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Fi­gu­ren­spra­che

In­fo­box

Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

Dia­logana­ly­se 2 - Spra­che als Spie­gel so­zia­ler Ver­hält­nis­se - Selbst­ein­schät­zung der Zwi­schen­dia­gno­se

Die fol­gen­den Lö­sun­gen sind als Vor­schlä­ge ge­dacht und haben kei­nen Aus­schließ­lich­keits­an­spruch. Sie sol­len einen Rah­men an­bie­ten, der eine un­ge­fäh­re Ein­schät­zung des bei die­ser Auf­ga­be rea­li­sier­ten Aus­prä­gungs­gra­des der in­ter­pre­ta­to­ri­schen Fä­hig­kei­ten er­mög­licht. Wei­ter­hin sol­len sie bei der Er­stel­lung eines in­di­vi­du­el­len Tra­ings­pro­gram­mes hel­fen. In Klam­mern [...] ste­hen Er­geb­nis­se, die eine be­son­de­re Leis­tung dar­stel­len und über das C-Ni­veau hin­aus­ge­hen.

Teil­as­pek­te

A

B

C

Fi­gu­ren-spra­che

Ich habe fol­gen­de sprach­li­che Mit­tel ent­deckt und be­schrie­ben:
- iro­ni­sches Wort­spiel in Z. 5ff.
- eben­so in Z. 14f
- eben­so in Z. 59f.
- Wie­der­ho­lung in Z. 71f.
- eine um­gangs­sprach­li­che
   El­ison (Z. 27 oder Z. 64)
- Wort­fel­der der röm. Ge­schich­te (De­cem­virn, Bru­tus, Ty­ran­nei), der Re­vo­lu­ti­on (Ja­ko­bi­ner, Hébert, Kon­vent), der Lan­ge­wei­le, des Todes (Ster­ben­de, toten Hei­li­gen, Re­li­quie, Guil­lo­ti­nen­bet-schwes­tern, guil­lo­ti­nie­ren, Lei­ber auf­bre­chen).
- Re­la­tiv lange Sätze, die aber durch viele Pa­ra­ta­xen zu­stan­de kom­men (z. B. Z. 14ff. oder Z. 40ff.)
- Par­al­le­lis­men (z. B. Z. 15ff.   oder Z. 20ff.)
- Bil­der­spra­che (z. B. Z. 22: Re­li­quie; Z. 27: arm­se­li­ges In­stru­ment; Z. 45f: wir Schiff­brü­chi­ge; Z. 63f: ein Epos in fünf­zig oder sech­zig  Ge­sän­gen.)
Ich habe an­satz­wei­se einen Zu­sam­men­hang zwi­schen Spra­che und In­halt dar­ge­stellt, zum Bei­spiel:

- Die um­gangs­sprach­li­chen El­iso­nen (Z. 27 und 64) drü­cken die ei­gent­lich schwer­mü­ti­gen Ge­dan­ken des Le­bens­über­drus­ses in einem lo­cke­ren Ton aus, wo­durch der Wunsch zu ster­ben ver­harm­lost wird.

- Die Wie­der­ho­lung in Z. 71f. dient der Be­kräf­ti­gung der Il­lu­si­on von Dan­ton, dass Ro­bes­pierre sei­nen gro­ßen Re­vo­lu­ti­ons­kol­le­gen nicht an­tas­ten wird.

- Der Par­al­le­lis­mus im Satz­bau in Z. 13-16 (An­ein­an­der­rei­hung von fünf Im­pe­ra­ti­ven) soll den Ap­pell von La­croix in­ten­si­vie­ren.

Ich habe durch­ge­hend ge­zeigt, wel­cher Zu­sam­men­hang zwi­schen den von mir ent­deck­ten sprach­li­chen Mit­teln und dem In­halt be­steht.

Zum Bei­spiel:

- Z. 4-10: Dan­tons Äu­ße­rung
be­steht aus drei Sät­zen. Die An­fän­ge von Satz 1 und 2 sind iden­tisch mit Satz 3. Durch die par­al­le­le Satz­struk­tur wird die Aus­sa­ge „Das ist sehr lang­wei­lig“ – „Das ist sehr trau­rig“ zum Fazit, das sich ein­prägt. Satz 1 und 2 sind pa­rat­ak­tisch auf­ge­baut und sehr lang. Satz 1 be­steht aus einer auf­zäh­len­den Be­schrei­bung von Auf­ste­hen, An­zie­hen und Zu-Bett-Gehen, Satz 2 ver­all­ge­mei­nert die Be­schrei­bung durch eine Auf­zäh­lung von dass-NS. Die lang­at­mi­ge syn­tak­ti­sche Kon­struk­ti­on ent­spricht der Grund­aus­sa­ge „sehr lang-wei­lig“. Form und In­halt kor­re­spon­die­ren mit­ein­an­der.

-Dan­ton ver­wen­det die Me­ta­phern vom „Rock“ (Z. 26 und 61) und vom „arm­se­li­gen In­stru­ment“ (Z. 27.), um seine Vi­si­on vom pas­si­ven und see­len­lo­sen Men­schen zu ver­deut­li­chen. Der Mensch wird ver­ding­licht, indem er auf die Rolle eines „Rock­trä­gers“ bzw. einer Geige, die nur einen Ton ab­ge­ben kann, re­du­ziert wird.
- Ca­mil­le be­nutzt die Me­ta­pher der Schiff­brü­chi­gen, die wie Bes­ti­en ums nack­te Über­le­ben kämp­fen (Z. 46f.), als Sinn­bild für die mensch­li­che Exis­tenz und un­ter­stützt damit Dan­tons pes­si­mis­ti­sches Men­schen­bild, das die Men­schen nur als ani­ma­li­sche, ge­walt­tä­ti­ge Wesen be­schreibt.

Ich habe zu­sätz­lich er­kannt, dass Dan­tons Spra­che sich von der Spra­che sei­ner Freun­de durch die Ver­wen­dung vie­ler ori­gi­nel­ler und dras­ti­scher Bil­der un­ter­schei­det, wo­durch sich Dan­ton als in­di­vi­du­el­ler Cha­rak­ter deut­lich von den Ne­ben­fi­gu­ren ab­hebt. Nur Ca­mil­le ver­wen­det ähn­lich kräf­ti­ge Bil­der in Z. 43-47, aber er imi­tiert dabei nur Dan­tons Spra­che, um seine Ver­bun­den­heit und un­ver­brüch­li­che Ge­folg­schaft mit Dan­ton zum Aus­druck zu brin­gen.

Be­son­de­re Be­deu­tung hat die Thea­ter­m­e­ta­pher, da sie in zy­ni­scher Weise Dan­tons pes­si­mis­ti­sche Men­schen­sicht und sein fa­ta­lis­ti­sches Ge­schichts­bild ver­deut­licht (Z. 52-58). Zy­nisch ist die Vor­stel­lung, dass die Men­schen, hier das Volk, wie Thea­ter­zu­schau­er jede Art von Schau­spiel, selbst das grau­sams­te, zu ge­nie­ßen be­reit sind, Haupt­sa­che, sie ent­kom­men ihrer Lan­ge­wei­le. Den Schau­spie­lern, die für die Ak­teu­re der Re­vo­lu­ti­on ste­hen, bleibt keine an­de­re Frei­heit, als frei­wil­lig in den frü­hen Tod zu gehen, um dem bösen Spiel ein Ende zu ma­chen. Diese Stel­le kor­re­spon­diert mit der zen­tra­len Aus­sa­ge in Z. 35f.: „Wir haben nicht die Re­vo­lu­ti­on, son­dern die Re­vo­lu­ti­on hat uns ge­macht.“ Der Fa­ta­lis­mus der Ge­schich­te be­steht also darin, dass die Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer kei­nen wirk­li­chen Ein­fluss auf die ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung haben, son­dern selbst nur Ge­trie­be­ne sind.

[Bei der Thea­ter­m­e­ta­pher bleibt al­ler­dings offen, wer der Autor, Schöp­fer oder „Strip­pen­zie­her“ des Re­vo­lu­ti­ons­stü­ckes ist. Und auch im Schlüs­sel­zi­tat Z. 35f.  wird nicht deut­lich, wer oder was sich hin­ter dem Abs­trak­tum der die Ver­hält­nis­se be­stim­men­den „Re­vo­lu­ti­on“ ver­birgt. Es gibt also keine ori­en­tie­ren­de In­stanz mehr. Alles ge­schieht nur, damit die ge­walt­tä­ti­ge Menge sich nicht lang­weilt. Eine nor­men­set­zen­de Kraft fin­det sich weder au­ßer­halb des Men­schen (Gott?) noch in­ner­halb des Men­schen (Ver­nunft? Ge­wis­sen?). Dies könn­te der ei­gent­li­che Grund für Dan­tons Ver­zweif­lung und Le­bens­über­druss sein.]

  Fa­ta­lis­mus-Brief AB 7

 

Selbst­ein­schät­zung der Zwi­schen­dia­gno­se: Her­un­ter­la­den [doc] [54 KB]