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An­nä­he­rung an den Text

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Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

22   An­nä­he­rung an Text und Thema des Ro­mans 1

Unser Auf­ent­halt in der Wüste von Ta­mau­lip­as, Me­xi­co, dau­er­te vier Tage und drei Näch­te, total 85 Stun­den, wor­über es wenig zu be­rich­ten gibt - ein gran­dio­ses Er­leb­nis (wie je­der­mann zu er­war­ten scheint, wenn ich davon spre­che) war es nicht. Dazu viel zu heiß! Na­tür­lich dach­te ich auch so­fort an den Dis­ney-Film, der ja gran­di­os war, und nahm so­fort meine Ka­me­ra; aber von Sen­sa­ti­on nicht die Spur, ab und zu eine Ei­dech­se, die mich
er­schreck­te, eine Art von Sand­spin­nen, das war alles.
      Es blieb uns nichts als War­ten.
      Das erste, was ich in der Wüste von Ta­mau­lip­as tat: ich stell­te mich dem Düs­sel­dor­fer vor, denn er in­ter­es­sier­te sich für meine Ka­me­ra, ich er­läu­ter­te ihm meine Optik.
      An­de­re lasen.
      Zum Glück, wie sich bald her­aus­stell­te, spiel­te er auch Schach, und da ich stets mit mei­nem Steck-Schach reise, waren wir ge­ret­tet; er or­ga­ni­sier­te so­fort zwei leere Coca-Cola-Kist­chen, wir setz­ten uns ab­seits, um das all­ge­mei­ne Ge­re­de nicht hören zu müs­sen, in den Schat­ten unter dem Schwanz­steu­er - klei­der­los, bloß in Schu­hen (wegen der Hitze des San­des) und in Jo­ckey-Un­ter­ho­sen.
      Unser Nach­mit­tag ver­ging im Nu.
      Kurz vor Ein­bruch der Däm­me­rung er­schien ein Flug­zeug, Mi­li­tär, es kreis­te lange über uns, ohne etwas ab­zu­wer­fen, und ver­schwand (was ich ge­filmt habe) gegen Nor­den, Rich­tung Mon­ter­rey.
      Abend­es­sen: ein Käse-Sand­wich, eine halbe Ba­na­ne.
      Ich schät­ze das Schach, weil man Stun­den lang nichts zu reden braucht. Man braucht nicht ein­mal zu hören, wenn der an­de­re redet. Man blickt auf das Brett, und es ist kei­nes­wegs un­höf­lich, wenn man kein Be­dürf­nis nach per­sön­li­cher Be­kannt­schaft zeigt, son­dern mit gan­zem Ernst bei der
Sache ist -
      »Sie sind am Zug!« sagte er -
      Die Ent­de­ckung, daß er Joa­chim, mei­nen Freund, der seit min­des­tens zwan­zig Jah­ren ein­fach ver­stummt war, nicht nur kennt, son­dern daß er ge­ra­de­zu sein Bru­der ist, ergab sich durch Zu­fall ... Als der Mond auf­ging (was ich eben­falls ge­filmt habe) zwi­schen schwar­zen Aga­ven am Ho­ri­zont, hätte man noch immer Schach spie­len kön­nen, so hell war es, aber plötz­lich zu kalt; wir waren hin­aus­ge­stapft, um eine Zi­ga­ret­te zu rau­chen, hin­aus in den Sand, wo ich ge­stand, daß ich mir aus Land­schaf­ten nichts mache, ge­schwei­ge denn aus einer Wüste.
      »Das ist nicht Ihr Ernst!« sagte er.
      Er fand es ein Er­leb­nis.
      »Gehen wir schla­fen!« sagte ich, »- Hotel Super-Con­stel­la­ti­on,
Ho­li­day In De­sert With All Ac­com­mo­da­ti­ons!«
      Ich fand es kalt.
      Ich habe mich schon oft ge­fragt, was die Leute ei­gent­lich mei­nen, wenn sie von Er­leb­nis reden. Ich bin Tech­ni­ker und ge­wohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Ich sehe alles, wovon sie reden, sehr genau; ich bin ja nicht blind. Ich sehe den Mond über der Wüste von Ta­mau­lip­as - kla­rer als je, mag sein, aber eine er­re­chen­ba­re Masse, die um un­se­ren Pla­ne­ten kreist, eine Sache der Gra­vi­ta­ti­on, in­ter­es­sant, aber wieso ein Er­leb­nis? Ich sehe die ge­zack­ten Fel­sen, schwarz vor dem Schein des Mon­des; sie sehen aus, mag sein, wie die ge­zack­ten Rü­cken von ur­welt­li­chen Tie­ren, aber ich weiß: Es sind Fel­sen, Ge­stein, wahr­schein­lich vul­ka­nisch, das müßte man nach­se­hen und fest­stel­len. Wozu soll ich mich fürch­ten? Es gibt keine ur­welt­li­chen Tiere mehr. Wozu soll­te ich sie mir ein­bil­den? Ich sehe auch keine ver­stei­ner­ten Engel, es tut mir leid; auch keine Dä­mo­nen, ich sehe, was ich sehe: die üb­li­chen For­men der Ero­si­on, dazu mei­nen lan­gen Schat­ten auf dem Sand, aber keine Ge­spens­ter. Wozu wei­bisch wer­den? Ich sehe auch keine Sint­flut, son­dern Sand, vom Mond be­schie­nen, vom Wind ge­wellt wie Was­ser, was mich nicht über­rascht; ich finde es nicht fan­tas­tisch, son­dern er­klär­lich. Ich weiß nicht, wie ver­damm­te See­len aus­se­hen; viel­leicht wie schwar­ze Aga­ven in der nächt­li­chen Wüste. Was ich sehe, das sind Aga­ven, eine Pflan­ze, die ein ein­zi­ges Mal blüht und dann ab­stirbt. Fer­ner weiß ich, dass ich nicht (wenn es im Au­gen­blick auch so aus­sieht) der erste oder letz­te Mensch auf der Erde bin; und ich kann mich von der blo­ßen Vor­stel­lung, der letz­te Mensch zu sein, nicht er­schüt­tern las­sen, denn es ist nicht so. Wozu hys­te­risch sein? Ge­bir­ge sind Ge­bir­ge, auch wenn sie in ge­wis­ser Be­leuch­tung, mag sein, wie ir­gend etwas an­de­res aus­se­hen, es ist aber die Si­er­ra Madre Ori­en­tal, und wir ste­hen nicht in einem To­ten­reich, son­dern in der Wüste von Ta­mau­lip­as, Me­xi­co, un­ge­fähr sech­zig Mei­len von der nächs­ten Stra­ße ent­fernt, was pein­lich ist, aber wieso ein Er­leb­nis? Ein Flug­zeug ist für mich ein Flug­zeug, ich sehe kei­nen aus­ge­stor­be­nen Vogel dabei, son­dern eine Super-Con­stel­la­ti­on mit Motor-De­fekt, nichts wei­ter, und da kann der Mond sie be­schei­nen, wie er will. Warum soll ich er­le­ben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht ent­schlie­ßen, etwas wie die Ewig­keit zu hören; ich höre gar nichts, aus­ge­nom­men das Rie­seln von Sand nach jedem Schritt. Ich schlot­te­re, aber ich weiß: in sie­ben bis acht Stun­den kommt wie­der die Sonne. Ende der Welt, wieso? Ich kann mir kei­nen Un­sinn ein­bil­den, bloß um etwas zu er­le­ben. Ich sehe den Sand-Ho­ri­zont, weiß­lich in der grü­nen Nacht, schät­zungs­wei­se zwan­zig Mei­len von hier, und ich sehe nicht ein, wieso dort, Rich­tung Tam­pi­co, das Jen­seits be­gin­nen soll. Ich kenne Tam­pi­co. Ich wei­ge­re mich, Angst zu haben aus blo­ßer Fan­ta­sie, be­zie­hungs­wei­se fan­tas­tisch zu wer­den aus blo­ßer Angst, ge­ra­de­zu mys­tisch. […]
      Ich woll­te mich ra­sie­ren -
Zu fil­men gab es über­haupt nichts.
Ich fühle mich nicht wohl, wenn un­ra­siert; nicht wegen der Leute, son­dern mei­net­we­gen. Ich habe dann das Ge­fühl, ich werde etwas wie eine Pflan­ze, wenn ich nicht ra­siert bin, und ich grei­fe un­will­kür­lich an mein Kinn. Ich holte mei­nen Ap­pa­rat und ver­such­te alles mög­li­che, be­zie­hungs­wei­se un­mög­li­che, denn ohne elek­tri­schen Strom ist mit die­sem Ap­pa­rat ja nichts zu ma­chen, das weiß ich - das war es ja, was mich ner­vös mach­te: daß es in der Wüste kei­nen Strom gibt, kein Te­le­fon, kei­nen Ste­cker, nichts.

Auf­ga­ben: 2

Der ab­ge­druck­te Text­aus­zug aus dem Ro­ma­n­an­fang ver­mit­telt einen ers­ten Ein­druck von der Haupt­fi­gur.

  1. Wäh­len Sie einen Satz aus, der Ihnen mit Blick auf die Haupt­fi­gur be­son­ders wich­tig bzw. aus­sa­ge­kräf­tig er­scheint.
  2. Dis­ku­tie­ren Sie die aus­ge­wähl­ten Sätze im Kurs und be­grün­den Sie Ihre Wahl.
  3. Stel­len Sie Ver­mu­tun­gen an, mit wel­chen Pro­ble­men Wal­ter Faber im wei­te­ren Ver­lauf der Ro­man­hand­lung zu kämp­fen hat.
  4. Be­spre­chen Sie, wel­chen der auf den Pla­ka­ten ab­ge­bil­de­ten Orte Faber wohl am liebs­ten be­reist. Be­grün­den Sie Ihre Mei­nung mit­hil­fe des Text­aus­zugs.
  5. Schrei­ben Sie eine Pas­sa­ge des vor­lie­gen­den Text­aus­zugs so um, dass nicht Wal­ter Faber, son­dern ent­we­der der Düs­sel­dor­fer oder ein an­de­rer Pas­sa­gier in der Ich-Form die Er­leb­nis­se in der Wüste er­zählt.

Es folgt nun die in­di­vi­du­el­le Ro­man­lek­tü­re (Zeit 10-14 Tage).


1 Max Frisch, Homo faber Ein Be­richt , Frank­furt a.M. 1957, (st 354), S. 22-27

2 nach „Blick­feld Deutsch 6“ (Schö­ningh) Braun­schweig, Pa­der­born, Darm­stadt 2009, S. 120

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