Zur Haupt­na­vi­ga­ti­on sprin­gen [Alt]+[0] Zum Sei­ten­in­halt sprin­gen [Alt]+[1]

Lö­sungs­vor­schlä­ge

In­fo­box

Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

„Dan­tons Tod“ – Dia­logana­ly­se 3 – Sta­ti­on 4:
Lö­sungs­vor­schlä­ge

A → B

In die­ser Szene könn­te man den Ein­druck einer kom­ple­men­tä­ren Be­zie­hung zwi­schen Ca­mil­le und Lu­ci­le ge­win­nen, denn Lu­ci­les Ver­hal­ten ge­gen­über ihrem Mann spricht für ab­so­lu­te Liebe und Hin­ga­be. Von dem Ge­spräch zwi­schen Dan­ton und Ca­mil­le hat sie gar nichts ver­stan­den (Z. 6), aber sie lauscht allem, was ihr Mann sagt, mit Be­geis­te­rung, weil sie ihn so gerne spre­chen sehe (Z. 2). In den ers­ten sechs Zei­len er­scheint die Be­zie­hung als eine sehr ein­sei­ti­ge: der do­mi­nan­te Mann und die von ihm völ­lig ab­hän­gi­ge Frau. Sie ver­göt­tert ihn ge­ra­de­zu.

Nach­dem Dan­ton von sei­ner be­schlos­se­nen Ver­haf­tung be­rich­tet hat und wie­der ge­gan­gen ist, wird Lu­ci­le al­ler­dings sehr aktiv und drückt deut­lich ihre Sorge aus, dass nach Dan­ton auch ihr Mann ver­haf­tet wer­den könn­te (Z. 24f.), womit sie mehr Wirk­lich­keits­sinn zeigt als ihr Mann, der sich in Si­cher­heit glaubt, weil er ein Schul­freund von Ro­bes­pierre sei (Z. 34-36). Die Sorge um ihren Mann be­las­tet Lu­ci­le so sehr, dass sie sich be­reits dem Wahn­sinn nahe sieht (Z. 25), eine Vor­aus­deu­tung auf ihr spä­te­res Schick­sal. Ca­mil­le ver­sucht Lu­ci­le mit dem Hin­weis auf seine gute per­sön­li­che Be­zie­hung zu Ro­bes­pierre zu be­ru­hi­gen (Z. 30ff.), aber so rich­tig ge­lingt ihm dies nicht, wie der Mo­no­log von Lu­ci­le am Ende der Szene zeigt (Z. 39-47). Hier lässt sie ganz ihren Ge­füh­len Lauf, wobei sie im Ge­gen­satz zu Ca­mil­le, der nüch­tern und sach­lich spricht, in der gan­zen Szene als eine von ihren Emo­tio­nen be­herrsch­te Frau er­scheint. Im Mo­no­log spricht sie von der ge­walt­sa­men Tren­nung von ihrem Mann wie von einem un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den Er­eig­nis (Z. 41f.), und sieht auch be­reits den Tod ihres Man­nes vor­aus (Z. 46). Damit zeigt sie eine vi­sio­nä­re Klar­sicht, der ge­gen­über Dan­ton und Ca­mil­le als ge­ra­de­zu blind er­schei­nen.

Dass die Be­zie­hung zwi­schen Lu­ci­le und Ca­mil­le durch­aus auch eine sym­me­tri­sche Kom­po­nen­te hat, zeigt sich in spä­te­ren Sze­nen. Im Ge­fäng­nis (IV.3 bis IV.5) wird die star­ke emo­tio­na­le Bin­dung von Ca­mil­le an seine Frau deut­lich. Er macht sich Sor­gen, dass sie auch ver­haf­tet wer­den könn­te (IV.3) und lei­det dar­un­ter, dass sie wahn­sin­nig ge­wor­den ist (IV.5), wie in IV.4 ge­zeigt wird. Lu­ci­le er­weist sich als ab­so­lut treu und will ihrem Mann in den Tod fol­gen. Des­halb lässt sie sich in der Schluss­sze­ne als An­hän­ge­rin der Mon­ar­chie ver­haf­ten. Sie weiß, dass das ihren si­che­ren Tod auf der Guil­lo­ti­ne be­deu­tet.

B → C

Zu Lu­ci­le vgl. oben. Julie hat es mit ihrem Mann si­cher nicht leicht (vgl. I.1: „Glaubst du an micht? – Was weiß ich.“ ... „Du kennst mich Dan­ton. – Ja, was man so ken­nen heißt.“). Trotz­dem zeigt sie ihm ge­gen­über eine un­ver­brüch­li­che Liebe und Treue (was man von Dan­ton nicht sagen kann). Julie kann ihren Mann in II.5 durch ihre ein­fühl­sa­me und ver­ständ­nis­vol­le Art we­nigs­tens für den Mo­ment be­ru­hi­gen. Sie kennt ihn also sehr genau. Nach sei­ner Ver­haf­tung und Ver­ur­tei­lung wählt sie den Frei­tod und ver­gif­tet sich sogar noch vor sei­ner Hin­rich­tung (IV.6). Sie or­ga­ni­siert ihren Tod so um­sich­tig, dass Dan­ton davon er­fährt (IV.2 bzw. IV.1 – je nach Aus­ga­be). Ju­lies Ent­schei­dung gibt ihm an­ge­sichts sei­nes be­vor­ste­hen­den Todes Halt (IV.3). In III.7 wünscht er sich sogar, dass sie mit ihm stirbt. Dass sein Wunsch in Er­fül­lung geht, ist ein deut­li­cher Beleg für Ju­lies ab­so­lu­te Liebe und Hin­ga­be sowie dafür, dass sie ihren Mann bes­tens ver­steht. Im Ver­gleich zur Be­zie­hung zwi­schen Ca­mil­le und Lu­ci­le er­scheint Dan­ton al­ler­dings als der schwie­ri­ge­re und rück­sichts­lo­se­re Part­ner, wäh­rend Ca­mil­les und Lu­ci­les Be­zie­hung sehr ro­man­tisch wirkt.

Es ist be­mer­kens­wert, dass Büch­ner bei den bei­den Frau­en­gestal­ten von der his­to­ri­schen Wirk­lich­keit ab­weicht, ob­wohl er sich sonst sehr eng an seine Quel­len hält. Bei Lu­ci­le wird die po­li­ti­sche Kom­po­nen­te völ­lig weg­ge­las­sen, bei Dan­ton seine zwei­te Frau, die ihn um mehr als 60 Jahre über­leb­te, ver­schwie­gen. Die Frau­en wer­den auf ihre pri­va­te Rolle als (aus Män­ner­sicht) per­fek­te Ehe­frau­en re­du­ziert. Es liegt nahe, darin die be­wuss­te Kon­struk­ti­on einer Ge­gen­welt zur po­li­ti­schen Sphä­re der Ehe­män­ner zu ver­mu­ten.

C → C*

Die Gri­set­te Ma­ri­on ist eine ge­sell­schaft­li­che Au­ßen­sei­te­rin (Z. 48f.). Sie ent­spricht eher einem Typus, stellt also kei­nen selbst­stän­di­gen Cha­rak­ter mit in­di­vi­du­el­len Zügen dar, son­dern re­prä­sen­tiert eine be­stimm­te Welt­an­schau­ung, näm­lich die epi­ku­räi­sche Le­bens­ein­stel­lung (Z. 51f.). Weil sie ganz die­sem Prin­zip ent­spricht, strahlt sie eine große Selbst­si­cher­heit und Ge­schlos­sen­heit aus. Sie lebt mit sich im Gleich­ge­wicht (Z. 46f.).

Der auf­fal­lend lange Mo­no­log, der ihr von Büch­ner ein­ge­räumt wird, spricht für ihre Be­deu­tung, auch wenn sie nur in die­ser Szene auf­tritt. In einer ein­fa­chen und na­tür­li­chen Spra­che drückt sie ihr Le­bens­ge­fühl ge­gen­über Dan­ton aus, der „an ihren Lip­pen hängt“. Was beide ver­bin­det, ist das epi­ku­räi­sche Le­bens­ge­fühl. Bei Ma­ri­on kann Dan­ton ver­ges­sen, kennt für den Au­gen­blick sei­nen in­ne­ren Kon­flikt zwi­schen Le­bens­ge­nuss und Le­bens­über­druss (Welt­schmerz, Ni­hi­lis­mus) nicht mehr. Des­halb wünscht er sich, mit Ma­ri­on auch in einem geis­ti­gen Sinne zu ver­schmel­zen (Z. 53ff.).

Trotz­dem führt er auch eine von sei­ner Seite durch Ver­trau­en und Liebe ge­kenn­zeich­ne­te Ehe mit Julie, wie sich vor allem im IV. Akt zeigt, als Julie den Frei­tod wählt und Dan­ton da­durch an­ge­sichts sei­ner To­des­angst etwas Halt gibt.

Ins­ge­samt bil­den die Frau­en (Ma­ri­on, Julie und Lu­ci­le) in ihrer Mensch­lich­keit, Krea­tür­lich­keit und Emo­tio­na­li­tät sowie ihrer Aus­ge­gli­chen­heit (Ma­ri­on, auch Julie) einen Ge­gen­pol zur Welt des Po­li­ti­schen und der Ge­walt. In­ter­es­san­ter Weise fin­den sich die Frau­en­fi­gu­ren nur auf der Seite der Dan­to­nis­ten. Im Lager von Ro­bes­pierre spie­len sie keine Rolle. Ro­bes­pierre mei­det wegen sei­ner Tu­gend­vor­stel­lung alle Kon­tak­te mit Frau­en. Nur Dumas, der Prä­si­dent des Re­vo­lu­ti­ons­tri­bu­nals, be­rich­tet in IV.1 (bzw. IV.2 – je nach Aus­ga­be) einem ent­setz­ten Bür­ger aus der Pro­vinz, dass er sich von sei­ner Frau tren­nen werde, indem er sie zur Guil­lo­ti­ne ver­ur­tei­len lasse.

Liebe, Treue und Mensch­lich­keit spie­len also nur bei den Dan­to­nis­ten eine Rolle, ver­kör­pert durch die rein auf das Pri­va­te re­du­zier­te Welt ihrer Frau­en, wäh­rend sich die An­hän­ger von Ro­bes­pierre nur von ihrem Macht­in­stinkt lei­ten las­sen. Eine mög­li­che zu dis­ku­tie­ren­de Frage wäre, ob Büch­ner die Ge­gen­welt der Frau­en le­dig­lich aus dra­ma­tur­gi­schen Grün­den auf­ge­baut hat, also um den Kon­trast zwi­schen den La­gern von Ro­bes­pierre und Dan­ton noch deut­li­cher, d. h. büh­nen­wirk­sa­mer zu kon­tu­rie­ren, oder ob da­hin­ter eine Art Hoff­nungs­schim­mer an­ge­sichts des Fa­ta­lis­mus der Ge­schich­te ver­mu­tet wer­den darf. Für die Be­ant­wor­tung die­ser Frage muss man tex­tex­ter­ne Be­zü­ge, zum Bei­spiel Büch­ners Brie­fe, be­rück­sich­ti­gen.


Fort­bil­dungs­ma­te­ri­al zum stan­dard­ba­sier­ten und kom­pe­tenz­ori­en­tier­ten Un­ter­richt im Fach Deutsch (Sek. I Gym.)

  S5 Ge­sprächs­ver­hal­ten

 

Lö­sungs­vor­schlä­ge: Her­un­ter­la­den [doc] [28 KB]