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Ver­gleich zum Thema Tod

In­fo­box

Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.


In­ter­pre­ta­ti­ons­auf­satz mit werk­über­grei­fen­der Teil­auf­ga­be („Werke im Kon­text)

Wir hat­ten das Licht nicht ge­löscht, und es brann­te noch immer, als wir ir­gend­wann spät in der Nacht ein­schlie­fen. Ich er­wach­te, als es drau­ßen schon lang­sam hell wurde. Das Licht war jetzt ge­löscht, und vor dem mil­chi­gen Vier­eck des Fens­ters sah ich die Sil­hou­et­te von Agnes' nack­tem Kör­per. Ich stand auf und trat neben sie. Sie hatte das seit­li­che klei­ne Kipp­fens­ter ge­öff­net und ihre Hand durch den engen Spalt ge­zwängt. Ge­mein­sam schau­ten wir auf die Hand, die sich drau­ßen wie ab­ge­trennt be­weg­te.

»Ich konn­te das Fens­ter nicht öff­nen.«
»Die Woh­nung ist kli­ma­ti­siert ...
Wir schwie­gen beide. Agnes mach­te mit der Hand lang­sa­me, krei­sen­de Be­we­gun­gen.
»Ich könn­te fast dein Vater sein, fast«, sagte ich. »Aber du bist es nicht.«
Agnes zog die Hand zu­rück und dreh­te sich zu mir. »Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?«
»Nein«, sagte ich, »alles wäre ir­gend­wie ... sinn­los. Wenn es da­nach wei­ter­gin­ge.«

»Als ich ein Kind war, nah­men meine El­tern mich jeden Sonn­tag mit in die Kir­che«, sagte Agnes, »aber ich habe von An­fang an nie daran glau­ben kön­nen. Ob­wohl ich es mir manch­mal ge­wünscht habe. Wir hat­ten eine Sonn­tags­schul­leh­re­rin, eine klei­ne, häß­liche Frau, die ir­gend­ei­ne Be­hin­de­rung hatte. Einen Klump­fuß, glau­be ich. Ein­mal er­zähl­te sie uns, wie sie als Kind ihren Schlüs­sel ver­lo­ren hatte. Ihre El­tern waren bei der Ar­beit, und sie konn­te nicht ins Haus. Da habe sie ge­be­tet, und Gott habe ihr ge­zeigt, wo der Schlüs­sel ge­we­sen sei. Sie habe ihn auf dem Nachhau­seweg von der Schu­le ver­lo­ren. Ich habe dann auch manch­mal ge­be­tet, aber immer an­ge­fan­gen mit Lie­ber Gott, wenn es dich gibt<. Viel öfter habe ich mir selbst Auf­ga­ben ge­stellt. Wenn ich es schaf­fe, eine Vier­tel­stun­de auf einem Bein zu ste­hen oder mit ge­schlos­se­nen Augen hun­dert Schrit­te weit zu gehen, dann ge­schieht, was ich will. Und manch­mal zünde ich noch heute eine Kerze an, wenn ich eine Kir­che be­su­che. Für die Ver­stor­be­nen. Ob­wohl ich nicht daran glau­be. Ich habe als Kind immer ge­dacht, warum hat die Frau einen Klump­fuß, wenn Gott sie liebt. Das war na­tür­lich un­ge­recht.«

»Viel­leicht gibt es eine Art ewi­ges Leben«, sagte ich und schloß das Klapp­fens­ter. Die lei­sen Nachtgeräu­sche von drau­ßen ver­stumm­ten, und die Enge des Raums um uns wurde spür­bar. »In ir­gend­ei­ner Form leben wir alle nach un­se­rem Tod wei­ter. In der Erin­nerung an­de­rer Men­schen, von un­se­ren Kin­dern. Und in dem, was wir ge­schaf­fen haben.«

»Schreibst du des­halb Bü­cher? Weil du keine Kin­der hast? «
»Ich will nicht ewig leben. Im Ge­gen­teil. Ich möch­te keine Spu­ren hin­ter­las­sen.«
»Doch«, sagte Agnes.
»Komm«, sagte ich, »gehen wir zu­rück ins Bett. Es ist noch zu früh.«

Peter Stamm: Agnes , Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt/Main 2009, S. 26-28

Auf­ga­ben­stel­lung

  1. In­ter­pre­tie­ren Sie die Text­stel­le im Kon­text der Ro­man­hand­lung.
  1. Un­ter­su­chen Sie in einer ver­glei­chen­den Be­trach­tung, in­wie­weit das Thema Tod in Peter Stamms Roman Agnes und in Max Frischs Roman Homo faber eine Rolle spielt und wie es je­weils leit­mo­ti­visch ver­knüpft ist.  


Ver­gleich zum Thema Tod: Her­un­ter­la­den [doc] [37 KB]