Zur Haupt­na­vi­ga­ti­on sprin­gen [Alt]+[0] Zum Sei­ten­in­halt sprin­gen [Alt]+[1]

Lö­sung

In­fo­box

Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.


Mög­li­che Lö­sung:

„Agnes“

Ver­gleich­s­as­pek­te

„Homo faber“

Agnes ist tot. Eine Ge­schich­te hat sie ge­tö­tet. Nichts ist mir von ihr ge­blie­ben als diese Ge­schich­te. Sie be­ginnt an jenem Tag vor neun Mo­na­ten, als wir uns in der Chi­ca­go Pu­blic Li­bra­ry zum ers­ten­mal tra­fen. Es war kalt, als wir uns ken­nen­lern­ten. Kalt wie fast immer in die­ser Stadt. Aber jetzt ist es käl­ter, und es schneit. Über den Mi­chi­gan­see kommt der Schnee und kommt der böige Wind, der selbst durch das Iso­lier­glas der gro­ßen Fens­ter noch zu hören ist. Es schneit, aber der Schnee setzt sich nicht, er wird wei­ter­ge­trie­ben und bleibt nur lie­gen, wo der Wind nicht hin­ge­langt. Ich habe das Licht ge­löscht und schaue hin­aus auf die be­leuch­te­ten Spit­zen der Wol­ken­krat­zer, auf die ame­ri­ka­ni­sche Flag­ge, die der Wind ir­gend­wo im Licht eines Schein­wer­fers hin und her schlägt, und weit hin­un­ter auf die lee­ren Plät­ze, wo selbst jetzt, mit­ten in der Nacht, die Am­peln von Grün zu Rot und von Rot zu Grün­wech­seln, als sei nichts ge­sche­hen, als ge­sche­he nichts.

Hier habe ich mit Agnes ge­wohnt, in die­ser Woh­nung, für kurze Zeit. Wir waren hier zu Hause, aber jetzt, wo Agnes ge­gan­gen ist, ist mir die Woh­nung fremd und un­er­träg­lich ge­wor­den. Nur ein Zen­ti­me­ter Glas trennt mich von Agnes, nur ein Schritt. Aber die Fens­ter las­sen sich nicht öff­nen.

Ich schaue mir – ich weiß nicht zum wie­viel­ten Mal – das Video an, das Agnes auf­ge­nom­men hat, als wir am Co­lum­bus Day eine Wan­de­rung mach­ten. Co­lum­bus Day in Hoo­sier Na­tio­nal Fo­rest hat sie auf die Schach­tel und auf die Kas­set­te ge­schrie­ben, in ihrer sorg­fäl­ti­gen Schrift, und hat bei­des mit einem Li­ne­al dop­pelt un­ter­stri­chen, wie wir als Kin­der die Re­sul­ta­te un­se­rer Rech­nun­gen un­ter­stri­chen haben. Ich habe den Ton des Fern­se­hers aus­ge­schal­tet. Die Bil­der schei­nen mir wirk­li­cher als die dunk­le Woh­nung, die mich um­gibt. Es ist ein selt­sa­mes Licht in ihnen, das Licht einer wei­ten Ebene an einem Nach­mit­tag im Ok­to­ber. Eine leere Ebene, weit und breit keine Stadt, kein Dorf, nicht ein­mal eine Farm. Kurz ge­schnit­te­ne Se­quen­zen, ohne daß das Bild sich we­sent­lich ver­än­dert. Immer neue An­sät­ze, Ver­su­che, die Land­schaft zu er­fas­sen. Manch­mal er­ah­ne ich, wes­halb Agnes die Ka­me­ra ein­ge­schal­tet hat: eine selt­sam ge­form­te Wolke, eine Re­kla­me­ta­fel, in der Ferne ein Strei­fen Wald, fast un­sicht­bar durch das Weit­win­kel­ob­jek­tiv. Ein­mal ein Schwenk zu mir, wie ich am Steu­er sitze. Ich mache eine Gri­mas­se. Und dann wohl der Ver­such, sich selbst zu zei­gen: der Rück­spie­gel, darin groß die Ka­me­ra und da­hin­ter, kaum zu sehen, Agnes selbst.

Tod / Kälte

Tech­nik

Ein­sam­keit / Iso­la­ti­on

Bil­der / Wahr­neh­mung (mit Un­te­ras­pekt Sehen / Nicht-Sehen / Licht(er))

Wir star­te­ten in La Guar­dia, New York, mit drei­stün­di­ger Ver­spä­tung in­fol­ge Schnee­stür­men. Un­se­re Ma­schi­ne war, wie üb­lich auf die­ser Stre­cke, eine Super-Con­stel­la­ti­on. Ich rich­te­te mich so­fort zum Schla­fen, es war Nacht. Wir war­te­ten noch wei­te­re vier­zig Mi­nu­ten drau­ßen auf der Piste, Schnee vor den Schein­wer­fern, Pul­ver­schnee, Wir­bel über der Piste, und was mich ner­vös mach­te, so daß ich nicht so­gleich schlief, war nicht die Zei­tung, die un­se­re Ste­war­deß ver­teil­te, First Pic­tu­res Of World's Grea­test Air Crash In Ne­va­da , eine Neu­ig­keit, die ich schon am Mit­tag ge­le­sen hatte, son­dern ein­zig und al­lein diese Vi­bra­ti­on in der ste­hen­den Ma­schi­ne mit lau­fen­den Mo­to­ren – dazu der junge Deut­sche neben mir, der mir so­gleich auf­fiel, ich weiß nicht wieso, er fiel auf, wenn er den Man­tel aus­zog, wenn er sich setz­te und sich die Bü­gel­fal­ten zog, wenn er über­haupt nichts tat, son­dern auf den Start war­te­te wie wir alle und ein­fach im Ses­sel saß, ein Blon­der mit ro­si­ger Haut, der sich so­fort vor­stell­te, noch bevor man die Gür­tel ge­schnallt hatte. Sei­nen Namen hatte ich über­hört, die Mo­to­ren dröhn­ten, einer nach dem an­dern auf Voll­gas­pro­be –

Ich war tod­mü­de.

Ivy hatte drei Stun­den lang, wäh­rend wir auf die ver­spä­te­te Ma­schi­ne war­te­ten, auf mich ein­ge­schwatzt, ob­schon sie wußte, daß ich grund­sätz­lich nicht hei­ra­te.

Ich war froh, al­lein zu sein.

End­lich ging's los –

Ich habe einen Start bei sol­chem Schnee­trei­ben noch nie er­lebt, kaum hatte sich unser Fahr­ge­stell von der wei­ßen Piste ge­ho­ben, war von den gel­ben Bo­den­lich­tern nichts mehr zu­se­hen, kein Schim­mer, spä­ter nicht ein­mal ein Schim­mer von Man­hat­tan, so schnei­te es. Ich sah nur das grüne Blink­licht an uns­rer Trag­flä­che, die hef­tig schwank­te, zeit­wei­se wipp­te; für Se­kun­den ver­schwand sogar die­ses grüne Blink­licht im Nebel, man kam sich wie ein Blin­der vor.