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Brie­fe Ar­beits­blatt 6

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Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

„Dan­tons Tod“: Dia­logana­ly­se 2 – Spra­che als Spie­gel so­zia­ler Ver­hält­nis­se – AB 6

Aus einem Brief Büch­ners an die Fa­mi­lie

Gie­ßen, im Fe­bru­ar 1834.





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[…] Ich ver­ach­te Nie­man­den , am we­nigs­ten wegen sei­nes Ver­stan­des oder sei­ner Bil­dung, weil es in Nie­man­ds Ge­walt liegt, kein Dumm­kopf oder kein Ver­bre­cher zu wer­den, – weil wir durch glei­che Um­stän­de wohl Alle gleich wür­den, und weil die Um­stän­de außer uns lie­gen. Der Ver­stand nun gar ist nur eine sehr ge­rin­ge Seite un­se­res geis­ti­gen We­sens und die Bil­dung nur eine sehr zu­fäl­li­ge Form des­sel­ben. Wer mir eine sol­che Ver­ach­tung vor­wirft, be­haup­tet, daß ich einen Men­schen mit Füßen träte, weil er einen schlech­ten Rock an­hät­te. (...)

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Es ist wahr, ich lache oft, aber ich lache nicht dar­über, wie Je­mand ein Mensch, son­dern nur dar­über, daß er ein Mensch ist, wofür er oh­ne­hin nichts kann, und lache dabei über mich selbst, der ich sein Schick­sal teile. Die Leute nen­nen das Spott, sie er­tra­gen es nicht, daß man sich als Narr pro­du­ziert und sie duzt; sie sind Ver­äch­ter, Spöt­ter und Hoch­mü­ti­ge, weil sie die Narr­heit nur außer sich su­chen. Ich habe frei­lich noch eine Art von Spott, es ist aber nicht der der Ver­ach­tung, son­dern der des Has­ses. Der Haß ist so gut er­laubt als die Liebe, und ich hege ihn im volls­ten Maße gegen die, wel­che ver­ach­ten . Es ist deren eine große Zahl, die im Be­sit­ze einer lä­cher­li­chen Äu­ßer­lich­keit, die man Bil­dung, oder eines toten Krams, den man Ge­lehr­sam­keit heißt, die große Masse ihrer Brü­der ihrem ver­ach­ten­den Ego­is­mus op­fern. Der Aris­to­kra­tis­mus ist die schänd­lichs­te Ver­ach­tung des hei­li­gen Geis­tes im Men­schen; gegen ihn kehre ich seine ei­ge­nen Waf­fen; Hoch­mut gegen Hoch­mut, Spott gegen Spott. – Ihr wür­det euch bes­ser bei mei­nem Stie­fel­put­zer nach mir um­sehn; mein Hoch­mut und Ver­ach­tung Geis­tes­ar­mer und Un­ge­lehr­ter fände dort wohl ihr bes­tes Ob­jekt. Ich bitte, fragt ihn ein­mal … Die Lä­cher­lich­keit des Her­ab­las­sens wer­det Ihr mir doch wohl nicht zu­trau­en. Ich hoffe noch immer, daß ich lei­den­den, ge­drück­ten Ge­stal­ten mehr mit­lei­di­ge Bli­cke zu­ge­wor­fen, als kal­ten, vor­neh­men Her­zen bit­te­re Worte ge­sagt habe. – […]

(C) Text "Brief Büch­ner" mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung der Büch­ner­Büh­ne Ried­stadt
http://​www.​bue​chne​rbue​hne.​de/​Re­sour­ces/​Brie­fe.​pdf


Brief Büch­ners an Karl Gutz­kow (durch des­sen Hilfe „Dan­tons Tod“ ver­öf­fent­licht wurde) – Straß­burg 1836

  Lie­ber Freund!



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... Üb­ri­gens, um auf­rich­tig zu sein, Sie und Ihre Freun­de schei­nen mir nicht ge­ra­de den klügs­ten Weg ge­gan­gen zu sein. Die Ge­sell­schaft mit­telst der Idee, von der ge­bil­de­ten Klas­se aus re­for­mie­ren? Un­mög­lich! Un­se­re Zeit ist rein ma­te­ri­ell, wären Sie je di­rek­ter po­li­tisch zu Werk ge­gan­gen, so wären Sie bald auf den Punkt ge­kom­men, wo die Re­form von selbst auf­ge­hört hätte. Sie wer­den nie über den Riß zwi­schen der ge­bil­de­ten und un­ge­bil­de­ten Ge­sell­schaft hin­aus­kom­men.
Ich habe mich über­zeugt, die ge­bil­de­te und wohl­ha­ben­de Mi­no­ri­tät, so viel Kon­zes­sio­nen sie auch von der Ge­walt für sich be­gehrt, wird nie ihr spit­zes Ver­hält­nis zur gro­ßen Klas­se auf­ge­ben wol­len. Und die große Klas­se selbst? Für die gibt es nur zwei Hebel, ma­te­ri­el­les Elend und re­li­giö­ser Fa­na­tis­mus. Jede Par­tei, wel­che diese Hebel an­zu­set­zen ver­steht, wird sie­gen. Unsre Zeit braucht Eisen und Brot - und dann ein Kreuz oder sonst so was. Ich glau­be, man muß in so­zia­len Din­gen von einem ab­so­lu­ten Rechts­grund­satz aus­ge­hen, die Bil­dung eines neuen geis­ti­gen Le­bens im Volk su­chen und die ab­ge­leb­te mo­der­ne Ge­sell­schaft zum Teu­fel gehen las­sen. Zu was soll ein Ding, wie diese, zwi­schen Him­mel und Erde her­um­lau­fen? Das ganze Leben der­sel­ben be­steht nur in Ver­su­chen, sich die ent­setz­lichs­te Lan­ge­wei­le zu ver­trei­ben. Sie mag aus­ster­ben, das ist das ein­zig Neue, was sie noch er­le­ben kann. [...]

(C) Text "Brief Büch­ner" mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung der Büch­ner­Büh­ne Ried­stadt
http://​www.​bue​chne​rbue​hne.​de/​Re­sour­ces/​Brie­fe.​pdf


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Stel­len Sie einen Zu­sam­men­hang her zwi­schen den Aus­sa­gen in den Brie­fen und Ihren au­gen­blick­li­chen Ar­beits­er­geb­nis­sen. Hal­ten Sie Ihre Über­le­gun­gen in einer (oder meh­re­ren) poin­tiert for­mu­lier­ten The­sen fest.

  Zwi­schen­dia­gno­se

 

Brie­fe Ar­beits­blatt 6: Her­un­ter­la­den [doc] [24KB]