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Der Er­zäh­ler

In­fo­box

Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

Der Er­zäh­ler als Er­zähl­in­stanz

"Wir schwie­gen.
Dann sagte Agnes: »Ich bin schwan­ger ... Ich krie­ge ein Kind«, sagte sie. »Freust du dich?«
Ich stand auf und ging in die Küche, um mir ein Bier zu holen. Als ich zu­rück­kam, saß Agnes auf mei­nem Schreib­tisch und spiel­te mit einem Ku­gel­schrei­ber. Ich setz­te mich neben sie, ohne sie zu be­rüh­ren. Sie nahm mir die Fla­sche aus der Hand und trank einen Schluck.
»Schwan­ge­re Frau­en soll­ten kei­nen Al­ko­hol trin­ken«, sagte ich und lach­te ver­krampft.
Sie boxte mich in die Schul­ter. »Und?« frag­te sie. »Was sagst du?«
»Nicht ge­ra­de, was ich mir vor­ge­stellt habe. Warum? Hast du die Pille ver­ges­sen?«
»Der Arzt sagt, es kann auch mit der Pille pas­sie­ren. Ein Pro­zent oder so der Frau­en, die die Pille neh­men ...«
Ich schüt­tel­te den Kopf und sagte nichts. Agnes be­gann, leise zu wei­nen.
»Agnes wird nicht schwan­ger«, sagte ich. »Das war nicht... Du liebst mich nicht. Nicht wirk­lich" " (S. 89) [1]

"Ich schrieb.
Wir küß­ten uns.
Dann sagte Agnes: »Ich be­kom­me ein Kind.«
»Ein Kind?« sagte ich. »Das ist nicht mög­lich.«
»Doch«, sagte sie.
»Warum? Hast du die Pille ver­ges­sen?«
»Der Arzt sagt, es kann auch mit der Pille pas­sie­ren. Ein Pro­zent der Frau­en, die die Pille neh­men ...«
»Es rich­tet sich nicht gegen dich oder das Kind. Ich will nicht, daß du denkst...«, sagte ich, »aber ich habe Angst davor, Vater zu wer­den. Was kann ich einem Kind schon bie­ten ... ich meine nicht Geld.« Wir schwie­gen. Schließ­lich sagte Agnes: »Dinge ge­sche­hen. Du wirst es nicht schlech­ter ma­chen als die an­de­ren. Wol­len wir es nicht we­nigs­tens ver­su­chen?«
»Ja«, sagte ich, »wir wer­den es schon ir­gend­wie schaf­fen.«

(S. 99) [1]

Der un­zu­ver­läs­si­ge Er­zäh­ler

"Agnes ist tot. Eine Ge­schich­te hat sie ge­tö­tet."

Wel­che Hin­wei­se gibt es dazu?
Peter Stamm hat in einem In­ter­view dazu Stel­lung ge­nom­men:

"Na ja, die Über­ein­stim­mung ist nicht so klar. Man weiß nicht wirk­lich, ob sie das tut, was er auf­ge­schrie­ben hat. Für ihn tut sie es , glau­be ich, das zeigt eher, in wel­cher geis­ti­gen Ver­fas­sung er ist , dass er eben gar nicht mehr an­ders den­ken kann, als dass Agnes vor­zieht, was er ge­schrie­ben hat.
Ich sage oft in Schu­len, wenn die Frage kommt, dass es un­wahr­schein­lich ist, dass sie sich um­bringt. Psy­cho­lo­gisch be­trach­tet: Was würde ich ma­chen, wenn eine Freun­din über mich schreibt, dass ich mich um­brin­ge? Dann würde ich ver­mut­lich sagen: diese Be­zie­hung hat keine Basis mehr. Oder ich gehe viel­leicht bes­ser weg, aber ich würde mich be­stimmt nicht um­brin­gen. Aber das ist auch nicht so wich­tig, es geht in dem Buch nicht darum, eine reale Be­zie­hung zu be­schrei­ben, son­dern in ge­wis­sem Sinne darum, die Macht der Be­zie­hung zu zei­gen . […]"


[1] Peter Stamm: Agnes . S. Fi­scher Ver­lag 2009, 5. Auf­la­ge, Fi­scher (Tb) © 1998 by Peter Stamm