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Zwi­schen­dia­gno­se

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Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

Dia­logana­ly­se 2 - Spra­che als Spie­gel so­zia­ler Ver­hält­nis­se - Zwi­schen­dia­gno­se

Ana­ly­sie­ren Sie die Szene II.1 unter dem As­pekt 1 … Hal­ten Sie Ihre Er­geb­nis­se stich­wort­ar­tig fest.









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Zwei­ter Akt, Erste Szene

Ein Zim­mer

Dan­ton. La­croix. Phil­ip­peau. Paris. Ca­mil­le Des­mou­lins.

Ca­mil­le . Rasch, Dan­ton, wir haben keine Zeit zu ver­lie­ren!
Dan­ton ( er klei­det sich an ). Aber die Zeit ver­liert uns. Das ist sehr lang­wei­lig,
immer das Hemd zu­erst und dann die Hosen drü­ber zu zie­hen und des Abends ins
Bett und mor­gens wie­der her­aus­zu­krie­chen und einen Fuß immer so vor den an­dern
zu set­zen; da ist gar kein Ab­se­hen, wie es an­ders wer­den soll. Das ist sehr trau­rig,
und daß Mil­lio­nen es schon so ge­macht haben, und daß Mil­lio­nen es wie­der so
ma­chen wer­den, und daß wir noch oben­drein aus zwei Hälf­ten be­ste­hen, die beide
das näm­li­che tun, so daß alles dop­pelt ge­schieht - das ist sehr trau­rig.
Ca­mil­le . Du sprichst in einem ganz kind­li­chen Ton.
Dan­ton . Ster­ben­de wer­den oft kin­disch.
La­croix . Du stür­zest dich durch dein Zö­gern ins Ver­der­ben, du rei­ßest alle deine
Freun­de mit dir. Be­nach­rich­ti­ge die Feig­lin­ge, daß es Zeit ist, sich um dich zu
ver­sam­meln, for­de­re so­wohl die vom Tale als die vom Berge auf! Schreie über die
Ty­ran­nei der De­zem­virn, sprich von Dol­chen, rufe Bru­tus an, dann wirst du die
Tri­bu­nen er­schre­cken und selbst die um dich sam­meln, die man als Mit­schul­di­ge
Héberts be­droht! Du mußt dich dei­nem Zorn über­las­sen. Laßt uns we­nigs­tens nicht
ent­waff­net und er­nied­rigt wie der schänd­li­che Hébert ster­ben!
Dan­ton . Du hast ein schlech­tes Ge­dächt­nis, du nann­test mich einen toten
Hei­li­gen. Du hat­test mehr recht, als du selbst glaub­test. Ich war bei den Sek­tio­nen;
sie waren ehr­furchts­voll, aber wie Lei­chen­bit­ter. Ich bin eine Re­li­quie, und Re­li­qui­en
wirft man auf die Gasse, du hat­test recht.
La­croix . Warum hast du es dazu kom­men las­sen?
Dan­ton . Dazu? Ja, wahr­haf­tig, es war mir zu­letzt lang­wei­lig. Immer im näm­li­chen
Rock her­um­zu­lau­fen und die näm­li­chen Fal­ten zu zie­hen! Das ist er­bärm­lich. So ein
arm­se­li­ges In­stru­ment zu sein, auf dem eine Saite immer nur einen Ton an­gibt! - 's
ist nicht zum Aus­hal­ten. Ich woll­te mir's be­quem ma­chen. Ich habe es er­reicht; die
Re­vo­lu­ti­on setzt mich in Ruhe, aber auf an­de­re Weise, als ich dach­te.
Üb­ri­gens, auf was sich stüt­zen? Un­se­re Huren könn­ten es noch mit den Guil­lo­ti­nen-
Bet­sch­wes­tern auf­neh­men; sonst weiß ich nichts. Es läßt sich an den Fin­gern
her­zäh­len: die Ja­ko­bi­ner haben er­klärt, daß die Tu­gend an der Ta­ges­ord­nung sei,
die Cor­de­liers nen­nen mich Héberts Hen­ker, der Ge­mein­de­rat tut Buße, der Kon­vent
- das wäre noch ein Mit­tel! aber es gäbe einen 31. Mai, sie wür­den nicht gut­wil­lig
wei­chen. Ro­bes­pierre ist das Dogma der Re­vo­lu­ti­on, es darf nicht aus­ge­stri­chen
wer­den. Es ginge auch nicht. Wir haben nicht die Re­vo­lu­ti­on, son­dern die Re­vo­lu­ti­on
hat uns ge­macht.
Und wenn es ginge - ich will lie­ber guil­lo­ti­niert wer­den als guil­lo­ti­nie­ren las­sen. Ich
hab es satt; wozu sol­len wir Men­schen mit­ein­an­der kämp­fen? Wir soll­ten uns
ne­ben­ein­an­der set­zen und Ruhe haben. Es wurde ein Feh­ler ge­macht, wie wir
ge­schaf­fen wur­den; es fehlt uns etwas, ich habe kei­nen Namen dafür - aber wir
wer­den es ein­an­der nicht aus den Ein­ge­wei­den her­aus­wüh­len, was sol­len wir uns
drum die Lei­ber auf­bre­chen? Geht, wir sind elen­de Al­chy­mis­ten!
Ca­mil­le . Pa­the­ti­scher ge­sagt, würde es hei­ßen: wie lange soll die Mensch­heit in
ewi­gem Hun­ger ihre eig­nen Glie­der fres­sen? oder: wie lange sol­len wir
Schiff­brü­chi­ge auf einem Wrack in un­lösch­ba­rem Durst ein­an­der das Blut aus den
Adern sau­gen? oder: wie lange sol­len wir Al­ge­brais­ten im Fleisch beim Su­chen nach
dem un­be­kann­ten, ewig ver­wei­ger­ten X un­se­re Rech­nun­gen mit zer­fetz­ten Glie­dern
schrei­ben?
Dan­ton . Du bist ein star­kes Echo.
Ca­mil­le . Nicht wahr, ein Pis­to­len­schuß schallt gleich wie ein Don­ner­schlag. Desto
bes­ser für dich, du soll­test mich immer bei dir haben.
Phil­ip­peau . Und Frank­reich bleibt sei­nen Hen­kern?
Dan­ton . Was liegt daran? Die Leute be­fin­den sich ganz wohl dabei. Sie haben
Un­glück; kann man mehr ver­lan­gen um ge­rührt, edel, tu­gend­haft oder wit­zig zu sein,
oder um über­haupt keine Lan­ge­wei­le zu haben? - Ob sie nun an der Guil­lo­ti­ne oder
am Fie­ber oder am Alter ster­ben! Es ist noch vor­zu­zie­hen, sie tre­ten mit ge­len­ken
Glie­dern hin­ter die Ku­lis­sen und kön­nen im Ab­ge­hen noch hübsch ges­ti­ku­lie­ren und
die Zu­schau­er klat­schen hören. Das ist ganz artig und paßt für uns; wir ste­hen immer
auf dem Thea­ter, wenn wir auch zu­letzt im Ernst er­sto­chen wer­den.
Es ist recht gut, daß die Le­bens­zeit ein wenig re­du­ziert wird; der Rock war zu lang,
un­se­re Glie­der konn­ten ihn nicht aus­fül­len. Das Leben wird ein Epi­gramm, das geht
an; wer hat auch Atem und Geist genug für ein Epos in fünf­zig oder sech­zig
Ge­sän­gen? 's ist Zeit, daß man das biß­chen Es­senz nicht mehr aus Zu­bern, son­dern
aus Li­körgläs­chen trinkt; so be­kommt man doch das Maul voll, sonst konn­te man
kaum ei­ni­ge Trop­fen in dem plum­pen Gefäß zu­sam­men­rin­nen ma­chen.
End­lich - ich müßte schrei­en; das ist mir der Mühe zu­viel, das Leben ist nicht die
Ar­beit wert, die man sich macht, es zu er­hal­ten.
Paris . So flieh, Dan­ton!
Dan­ton . Nimmt man das Va­ter­land an den Schuh­soh­len mit?
Und end­lich - und das ist die Haupt­sa­che: sie wer­den's nicht wagen. (Zu Ca­mil­le:)
Komm, mein Junge; ich sage dir, sie wer­den's nicht wagen. Adieu, adieu! ( Dan­ton
und Ca­mil­le ab
.)

1 Der Leh­rer wählt für jeden Schü­ler pass­ge­nau einen der sechs Teil­as­pek­te (vgl. die fol­gen­de Datei) ein.

(C) Text "Dan­tons Tod" Text mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung der Zenodot Ver­lags­ge­sell­schaft mbH
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