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Ro­ma­n­an­fang ins Aus­zü­gen

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Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

81 Uwe Timm, Der Schlan­gen­baum

der Ro­ma­n­an­fang in Aus­zü­gen

Es wird leicht ein­sich­tig, wie gut und leicht Schü­le­rin­nen und Schü­ler Si­tua­ti­on und Welt­bild des Prot­ago­nis­ten Wag­ner nach einer gründ­li­chen Be­schäf­ti­gung mit „Homo faber“ ver­ste­hen kön­nen. Man könn­te zum Ein­stieg den Schü­le­rin­nen und Schü­lern die Auf­ga­be stel­len, am Com­pu­ter die Pas­sa­gen zu mar­kie­ren, die eine Af­fi­ni­tät zu „Homo faber“ auf­wei­sen. Die Lö­sung sieht so aus:

1

Der Beton dampf­te. Das Re­gen­was­ser stand noch auf der Piste, und im Wes­ten türm­ten sich blau­schwarz die Ge­wit­ter­wol­ken, durch die sie ge­flo­gen waren . Die Ma­schi­ne hatte, nach einem un­ru­hi­gen und durch Böen ver­wa­ckel­ten An­flug, sanft auf­ge­setzt und war zu dem Flug­ha­fen­ge­bäu­de hin­über­ge­rollt. Als die Türen ge­öff­net wur­den, drang lang­sam diese leucht­schwe­re Hitze in die der Ge­ruch nach Ke­ro­sin und Algen. Wag­ner glaub­te, den Fluß und die nahen Sümp­fe zu rie­chen.

Er stieg als ers­ter aus und ging zu der An­kunfts­hal­le hin­über, einem klei­nen schä­bi­gen Flach­bau. Schon nach we­ni­gen Schrit­ten war sein Hemd durch­ge­schwitzt , die Hose kleb­te ihm an den Bei­nen. In der Ge­päck­aus­ga­be dreh­ten sich leer die Trans­port­bän­der. Er lehn­te sich an einen Pfei­ler und zün­de­te sich eine Zi­ga­ret­te an. Rau­chend be­ob­ach­te­te er die Pas­sa­gie­re, die an das Ge­päck­band dräng­ten, ir­gend­wel­che Ge­schäfts­leu­te, In­ge­nieu­re und Ma­na­ger, ein paar sorg­fäl­tig fri­sier­te Frau­en, dun­kel­haa­rig und braun­ge­brannt. Er war ein wenig ent­täuscht, denn er hatte sich die Men­schen an­ders vor­ge­stellt, ver­we­ge­ner im Aus­se­hen, mit in­dia­ni­schen Ge­sichts­zü­gen. Diese hier hät­ten in ihren An­zü­gen und Kos­tü­men, in denen sie trotz der Hitze so er­staun­lich frisch wirk­ten, auch in Rom oder Ma­drid ste­hen kön­nen. Nur die Pas­sa­gie­re, die mit ihm, aus Frank­furt kom­mend, in Bue­nos Aires um­ge­stie­gen waren, fie­len auf: blei­che ver­schwitz­te Ge­sich­ter, nach zwei­und­zwan­zig Stun­den Flug.

Ges­tern, am frü­hen Mor­gen, war er im Taxi zum Ham­bur­ger Flug­ha­fen ge­fah­ren. An den Stra­ßen­rän­dern lagen noch, dre­ckig grau, die Reste des Schnees, der nachts ge­fal­len war. Beim Früh­stück hatte er mit Su­sann all jene Dinge durch­ge­spro­chen, die sie in den nächs­ten Tagen noch er­le­di­gen mußte. […]

In die war­ten­den Pas­sa­gie­re kam eine plötz­li­che Be­we­gung. Auf dem Trans­port­band er­schie­nen die ers­ten Ge­päck­stü­cke, dar­un­ter auch sein gro­ßer Alu­mi­ni­um­kof­fer. Er hob ihn vorn Band und war­te­te, bis auch der an­de­re, etwas klei­ne­re, kam.

Bert­hold haue ihm emp­foh­len, beim Zoll eine Zehn­dol­lar­no­te in den Paß zu legen. So könne man das läs­ti­ge Aus- und Ein­pa­cken ver­mei­den. Aber in der Fir­men­lei­tung hatte man ihm ge­sagt, er müsse sich keine Ge­dan­ken ma­chen, es rei­che aus, wenn er den Fir­men­brief mit der Ar­beits­be­stä­ti­gung vor­zei­ge.

Wag­ner stand beim Zoll hin­ter einer äl­te­ren Frau. Sie war ihm schon in Frank­furt auf­ge­fal­len, weil sie einen breit­krem­pi­gen Stroh­hut trug, den sich Rei­sen­de sonst aus Süd­ame­ri­ka mit­brin­gen.

Jetzt re­de­te sie auf spa­nisch auf den Zoll­be­am­ten ein, der mit gleich­mü­ti­gem Ge­sicht ver­schie­de­ne Pil­len­do­sen und auf dem Tisch aus­schüt­te­te, wo schon Wä­sche und Klei­dungs­stü­cke ver­streut lagen.

Der Zöll­ner mach­te eine un­wir­sche Hand­be­we­gung: Die Frau solle alles wie­der ein­pa­cken. Er kam zu Wag­ner, las den Fir­men­brief und mach­te mit Krei­de ein Zei­chen auf den Kof­fer. Wag­ner durf­te durch­ge­hen.

Am Aus­ging dräng­ten sich Men­schen, die auf die An­kom­men­den war­te­ten. Unter ihnen ent­deck­te er einen gro­ßen, rot­blon­den Mann, der ein Stück Pappe hoch­hielt mir der Auf­schrift: Wag­ner.

Wag­ner wink­te ihm. Der Mann zwäng­te sich durch die War­ten­den und sagte etwas, was nach Guten Mor­gen klang, dann gab er Wag­ner die Hand, eine ex­trem große, flei­schi­ge Hand. Er warf das Papp­schild in einen Pa­pier­korb, griff sich so­dann die bei­den schwe­ren Kof­fer und trug sie, fast mü­he­los, aus der Flug­ha­fen­hal­le.

Sie gin­gen zu dem Park­platz hin­über. Der Asphalt gab weich unter dem Schritt nach, und über den Au­to­dä­chern flim­mer­te die Luft. Ihm lief der Schweiß über die Stirn und durch die Brau­en bren­nend in die Augen. Er be­reu­te es, kein Stoff­ta­schen­tuch ein­ge­steckt zu haben, denn sein Pa­pier­ta­schen­tuch war nur noch ein klei­nes fus­seln­des Knäu­el.

Auf einem Ge­rüst, vor der An­kunfts­hal­le, schrieb eine me­ter­ho­he Leucht­re­kla­me den Namen sei­ner Firma in den Him­mel und legte zum Schluß in Gelb das ovale Fir­men­zei­chen herum.

Der Chauf­feur öff­ne­te die Fond­tür eines al­pin­wei­ßen Mer­ce­des. Wag­ner stieg in eine an­ge­neh­me Kühle und ließ sich in die Pols­ter fal­len. Die Kli­ma­an­la­ge lief mit einem lei­sen Fau­chen. Der Chauf­feur legte die Kof­fer in den Kof­fer­raum, ging um den Wagen, griff in die Ja­cken­ta­sche und steck­te den Mer­ce­des­stern auf den Küh­ler.

Sie fuh­ren auf einer brei­ten Be­ton­stra­ße. Rechts und links er­streck­te sich eine grau­braun ver­trock­ne­te Gras­land­schaft, in der ein paar zer­zaus­te Pal­men und staub­be­deck­te Eu­ka­lyp­tus­bäu­me stan­den. Da­zwi­schen, ver­sumpft und mit dich­tem Schilf be­stan­den, La­gu­nen, aus denen schwer­fäl­lig, vorn Mo­tor­ge­räusch auf­ge­schreckt, Rei­her hoch­ru­der­ten. An den Sump­frän­dern lange weiße Strei­fen wie Schnee, die aber plötz­lich zu einer wei­ßen Wolke auf­flo­gen: Schmet­ter­lin­ge . Am Stra­ßen­rand wälz­te der Wind Staub­wol­ken ent­lang und trieb Pa­pier­fet­zen und Plas­tik­müll über die Fahr­bahn. Hin und wie­der stan­den Häu­ser an der Stra­ße, klei­ne weiß­ge­tünch­te: Stein­häu­ser, mit ver­schach­tel­ten Dä­chern. Viele Last­wa­gen waren un­ter­wegs und ein paar Über­land­bus­se. Ein­mal mußte der Chauf­feur um ein totes Pferd her­um­fah­ren, das auf der Stra­ße lag und dem bläu­lich-schwarz Ge­där­me aus dem After ge­drückt wor­den waren. Ein wenig spä­ter war der Ge­ruch von Aas im Auto.

[…]

Der Fah­rer brems­te, fuhr auf die Ban­ket­te, stieg aus, stell­te sich vor den Wägen und pin­kel­te.

Wag­ner harre die ganze Zeit das Ge­fühl, in die fal­sche Rich­tung zu fah­ren. Er hatte sich zu Hause auf einer Land­kar­te genau die Stre­cke ein­ge­prägt, die zur Bau­stel­le führ­te. Er hatte sich die Land­schaft hü­ge­li­ger vor­ge­stellt. Vor al­lein aber fuh­ren sie in süd­öst­li­cher statt in nord­west­li­cher Rich­tung. Ihn durch­zuck­te der Ge­dan­ke, daß ei- ent­führt würde, so wie einer sei­ner bei­den Vor­gän­ger auf der Bau­stel­le ent­führt wor­den war, aber die­ser Ge­dan­ke war, wenn er sich den an­den­hes­sisch spre­chen­den Fah­rer ansah, lä­cher­lich. Als sie wei­ter­fuh­ren, frag­te Wag­ner, ob diese Stra­ße zum Meer führe.

Naa, sagte der Fah­rer, ins Lan­des­in­ne­re (er sagte: La­di­nerè).

Aber wir fah­ren doch nach Süd­os­ten, sagte Wag­ner. Naa, Nord­wes­ten.

Wag­ner glaub­te, daß die Fa­mi­lie in ihrer lan­gen Ab­ge­schie­den­heit die Be­nen­nung der Him­mels­rich­tun­gen ver­tauscht habe. Wag­ner zeig­te zur Sonne: Süden.

Naa, Nor­den, sagte der Mann.

Wag­ner be­schrieb mit einer Hand­be­we­gung den Lauf der Sonne.

Naa, sagte der Mann und zeig­te eine an­de­re Linie.

Erst jetzt wurde Wag­ner klar, daß er hier die Sonne in einem an­de­ren Blick­win­kel hatte. Er würde um­den­ken müs­sen.

(C) Text "Der Schlan­gen­baum, Uwe Timm" Text mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des DTV Ver­lags, Köln (KiWi) 1986, Mün­chen dtv (12643) 1999, S. 7-12

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Af­fi­ner Roman: Her­un­ter­la­den [doc] [50 KB]