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Sta­ti­on 7, B: in­ter­tex­tu­el­le Be­zü­ge be­rück­sich­ti­gen:

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Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

„Dan­tons Tod“ – Dia­logana­ly­se 3 – Sta­ti­on 7
in­ter­tex­tu­el­le Be­zü­ge be­rück­sich­ti­gen

B → C

Aus­schnitt aus einem Brief von Büch­ner an seine Fa­mi­lie:




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Straß­burg, 28. Juli 1835.
[…] Über mein Drama muß ich ei­ni­ge Worte sagen: erst muß ich be­mer­ken, daß die
Er­laub­nis, ei­ni­ge Än­de­run­gen ma­chen zu dür­fen, all­zu­sehr be­nutzt wor­den ist. Fast
auf jeder Seite weg­ge­las­sen, zu­ge­setzt, und fast immer auf die dem Gan­zen
nach­tei­ligs­te Weise. Manch­mal ist der Sinn ganz ent­stellt oder ganz und gar weg,
und fast plat­ter Un­sinn steht an der Stel­le. Au­ßer­dem wim­melt das Buch von den
ab­scheu­lichs­ten Druck­feh­lern. Man hatte mir kei­nen Kor­rek­tur­bo­gen zu­ge­schickt.
Der Titel ist ab­ge­schmackt, und mein Name steht dar­auf, was ich aus­drück­lich
ver­bo­ten hatte; er steht au­ßer­dem nicht auf dem Titel mei­nes Ma­nu­skripts.
Au­ßer­dem hat mir der Kor­rek­tor ei­ni­ge Ge­mein­hei­ten in den Mund ge­legt, die ich in
mei­nem Leben nicht ge­sagt haben würde. Gutz­kows glän­zen­de Kri­ti­ken habe ich
ge­le­sen und zu mei­ner Freu­de dabei be­merkt, daß ich keine An­la­gen zur Ei­tel­keit
habe. Was üb­ri­gens die so­ge­nann­te Un­sitt­lich­keit mei­nes Buchs an­geht, so habe ich
Fol­gen­des zu ant­wor­ten: der Dra­ma­ti­sche Dich­ter ist in mei­nen Augen nichts, als ein
Ge­schichts­schrei­ber, steht aber über Letz­te­rem da­durch, daß er uns die Ge­schich­te
zum zwei­ten Mal er­schafft und uns gleich un­mit­tel­bar, statt eine tro­cke­ne Er­zäh­lung
zu geben, in das Leben einer Zeit hin­ein ver­setzt, uns statt Cha­rak­te­ris­ti­ken
Cha­rak­te­re, und statt Be­schrei­bun­gen Ge­stal­ten gibt. Seine höchs­te Auf­ga­be ist, der
Ge­schich­te, wie sie sich wirk­lich be­ge­ben, so nahe als mög­lich zu kom­men. Sein
Buch darf weder sitt­li­cher noch un­sitt­li­cher sein, als die Ge­schich­te selbst ; aber die
Ge­schich­te ist vom lie­ben Herr­gott nicht zu einer Lek­tü­re für junge Frau­en­zim­mer
ge­schaf­fen wor­den, und da ist es mir auch nicht übel zu neh­men, wenn mein Drama
eben­so­we­nig dazu ge­eig­net ist. Ich kann doch aus mei­nem Dan­ton und den
Ban­di­ten der Re­vo­lu­ti­on nicht Tu­gend­hel­den ma­chen! Wenn ich ihre Lie­der­lich­keit
schil­dern woll­te, so mußte ich sie eben lie­der­lich sein, wenn ich ihre Gott­lo­sig­keit
zei­gen woll­te, so mußte ich sie eben wie Athe­is­ten spre­chen las­sen. Wenn ei­ni­ge
un­an­stän­di­ge Aus­drü­cke vor­kom­men, so denke man an die welt­be­kann­te, ob­szö­ne
Spra­che der da­ma­li­gen Zeit, wozu das, was ich meine Leute sagen lasse, nur ein
schwa­cher Abriß ist. Man könn­te mir nur noch vor­wer­fen, daß ich einen sol­chen Stoff
ge­wählt hätte. Aber der Ent­wurf ist längst wi­der­legt. Woll­te man ihn gel­ten las­sen, so
müß­ten die größ­ten Meis­ter­wer­ke der Poe­sie ver­wor­fen wer­den. Der Dich­ter ist kein
Leh­rer der Moral, er er­fin­dert und schafft Ge­stal­ten, er macht ver­gan­ge­ne Zei­ten
wie­der auf­le­ben, und die Leute mögen dann darus ler­nen, so gut, wie aus dem
Stu­di­um der Ge­schich­te und der Be­ob­ach­tung des­sen, was im mensch­li­chen Leben
um sie herum vor­geht. Wenn man so woll­te, dürf­te man keine Ge­schich­te stu­die­ren,
weil sehr viele un­mo­ra­li­sche Dinge darin er­zählt wer­den, müßte mit ver­bun­de­nen
Augen über die Gasse gehen, weil man sonst Un­an­stän­dig­kei­ten sehen könn­te, und
müßte über einen Gott Zeter schrei­en, der eine Welt er­schaf­fen, wor­auf so viele
Lie­der­lich­kei­ten vor­fal­len. Wenn man mir üb­ri­gens noch sagen woll­te, der Dich­ter
müsse die Welt nicht zei­gen wie sie ist, son­dern wie sie sein solle, so ant­wor­te ich,
daß ich es nicht bes­ser ma­chen will, als der liebe Gott, der die Welt gewiß ge­macht
hat, wie sie sein soll. Was noch die so­ge­nann­ten Ide­al­dich­ter an­be­trifft, so finde ich,
daß sie fast nichts als Ma­rio­net­ten mit him­mel­blau­en Nasen und af­fek­tier­tem Pa­thos,
aber nicht Men­schen von Fleisch und Blut ge­ge­ben haben, deren Leid und Freu­de
mich mit­emp­fin­den macht, und deren Tun und Han­deln mir Ab­scheu oder
Be­wun­de­rung ein­flößt. Mit einem Wort, ich halte viel auf Goe­the oder Shake­speare,
aber sehr wenig auf Schil­ler. Daß üb­ri­gens noch die un­güns­tigs­ten Kri­ti­ken
er­schei­nen wer­den, ver­steht sich von selbst; denn die Re­gie­run­gen müs­sen doch
durch ihre be­zahl­ten Schrei­ber be­wei­sen las­sen, daß ihre Geg­ner Dumm­köp­fe oder
un­sitt­li­che Men­schen sind. Ich halte üb­ri­gens mein Werk kei­nes­wegs für
voll­kom­men, und werde jede wahr­haft äs­the­ti­sche Kri­tik mit Dank an­neh­men.

(C) Text "Brief Büch­ner" mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung der Büch­ner­Büh­ne Ried­stadt
http://​www.​bue​chne​rbue​hne.​de/​Re­sour­ces/​Brie­fe.​pdf

Ent­wer­fen Sie ein Pla­kat im DinA-3-For­mat, um Büch­ners dich­te­ri­sches Selbst­ver­ständ­nis her­aus­zu­ar­bei­ten .
In Z. 43 ver­wen­det Büch­ner die Ma­rio­net­ten­me­ta­pher. Die­ses Bild tritt auch in „Dan­tons Tod“ als Motiv auf. Zei­gen Sie an meh­re­ren aus­ge­wähl­ten Stel­len, wel­che Rolle die­ses Motiv in „Dan­tons Tod“ spielt.

Der Ope­ra­tor „her­aus­ar­bei­ten“ ver­langt hier, Büch­ners äs­the­ti­sche Leit­ge­dan­ken in einer Skiz­ze zu ver­deut­li­chen.

Der Ope­ra­tor „zei­gen“ ver­langt, die Be­deu­tung des Mo­tivs am Bei­spiel der je­wei­li­gen aus­ge­wähl­ten Text­stel­le her­aus­zu­stel­len. Unter einem Motiv ver­steht man ein zen­tra­les Ele­ment des Stoffs, das bei der Ge­stal­tung eines Werks wie­der­holt auf­ge­grif­fen wird und für des­sen Be­deu­tung wich­tig ist.


Fort­bil­dungs­ma­te­ri­al zum stan­dard­ba­sier­ten und kom­pe­tenz­ori­en­tier­ten Un­ter­richt im Fach Deutsch (Kurs­stu­fe)

  Sta­ti­on 7 C

 

Sta­ti­on 7, B: in­ter­tex­tu­el­le Be­zü­ge be­rück­sich­ti­gen: Her­un­ter­la­den [doc] [28 KB]