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(5) Ermöglichung eines eigenständigen und individuellen Lernens

 

Kompetenzorientiertes Lernen ist aktives, eigenständiges, individuelles und lebensbezogenes Lernen. Nur so können die Schülerinnen und Schüler eigene mentale Modelle (Schemata) aufbauen und differenzieren, die in verschiedenen Lern- und Lebenssituationen zur Anwen­dung kommen können.

Eine besondere Rolle spielen dabei Lernformen, die mehr Nachhaltigkeit versprechen, sowie kompetenzorientierte Lernaufgaben.

Erkennbar mehr Nachhaltigkeit versprechen Formen kooperativen Lernens , die sich an dem Grundmodell „Think-Pair-Share“ ausrichten. Entscheidend ist dabei, dass die Lernenden einmal für sich selbst etwas erarbeiten, indem sie z.B. (1) eine Aufgabe lösen, Informationen einem Text entnehmen, einen Vergleich anstellen (Think), dann dies einem anderen erläu­tern, die Ergebnisse mit den eigenen vergleichen und so die eigenen weiterentwickeln (Pair). Erst danach geht es in die Gesamtgruppe und das eigene Lernergebnis wird vorgestellt, ver­glichen, diskutiert, differenziert (Share). 1

Kompetenzorientierte Lernaufgaben sind Aufgaben, deren Bearbeitung zum Aufbau, zur Sicherung und zur Differenzierung von Kompetenzen und damit zum nachhaltigen Lernen beitragen. Sie sind von Diagnose- und Prüfaufgaben zu unterscheiden.
Dazu gehören „verständnisintensive Lernaufgaben 2 . Zu diesen zählen die sog. „ETA“, die „Erweiterten Textaufgaben“ wie sie in den EPA zu finden sind. Sie operieren im Wesent­lichen mit einem Dreischritt: Reorganisieren, Vernetzen und Anwenden (durch Transfer, die Formulierung von Konsequenzen in einem vorgegebenen Fall oder in einer Gestaltungsauf­gabe wie z.B. dem Entwurf einer Predigt zu einem Bild). Dahinter steht die Auffassung, dass Lernende einen Sachverhalt besser lernen, wenn sie ihn nicht nur analysieren, sondern ihn auch mit anderen Wissensbeständen verbinden und ihn schließlich auf eine neue Situation anwenden.

  • Andreas Feindt und Petra Wittmann 3 haben versucht, in Bearbeitung von Kursbuch elementar 7/8 kompetenz­orientierte Lernaufgaben zu entwickeln. In Aufnahme einer Anregung im Schulbuch entwerfen sie zu der Zachäus-Geschichte die folgende Szene: „Am nächsten Tag sitzt Zachäus mit seiner Familie (Frau, Schwieger­eltern, Söhne, Töchter) beim Frühstück. Er erklärt, was er mit seinem Geld machen will. Die anderen schauen ihn an. So kennen sie Zachäus nicht. Da erzählt ihnen Zachäus seine Geschichte mit Jesus. Spielt das Gespräch und berichtet im Anschluss, warum ihr das so und nicht anders gespielt habt.“
    Sie ergänzen diese Aufgabe mit einer zweiten: „Stell dir vor, am nächsten Tag trifft Zachäus auf die Ehebreche­rin und sie kommen ins Gespräch über Jesus. Überlegt, wie die Unterhaltung verlaufen könnte. Spielt das Ge­spräch und berichtet im Anschluss, warum ihr es so und nicht anders gespielt habt.“
    Diese Aufgabe ist offen und komplex, sie aktiviert das eigene Wissen, vernetzt verschiedene Kompetenzen (erzählen, spielen), aktiviert Metakognition (begründen), eröffnet verschiedene Lösungsmöglichkeiten, vernetzt Wissen und fördert das Nachdenken.
    Besonders attraktiv finde ich die darin eingeschlossene Vernetzung verschiedenen Wissens. Zachäus und die Ehebrecherin werden zueinander in Bezug gesetzt. Ich spreche von „crossover“ Aufgaben, die die Vernetzung von kognitiven Schemata fordern und die Nachhaltigkeit verstärken.4

Daneben gibt es „ selbstdifferenzierende Lernaufgaben 5 . Sie bieten zu einem Text, einem Bild o.ä. ganz unterschiedliche Aufgaben an, unter denen Lernende wählen können. Die Auf­gabenformen sind bekannt: einen Dialog zu inszenieren, eine Szene spielen, mit anderem vergleichen, aus einer anderen Perspektive betrachten, Begriffe definieren, Pro und Contra diskutieren, einen Spickzettel anlegen, Lernkarten entwerfen usw. Man kann Schülerinnen und Schüler auch sagen: Wählt euch vier Aufgaben aus.

  • Hilfreich für die Entwicklung solcher Aufgaben sind „kognitive Landkarten“ wie sie Annemarie von der Groeben und Ingrid Kaiser vorschlagen.6 Sie empfehlen bei der Suche nach unterschiedlichen Lernaufgaben zu einem gegebenen Thema die Such- Kategorieren Argumentieren, Erkunden, Imaginieren, Urteilen und Ordnen zu verwenden. Also z.B.: Dürfen Christen einem kriegerischen Einsatz der Bundes wehr zustimmen? (Argumentie­ren), Wie haben sich Christen in verschiedenen Zeiten entschieden? (Erkunden), Wie sähe die Welt aus, wenn es keine Armeen mehr gäbe(Imaginieren), Ist es zu vertreten, dass es in der Bundeswehr Seelsorger gibt, die von der Kirche abgestellt und vom Staat bezahlt werden? (Urteilen) Wie löst das Konzept Theorie des gerech­ten Krieges das Problem (Ordnen).

Daneben gibt es „ offene Lernaufgaben “, die ein projektartiges Lernen nahe legen und dazu auffordern sich selber eine Erarbeitungsstrategie zurecht zu legen. „Erstellt eine Zeitschrift zu vier ethischen Ansätze der Gegenwart.“ „Entwerft eine kirchliche Stellung zum Thema Mobbing in der Schule.“ Zu den offenen Lernaufgaben kann man auch „problemorientierte Aufgaben“ im Gefolge Wagescheins zählen.7 „Sind Globalisierungsgegner Chaoten?“8

Immer mehr setzen sich kombinierte Lernformen durch. Heinz Klippert empfiehlt eine Lern­spirale mit einem Wechselspiel von Einzelarbeit, Partnerarbeit, Gruppenarbeit und Plenum, von differenzierten Aufgaben und Instruktionen.9 Annemarie von der Groeben, die vorma­lige Leiterin der Laborschule in Bielefeld, und Ingrid Kaiser empfehlen einen Unterricht mit Rampe, Fächer, Blüten und Gerüst.10 Der Unterricht geht aus einer gemeinsamen Rampe, die einerseits gemeinsame Grundlagen legt, andererseits motiviert. Im Fächer erhalten die Lernenden unterschiedliche Lernaufgaben, unter denen sie wählen können. Dabei wird da­rauf geachtet, dass unterschiedliche Intelligenzformen zum Zuge kommen können. Bei der Blüte zeichnen sich die Lernaufgaben durch ansteigende Schwierigkeits­grade aus. Gerüste geben Hinweise auf methodische Realisationen. „Ihr könnt das Leben von Katharina Bora als Ehefrau Martin Luthers auch zur Darstellung bringen, indem ihr einen Tag in ihrem Leben beschreibt.“

Kompakt formuliert, kann man sagen: Kompetenzorientierten Lernaufgaben

  • sind herausfordernd, komplex und offen
  • erlauben verschiedene Lösungswege
  • lassen Raum, um eigenes Wissen, eigene Erfahrungen und Fertigkeiten einzubringen
  • nehmen verschiedene Kompetenzen in Anspruch
  • sind lebenswelt- und anwendungsorientiert.11



Evaluation


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1   Vgl. Friedrich Jahresheft XXVI 2008 „Individuelles Lernen-kooperativ arbeiten“ und entwurf 4/2010 Varianten von Think-Pair-Share sind Methoden wie placemat, Lernspirale, Partnercheck, Lerntempoduett, Gruppenralley und andere.
2   Der Begriff ist dem Begriff des verständnisintensiven Lernens von  Annemarie von der Groeben/Ingrid Kaiser, Herausfordern und Lernwege anbieten (2), in: PÄDAGOGIK 3/11, 45 nachempfunden.
3   Aufgabewerkstatt RU entwurf 4/2010, 28-31.
4   Diese Einsichten erlauben eine Differenzierung von Aufgabentypen: Diagnoseaufgaben zielen auf eine bessere Kenntnis der Lernstände der Schülerinnen und Schüler. Es geht um eine Erhebung der Kenntnisse und Fähigkeiten und Einstellungen, aber auch Strategien und Begründungsformen, die Schülerinnen und Schüler zur Verfügung haben und anwenden können. Prüfungsaufgaben dienen der Feststellung des Niveaus, auf dem die Kompetenzen erworben sind. Lernaufgaben aktivieren und fördern Kompetenzen.
5   Dieser Begriff findet sich in Annemarie von der Groeben/ Ingrid Kaiser, Erschließen, Anwenden, Vertiefen. Aufgabendifferenzierung (2) in: PÄDAGOGIK 5/11,44.
6   Annemarie von der Groeben/Ingrid Kaiser, Herausfordern und Lernwege anbieten (1). Möglichkeiten kognitiver Aktivierung in: PÄDAGOGIK 2/11,42- 46.
7   Eine typische Aufgaben von Wageschein lautet: Wie weit ist der Mond von der Sonne entfernt?
8   Es könnte sein, dass sie eine Welt vor Augen haben, die dem Reich Gottes gleicht!
9   PÄDAGOGIK 5/10, 39.
10   Annemarie von der Groeben, Ingrid Kaiser, Rampe, Fächer, Blüte, Gerüst. Aufgabendifferenzierung (1), PÄDAGOGIK 4/11, 40-45.
11   Vgl. Obst Kompetenzorientiertes Lehren und Lernen im Religionsunterricht, 184-194.