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Mo­der­ner Roman?

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Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

04 Er­ar­bei­tungs­auf­ga­ben

44 Mo­der­ner Roman

Im An­schluss an Stamms „Agnes“ lohnt es sich für die Schü­ler zu prü­fen, ob ein Merk­mal des post­mo­der­nen Ro­mans 1 auch in Max Frischs 1957 er­schie­ne­nen „Homo faber“ ent­deckt wer­den kann. Im Zen­trum der Un­ter­su­chung steht das „ un­zu­ver­läs­si­ge/un­glaub­wür­di­ge Er­zäh­len 2 . „Ein un­zu­ver­läs­si­ger Er­zäh­ler er­zählt in­ner­halb der Fik­ti­ons­lo­gik nicht die Wahr­heit, zu­min­dest nicht die ganze; und er for­dert den Leser in­di­rekt auf ,,eine zwei­te Ver­si­on der er­zähl­ten Ge­schich­te zu re­kon­stru­ie­ren.“ Es han­delt sich beim un­zu­ver­läs­si­gen Er­zäh­ler meist „um einen Ich-Er­zäh­ler, der tief in die er­zähl­te Ge­schich­te ver­strickt ist, also um einen ho­mo­die­ge­ti­schen Er­zäh­ler. Oft be­rich­ten die un­zu­ver­läs­si­gen Er­zäh­ler als au­to­die­ge­ti­sche 3 Er­zäh­ler ihre ei­ge­ne Ge­schich­te. (...) In jedem Fall for­dert das un­zu­ver­läs­si­ge Er­zäh­len einen ak­ti­ven, de­tek­ti­vi­schen Leser, der per­ma­nent die ihm ge­ge­be­nen In­for­ma­tio­nen in Frage stellt und auf ihre Wahr­schein­lich­keit ab­klopft.“ 4

Eine de­tek­ti­vi­sche Le­se­hal­tung kann für Schü­le­rin­nen und Schü­ler im Sinne des ent­de­cken­den Ler­nens in­ter­es­sant sein. Es geht darum, die Schü­le­rin­nen und Schü­ler zu be­fä­hi­gen, da­nach zu fra­gen, was hin­ter den zahl­rei­chen, quasi pro­gram­ma­ti­schen Äu­ße­run­gen Wal­ter Fa­bers steckt. Man­che die­ser im Be­richt (Be­richt? Ta­ge­buch?) for­mu­lier­ten State­ments kom­men ge­ra­de­zu im Ge­wand einer „Re­gie­rungs­er­klä­rung“ daher. Schlich­te, dem Schü­ler ver­trau­te Fra­ge­stel­lun­gen wie „Was sagt er? – „Was meint er?“ er­öff­nen ein Ent­de­cken, das dazu füh­ren kann, Wal­ter Fa­bers Ver­blen­dung (Blind­heit ist ein Leit­mo­tiv des Ro­mans) zu er­ken­nen, die sich u.a. in selbst­ent­lar­ven­den un­be­ab­sich­tig­ten Wi­der­sprü­chen in/zwi­schen Wort und Hand­lung zei­gen.

In der Hand­rei­chung D 115 5 wer­den die Merk­ma­le des un­zu­ver­läs­si­gen Er­zäh­lens (nach Nün­ning) auf­ge­lis­tet und die Schü­le­rin­nen und Schü­ler auf­ge­for­dert, in einem de­duk­ti­ven Ver­fah­ren, sol­che Merk­ma­le in den Ro­ma­nen „Agnes“ und „Homo faber“ zu iden­ti­fi­zie­ren. Diese Liste um­fasst fol­gen­de Merk­ma­le:

Merk­ma­le un­zu­ver­läs­si­gen Er­zäh­lens 6 :

  • of­fen­sicht­li­che Wi­der­sprü­che, in die sich der Er­zäh­ler ver­strickt, und an­de­re Un­stim­mig­kei­ten sei­ner Er­zäh­lung;
  • Wi­der­sprü­che zwi­schen den Aus­sa­gen und den Hand­lun­gen eines Er­zäh­lers;
  • Wi­der­sprü­che zwi­schen der Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung des Er­zäh­lers und der Art, wie an­de­re Fi­gu­ren ihn cha­rak­te­ri­sie­ren;
  • Wi­der­sprü­che zwi­schen der Wie­der­ga­be der Er­eig­nis­se durch den Er­zäh­ler ei­ner­seits und sei­nen Er­klä­run­gen und In­ter­pre­ta­tio­nen an­de­rer­seits;
  • ver­ba­le Äu­ße­run­gen und Kör­per­spra­che an­de­rer Fi­gu­ren wi­der­spre­chen dem Er­zäh­ler bzw. kor­ri­gie­ren ihn;
  • un­ter­schied­li­che Ver­sio­nen des­sel­ben Ge­sche­hens wer­den dar­ge­bo­ten, wobei die­je­ni­ge des Er­zäh­lers nicht un­be­dingt die gül­ti­ge ist;
  • über­trie­be­ner Spre­cher­be­zug: Viel­zahl an Ich-zen­trier­ten Äu­ße­run­gen des Er­zäh­lers;
  • über­trie­be­ner Adres­sa­ten­be­zug: Er­zäh­ler spricht die Le­se­rin / den Leser häu­fig di­rekt an bzw. ver­sucht be­wusst, des­sen Auf­fas­sung des Ge­sche­hens zu len­ken;
  • sprach­li­che Si­gna­le für Sub­jek­ti­vi­tät und Emo­tio­na­li­tät: rhe­to­ri­sche Mit­tel, die ver­ra­ten, dass der Er­zäh­ler emo­tio­nal sehr stark be­tei­ligt ist (z. B. Aus­ru­fe, El­lip­sen, Ein­schü­be, Wie­der­ho­lun­gen, Re­gel­ver­stö­ße);
  • Er­zäh­ler geht auf­fäl­lig oft auf seine Glaub­wür­dig­keit ein (z. B. um diese zu be­kräf­ti­gen: „Ihr wer­det es nicht glau­ben, aber…“);
  • Er­zäh­ler ge­steht seine Un­glaub­wür­dig­keit ein (z. B. Er­in­ne­rungs­lü­cken, Par­tei­lich­keit, Ver­drän­gung bzw. Ver­ges­sens­wunsch);
  • Si­gna­le im Titel, im Un­ter­ti­tel, im Vor­wort, in einer Fuß­no­te usw. (so­fern diese auf den Autor zu­rück­ge­hen);
  • *gra­vie­ren­der Wi­der­spruch zwi­schen der Ein­stel­lung / dem Welt­bild des Er­zäh­lers und dem des Le­sers;
  • *über­trie­be­ne Sach­lich­keit;
  • *un­nö­ti­ge Menge an In­for­ma­ti­on, viel zu wenig In­for­ma­ti­on oder feh­len­der Zu­sam­men­hang der ge­ge­be­nen In­for­ma­tio­nen;
  • *über­trie­be­ne Ur­teils­freu­de; diese ist z. B. er­kenn­bar an wer­ten­den Ad­jek­ti­ven oder über­haupt einer Häu­fung von Ad­jek­ti­ven, die Hal­tun­gen zum Aus­druck brin­gen).

(nach: Nün­ning, Ans­gar F.: Re­con­cep­tua­li­zing Un­re­lia­ble Nar­ra­ti­on: Syn­the­si­zing Co­gni­ti­ve and Rhe­to­ri­cal Ap­proa­ches. In: Phe­lan, James; Ra­bi­no­witz, Peter J. (Hrsg.): A Com­pa­ni­on to Nar­ra­ti­ve, (Black­well) Ox­ford 2005, S. 89-107, er­gänzt um Merk­ma­le (mit * mar­kiert) aus ders.: Un­re­lia­ble Nar­ra­ti­on zur Ein­füh­rung: Grund­zü­ge einer ko­gni­tiv-nar­ra­to­lo­gi­schen Theo­rie und Ana­ly­se un­glaub­wür­di­gen Er­zäh­lens. In: Ders. (Hrsg.): Un­re­lia­ble Nar­ra­ti­on. Stu­di­en zur Theo­rie und Pra­xis un­glaub­wür­di­gen Er­zäh­lens in der eng­lisch­spra­chi­gen Er­zähl­li­te­ra­tur, (wvt) Trier 1998, S. 3-39).

In der fol­gen­den Übung (45) sol­len die Schü­le­rin­nen und Schü­ler auf in­duk­ti­vem Wege, quasi de­tek­ti­visch, Fa­bers un­glaub­wür­di­ges Er­zäh­len ent­de­cken.


1 Meier, Al­bert: (2006) Was ist post­mo­der­ne Li­te­ra­tur?:   http://​home.​hufs.​ac.​kr/~ger­ma­nis­tik/ez2000/sys­tem/db/no­ti­ce/upload/294/Po­Mo­Par­fum.doc (letz­ter Auf­ruf 05.09. 2011)

2 Beß­lich, Bar­ba­ra, Grätz, Ka­tha­ri­na, Hil­de­brand, Olaf: Wende des Er­in­nerns? Geschichts­konstruktionen in der deut­schen Li­te­ra­tur nach 1989 (Erich Schmidt Ver­lag) Ber­lin 2006. Bar­ba­ra Beß­lich fasst hier – mit Re­fe­renz auf Wayne Booth (1961) und Ans­gar Nün­ning (1998), Un­re­lia­ble Nar­ra­ti­on – (S. 36-38) schön zu­sam­men, wie das „un­zu­ver­läs­si­ge Er­zäh­len“ zu ver­ste­hen ist.

3 Die ver­schie­de­nen Er­zähl­ebe­nen hat in einer Hier­ar­chie der Die­ge­se Ge­net­te in sei­ner Er­zähl­theo­rie ent­wi­ckelt: Gérard Ge­net­te (1998): Die Er­zäh­lung . Hrsg. von Jo­chen Vogt. UTB, Stutt­gart

4 (Beß­lich, a.a.O. S.37)

5 Werke in Kon­tex­ten: Un­ter­richts­vor­schlä­ge und Ma­te­ria­li­en zu „Dan­tons Tod“, „Homo faber“ und „Agnes“, Lan­des­in­sti­tut für Schul­ent­wick­lung Stutt­gart 2011 – D 115, S. 169f

6 vgl. die letz­te An­mer­kung auf der vo­ri­gen Seite

  Un­zu­ver­läs­si­ger Er­zäh­ler

 

Mo­der­ner Roman?: Her­un­ter­la­den [doc] [43 KB]