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Fa­ta­lis­mus-Brief Ar­beits­blatt 7

In­fo­box

Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

"Dan­tons Tod": Dia­logana­ly­se 2 - Spra­che als Spie­gel so­zia­ler Ver­hält­nis­se - "Fa­ta­lis­mus-Brief" (AB 7)

Aus­schnitt aus einem Brief Büch­ners an seine Ver­lob­te Wil­hel­mi­ne Jaeglé in Straß­burg

[Gie­ßen, nach dem 10. März 1834.]






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Hier ist kein Berg, wo die Aus­sicht frei ist. Hügel hin­ter Hügel und brei­te Täler, eine hohe Mit­tel­mä­ßig­keit in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur ge­wöh­nen, und die Stadt ist ab­scheu­lich. Bei uns ist Früh­ling, ich kann dei­nen Veil­chen­strauß immer er­set­zen, er ist  un­sterb­lich wie der Lama. Lieb Kind, was macht denn die gute Stadt Straß­burg? es geht dort al­ler­lei vor, und du sagst kein Wort davon. Je baise les pe­ti­tes mains, en goûtant les sou­ve­nirs doux de Stras­bourg. - "Prouve-moi que tu m'aimes en­co­re beau­coup en me don­nant bientôt des nou­vel­les." Und ich ließ dich war­ten! Schon seit ei­ni­gen Tagen nehme ich jeden Au­gen­blick die Feder in die Hand, aber es war mir un­mög­lich, nur ein Wort zu schrei­ben. Ich stu­die­re die Ge­schich­te der Re­vo­lu­ti­on. Ich fühl­te mich wie zer­nich­tet unter dem Gräß­li­chen Fa­ta­lis­mus der Ge­schich­te. Ich finde in der Men­schen­na­tur eine ent­setz­li­che Gleich­heit, in den mensch­li­chen Ver­hält­nis­sen eine un­ab­wend­ba­re Ge­walt, Allen und Kei­nem ver­lie­hen. Der Ein­zel­ne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein blo­ßer Zu­fall, die Herr­schaft des Ge­nies ein Pup­pen­spiel, ein lä­cher­li­ches Rin­gen gegen ein eher­nes Ge­setz, es zu er­ken­nen das Höchs­te, es zu be­herr­schen un­mög­lich. Es fällt mir nicht mehr ein, vor den Pa­ra­de­gäu­len und Eck­ste­hern der Ge­schich­te mich zu bü­cken. Ich ge­wöhn­te mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guil­lo­ti­nen­mes­ser. Das muß ist eins von den Ver­dam­mungs­wor­ten, womit der Mensch ge­tauft wor­den. Der Aus­spruch: es muß ja Är­ger­nis kom­men, aber wehe dem, durch den es kommt, – ist schau­der­haft. Was ist das, was in uns lügt, mor­det, stiehlt? Ich mag dem Ge­dan­ken nicht wei­ter nach­ge­hen. Könn­te ich aber dies kalte und ge­mar­ter­te Herz an deine Brust legen! B. wird dich über mein Be­fin­den be­ru­higt haben, ich schrieb ihm. Ich ver­wün­sche meine Ge­sund­heit. Ich glüh­te, das Fie­ber be­deck­te mich mit Küs­sen und um­schlang mich wie der Arm der Ge­lieb­ten. Die Fins­ter­nis wogte über mir, mein Herz schwoll in un­end­li­cher Sehn­sucht, es dran­gen Ster­ne durch das Dun­kel, und Hände und Lip­pen bück­ten sich nie­der. Und jetzt? Und sonst? Ich habe nicht ein­mal die Wol­lust des Schmer­zes und des Seh­nens. Seit ich über die Rhein­brü­cke ging, bin ich wie in mir ver­nich­tet, ein ein­zel­nes Ge­fühl taucht nicht in mir auf. Ich bin ein Au­to­mat; die Seele ist mir ge­nom­men. Os­tern ist noch mein ein­zi­ger Trost; ich habe Ver­wand­te bei Land­au, ihre Ein­la­dung und die Er­laub­nis, sie zu be­su­chen. Ich habe die Reise schon tau­send­mal ge­macht und werde nicht müde. – Du frägst mich: sehnst du dich nach mir? Nennst du's Seh­nen, wenn man nur in einem Punkt leben kann und wenn man davon ge­ris­sen ist, und dann nur noch das Ge­fühl sei­nes Elends hat? Gib mir doch Ant­wort. Sind meine Lip­pen so kalt?

[…] – Die­ser Brief ist ein Cha­ri­va­ri 1 : ich trös­te dich mit einem an­de­ren.


1 Kat­zen­mu­sik

(C) Text "Brief Büch­ner" mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung der Büch­ner­Büh­ne Ried­stadt
http://​www.​bue​chne​rbue​hne.​de/​Re­sour­ces/​Brie­fe.​pdf

Ar­beits­an­wei­sun­gen

(In­for­mie­ren Sie sich genau, wel­che An­for­de­run­gen mit den fett ge­druck­ten Ope­ra­to­ren ver­bun­den sind, und be­ar­bei­ten Sie eine der drei Mög­lich­kei­ten in EA oder PA.)

A

Mar­kie­ren Sie die we­sent­li­chen Aus­sa­gen des Brie­fes.

Fas­sen Sie die Aus­sa­gen in ei­ge­nen Wor­ten schrift­lich zu­sam­men .

B

Cha­rak­te­ri­sie­ren Sie Büch­ners Ge­schichts­ver­ständ­nis.

Ver­glei­chen Sie die Aus­sa­gen des Brie­fes mit Szene II,1 und fas­sen Sie Ihre Er­geb­nis­se stich­wort­ar­tig und nach Ober­be­grif­fen ge­ord­net zu­sam­men .

C

Su­chen Sie im Drama nach wei­te­ren Text­stel­len zum Men­schen- und Ge­schichts­bild und be­wer­ten Sie die ge­fun­de­nen Aus­sa­gen im Zu­sam­men­hang mit Büch­ners Brief. Hal­ten Sie Ihre Er­geb­nis­se stich­wort­ar­tig fest.

  Bau­stein 3 - Frau­en­fi­gu­ren

 

Fa­ta­lis­mus-Brief Ar­beits­blatt 7: Her­un­ter­la­den [doc] [25 KB]