art von Lagune, dahinter Sümpfe. Aber von Tampico noch nichts zu sehen. Ich kannte Tampico von früher, von einer Fischvergiftung, die ich nicht vergessen werde bis ans Ende meiner Tage.

    »Tampico«, sagte ich, »das ist die dreckigste Stadt der Welt. Ölhafen, Sie werden sehen, entweder stinkt's nach Öl oder nach Fisch -«

    Er fingerte an seiner Schwimmweste.

    »Ich rate Ihnen wirklich«, sagte ich, »essen Sie keinen Fisch, mein Herr, unter keinen Umständen -«

    Er versuchte zu lächeln.

    »Die Einheimischen sind natürlich immun«, sagte ich, »aber unsereiner -«

    Er nickte, ohne zu hören. Ich hielt ganze Vorträge, scheint es, über Amöben, beziehungsweise über Hotels in Tampico. Sobald ich merkte, daß er gar nicht zuhörte, mein Düsseldorfer, griff ich ihn am Ärmel, was sonst nicht meine Art ist, im Gegenteil, ich hasse diese Manie, einander am Ärmel zu greifen. Aber anders hörte er einfach nicht zu. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte meiner langweiligen Fischvergiftung in Tampico, 1951, also vor sechs Jahren - Wir flogen indessen, wie sich zeigte, gar nicht der Küste entlang, sondern plötzlich landeinwärts. Also doch nicht Tampico! Ich war sprachlos, ich wollte mich bei der Stewardeß erkundigen.

Text 2 S. 88

    Wenn ich mir vorstellte, wie man sich in vierundzwanzig Stunden verabschieden wird, Lebwohl nach allen Seiten, Lebwohl mit lauter guten Wünschen und Humor, Mister Lewin: Viel Glück in der Landwirtschaft! und unser Baptist: Viel Glück im Louvre! und das Mädchen mit dem rötlichen Roßschwanz und mit seiner unbeschriebenen Zukunft: Viel Glück! - es machte mir Mühe, wenn ich daran dachte, daß man nie wieder voneinander hören wird.

    Ich saß in der Bar -

    Reisebekanntschaften!

    Ich wurde sentimental, was sonst nicht meine Art ist, und es gab einen großen Ball, wie offenbar üblich, es war der letzte Abend an Bord, zufällig mein fünfzigster Geburtstag; davon sagte ich natürlich nichts.

Es war mein erster Heiratsantrag.

Text 3 S. 135 f

(…) Ich fröstelte, aber ich hatte keine Lust, mein blutiges Hemd nochmals anzuziehen - ich antwortete nicht, als Hanna mich rief.

    Was mit mir los sei?

    Ich wußte es selbst nicht.

    Ob Tee oder Kaffee?

    Ich war erschöpft von diesem Tag, daher meine Entschlußlosigkeit, was sonst nicht meine Art ist, und daher die Spintisiererei (die Badewanne als Sarkophag; etruskisch!), geradezu ein Delirium von fröstelnder Entschlußlosigkeit -

    »Ja«, sage ich, »ich komme.«

    Eigentlich hatte ich nicht im Sinn gehabt, Hanna wiederzusehen; nach unsrer Ankunft in Athen wollte ich sofort auf den Flugplatz hinaus -

    Meine Zeit war abgelaufen.

Aufgaben: (in der ABC-Gruppe)

  • Verteilen Sie in der Gruppe die Textausschnitte zur Bearbeitung.
  • Stellen Sie Ihre Textpassage kurz in den Erzählzusammenhang.
  • Beschreiben Sie Walter Fabers Verhalten bzw. seine Gefühlslage. Interpretieren Sie die Selbstdeutung des Protagonisten „Was sonst nicht meine Art ist“ .
  • Beachten Sie bei Text 1 vor allem auch die Gesprächsanteile und das Gesprächsverhalten.
  • Tauschen Sie die Ergebnisse untereinander aus und halten Sie Gemeinsamkeiten fest.
  • Verfassen Sie nun in Einzelarbeit einen Text zum Thema

„Fabers Selbstinszenierung“ .

Variante

Neben diesem induktiven Erschließen des unzuverlässigen Erzählens sei auf die Anregungen von Jan-Arne Sohns verwiesen, der das unzuverlässige Erzählen eher deduktiv erarbeiten lässt. 1


1 Werke in Kontexten: Unterrichtsvorschläge und Materialien zu „Dantons Tod“, „Homo faber“ und „Agnes“, Landesinstitut für Schulentwicklung Stuttgart 2011 – D 115, S. 169 f

  Dialoganalyse: Faber - Sabeth

 

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