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Lö­sung

In­fo­box

Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.


»Tot«, sagte der Fah­rer, »die hat's ge­schafft.«

Agnes stand neben mir und war­te­te. Sie stell­te keine Fra­gen, auch spä­ter nicht beim Essen. Sie saß sehr auf­recht am Tisch, aß lang­sam und sorg­fäl­tig, als müsse sie sich kon­zen­trie­ren, um keine Feh­ler zu ma­chen. Wenn sie kaute, hatte sie die ge­spann­te Ner­vo­si­tät ei­ner­Mu­si­ke­rin, die auf ihren nächs­ten Ein­satz war­tet. Nur­wenn sie ge­schluckt hatte, ent­spann­te sich ihr Ge­sicht für einen Au­gen­blick, und sie wirk­te er­leich­tert.

»Ich koche nie für mich selbst«, sagte ich, »nur schnel­le Sa­chen, Rühr­ei. Für an­de­re koche ich gern. Ich esse viel mehr, wenn ich in Ge­sell­schaft bin.«

»Ich esse über­haupt nicht gern«, sagte Agnes. Nach dem Essen trank ich Kaf­fee. Agnes be­stell­te Tee. Wir hat­ten einen Au­gen­blick lang schwei­gend dage­sessen, als sie plötz­lich sagte: »Ich habe Angst vor dem Tod.«

»Wes­halb?« frag­te ich er­staunt. »Bist du krank?«

»Nein, nicht jetzt«, sagte sie, »aber ir­gend­wann stirbt man ja doch.«

»Ich dach­te schon, du meinst es ernst.«

»Na­tür­lich meine ich es ernst.«

»Ich glau­be nicht, daß die Frau ge­lit­ten hat«, sagte ich, um sie zu be­ru­hi­gen.

»Das meine ich nicht, daß sie ge­lit­ten hat. So­lan­ge man lei­det, lebt man doch we­nigs­tens. Ich fürch­te mich nicht vor dem Ster­ben.Ich habe Angst vor dem Tod — ein­fach, weil dann alles zu Ende ist.«

Agnes schau­te quer durch den Raum, als habe sie je­man­den ent­deckt, den sie kann­te, aber als ich mich­um­dreh­te und in die­sel­be Rich­tung schau­te, waren da nur leere Ti­sche.

»Du weißt ja nicht, wann es zu Ende ist«, sagte ich, und als sie nicht ant­wor­te­te: »Ich habe mir immer vorge­stellt, daß man sich ir­gend­wann müde hin­legt und im Tod zur Ruhe kommt.«

»Of­fen­bar hast du nicht sehr lang dar­über nach­ge­dacht«, sagte Agnes kühl.

»Nein«, gab ich zu, »es gibt The­men, die mich mehr in­ter­es­sie­ren.«

»Was ist, wenn man vor­her stirbt? Bevor man müde ist«, sagte sie, »wenn man nicht zur Ruhe kommt?« »Ich bin noch lange nicht be­reit«, sagte ich.

Wir schwie­gen.

(S. 23f) [1]

Hin­wei­se

Das To­des­mo­tiv durch­zieht den ge­sam­ten Roman. Für Agnes ist der Tod stän­dig prä­sent. Des­halb möch­te sie Spu­ren hin­ter­las­sen und Zei­chen set­zen: „Ihr Ver­hal­ten im Roman steht für den ge­gen­läu­fi­gen Ver­such, in­mit­ten einer als in­kon­sis­tent emp­fun­de­nen Welt ihr ei­ge­nes Ich zu set­zen, Ko­hä­renz und Per­ma­nenz zu schaf­fen in einer von Chaos und Ver­ein­sa­mung bedroh­ten Bio­gra­fie.“ [2]

An­de­re Text­stel­len, die zum Ver­gleich her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen:

 „Ich fürch­te mich nicht vor dem Ster­ben. Ich habe Angst vor dem Tod — ein­fach, weil­d­ann alles zu Ende ist. [...] Was ist, wenn man vor­her stirbt? Bevor man müde ist [...],wenn man nicht zur Ruhe kommt?” (S. 24)

Der Tod be­geg­net Agnes zwei Mal: In Ka­pi­tel 4 stirbt eine junge Pas­san­tin vor dem Re­stau­rant, in dem sich Agnes und der Er­zäh­ler ver­ab­re­det haben. In Ka­pi­tel 6 be­rich­tet Agnes vom Tod ei­nerMit­schü­le­rin im Pfad­fin­der­la­ger.

Auch im wei­te­ren Ver­lauf des Ro­mans do­mi­niert der Tod das Ge­sche­hen: Agnes kon­tak­tiert die An­ge­hö­ri­gen der toten Pas­santin (Ka­pi­tel 11), denkt beim An­blick der üppig wu­chern­den Natur im Na­tio­nal­park an die Auslö­schung jeg­li­cher Zi­vi­li­sa­ti­on (Ka­pi­tel 16), sie ver­liert ihr Kind (Ka­pi­tel 25).

Schließ­lich greift das Leit­mo­tiv des Todes in Ka­pi­tel 35 auch auf die Ge­schich­te von Agnes über. (Schluss, Ver­si­on 2)



[1] Peter Stamm: Agnes . S. Fi­scher Ver­lag 2009, 5. Auf­la­ge, Fi­scher (Tb) © 1998 by Peter Stamm

[2] Mar­kus Schwahl: Die Leere in der Mitte. Post­mo­der­ne Li­te­ra­tur im Un­ter­richt: Peter Stamms Roman Agnes. In: Li­te­ra­tur im Un­ter­richt , 10. Jg Heft 2, 2009,  Wis­sen­schaft­li­cher Ver­lag Trier, S. 98


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