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Textblatt Rollenspiel Teil 1


Im Babylonischen Exil: Benjamin und Amel-Marduk 1

Zwölf Jahre der Verbannung sind vorbei. Das tägliche Leben der Israeliten in Babylon hat sich eingespielt und nimmt seinen Lauf. Benjamin, ein zwölfjähriger Jude, besucht eine baby­lonische Schule. Er hat sich dort mit dem gleichaltrigen Amêl-Marduk an­gefreundet. Heute ist das Wetter besonders schön und der Unterricht langweilig – also schwänzen die beiden die letzte Stunde und laufen hinunter zum Fluss, um Steine hinein zu werfen, ein beliebtes Spiel ...

B Mein Vater hat mich gestern wieder vor dir gewarnt! Weil du doch „unser Feind“ bist, sagt er. Aber ich habe gesagt, dass ich dich nett finde. Ich wünschte, ich hätte einen Bruder wie dich!
A (lacht) Ich und dein Feind! Das sollten meine Eltern mal hören! Die machen übrigens auch schon Witze darüber, dass ich mit einem jüdischen Jungen befreundet bin. – Aber sag mal: warum hast du eigentlich keine Geschwister?
B Meine Mutter ist tot. Ich bin ihr einziges Kind. Damals, nach dem langen Marsch von Jerusalem hierher ist sie krank geworden und hat sich nie mehr erholt.
A Ach, das wusste ich nicht. Das tut mir leid! Kannst du dich denn an damals, an den – äh, Krieg noch erinnern?
B Eigentlich nicht. Ich war ja erst zwei Jahre alt. Aber in meiner Familie reden sie oft davon, wie sie damals fast verhungert wären ... Und dass ihr Haus verbrannt ist. Und wie sie bei mörderischer Hitze zu Fuß nach Babylon getrieben wurden.
A Schlimm. (nach einer Pause) Aber du musst zugeben, dass ihr es jetzt gut habt bei uns! Wir lassen euch nicht merken, dass ihr Kriegsgefangene seid. Euch geht es besser als vielen armen Babyloniern, die viel schlechtere Woh­nungen haben ...
B Ja, schon. Aber wenn du wüsstest, wie traurig mein Vater noch immer ist! Er lacht fast nie! Er hat solches Heimweh! Dann spricht er von Jerusalem und vom Tempel Gottes und denkt an meine Mutter ... Niemals wird er wieder heiraten, sagt er. Wenn mein Onkel und meine Tante kommen, singen sie zu­sammen alte Lieder aus der Heimat, und dabei müssen sie oft weinen ... (hef­tig) Es ist doch auch ungerecht! Warum dürfen wir nicht wohnen, wo wir wol­len? Warum haben wir den Krieg verloren? Mein Vater sagt, es sei nicht in Ordnung, dass wir euren König und eure Götter verehren müssen!
A (beruhigend) Ach, Benjamin, ihr macht euch das Leben schwer mit eurem ständigen Grübeln und Fragen! Kriege hat es doch schon immer gegeben, und es wird sie immer wieder geben. Und im Leben gewinnt nun mal der Stärkere, damit müsst ihr euch ab­finden. Und wir sind eben die Stärkeren! Schau mal, ich könnte mich auch darüber aufregen, dass mein Vater bloß Kaufmann ist und kein hoher Beamter oder sogar Kö­nig! Aber was würde das nützen? Das ist eben Schicksal, ob man als Sklave oder als Herrscher geboren wird.
B Was du wieder redest – Klugscheißer! Tu doch nicht immer so, so superschlau! Du bist doch auch nicht älter als ich!
A Ich weiß das alles von unseren Priestern. Die erzählen das jedes Jahr beim Neujahrs­fest.
B Ist das im Frühling, wenn wir immer zwei Wochen Ferien haben? Ich habe noch nie verstanden, was ihr da eigentlich feiert.
A Das ist das schönste Fest, das ich kenne! Wir feiern den Frühlingsanfang und bitten die Götter, dass die Ernte gut wird. Am besten finde ich das Theater am Schluss: Da spie­len sie ein Stück vom Anfang der Welt und singen ein langes Lied dazu. Warte mal – ich glaube, ich kann den Anfang auswendig: „Enuma Elisch: Als droben der Himmel nicht genannt war, droben die Feste keinen Namen trug, als die Götter nicht existier­ten, Geschicke ihnen nicht bestimmt waren, da wurden die Götter in ihrer Mitte ge­schaffen.“
B Klingt ziemlich altertümlich.
A Ja, das ist ein uralter Text. Aber jetzt geht’s ja erst richtig los: Zuerst gab es nur zwei Urgötter – Apsu, den Himmelsgott, und Tiamat, das Urmeer. Aber dann werden neue Götter geboren, und die stören die alten. Dann fangen sie Krieg an. Der Himmelsgott Apsu stirbt zuerst. Und dann erscheint Marduk, der starke Frühlingsgott! Ich bin nach ihm benannt! Marduk bewaffnet sich mit Blitzen und kämpft gegen Tiamat. Und die holt sich Meerungeheuer und Gift­schlangen und Skorpione und Drachen, die ihr hel­fen müssen! Und dann kämpfen sie – ha! Da applaudiert immer der ganze Saal! Na­türlich gewinnt Marduk. Der nimmt die Leiche von Tiamat, zerstückelt sie und macht daraus den Himmel und die Erde ...
B Ganz schön brutal ...
A Und dann setzt Marduk Sonne, Mond und Sterne als Schicksalsgötter ein. Spä­ter versucht noch ein böser Geist den Aufstand gegen Marduk, aber der wird – zack! – vernichtet! Und jetzt erschaffen die Götter noch die Menschen, weil sie nämlich Skla­ven brauchen. Zuletzt gründet Marduk Babylon, unsere Stadt – sie ist die mächtigste der Welt! Und unser König ist Marduks Ebenbild. Na ja – ir­gendwie kann man das gar nicht so gut erzählen, wie es in Wirklichkeit ist ... Weißt du was, Benjamin? Komm doch einfach das nächste Mal mit zu unserem Fest! Du wirst bestimmt begeistert sein!
B Ach, ich weiß nicht. Was soll ich mit der alten Geschichte?
A Das ist nicht bloß eine alte Geschichte! Den Frühlingsanfang gibt’s jedes Jahr wieder, und deshalb feiern wir jedes Jahr wieder Marduks Sieg! Was am An­fang passiert ist, gilt für alle Zeit, sagen unsere Priester. Die Welt ändert sich ja nicht, alles kommt im­mer wieder – und deshalb muss man es nehmen und genießen, wie es ist. Ihr Juden müsstet das auch endlich mal begreifen.

 

Rollenspiel Teil 2

Binnendifferenzierung II (Kapitel 10)

Übertragung in die eigene Lebenswelt (Kapitel 11)


Umsetzungsbeispiel KompRU mit einem Jugendbuch:
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1   ARBEITSHILFE für den evangelischen Religionsunterricht an Gymnasien, Themenfolge 84: Nicht einerlei Zunge noch Sprache. Alttestamentliche Gattungen im Unterricht der 5. Jahrgangsstufe. Ein didaktisches Modell von Ingrid Grill-Ahollinger, Gymnasialpädagogische Materialstelle der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Erlangen 1988, Lehrerband S. 212 ff., S.219; Arbeitsheft für Schüler (An Freiheit erinnern, in Gerechtigkeit leben, vom Frieden träumen. Israels Erfahrungen mit Gott), S. 59 ff.. Für Unterrichts- und Fortbildungszwecke bearbeitet von Walter Stäbler .