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Vertiefungs- und Erweiterungsmöglichkeiten

I. Weiterer Text zur Rhetorik aus Platon, Phaidros

Platon, Phaidros 272d-273c

 

παντάπασι γάρ , καὶ κατ ἀρχὰς εἴπομεν τοῦδε τοῦ λόγου , ὅτι οὐδὲν ἀληθείας μετέχειν δέοι […], τὸν μέλλοντα ἱκανῶς ῥητορικὸν ἔσεσθαι . τὸ παράπαν γὰρ οὐδὲν ἐν τοῖς δικαστηρίοις τούτων ἀληθείας μέλειν οὐδενί , ἀλλὰ τοῦ πιθανοῦ · τοῦτο δ εἶναι τὸ εἰκός , δεῖν προσέχειν τὸν μέλλοντα τέχνῃ ἐρεῖν . οὐδὲ γὰρ αὐτὰ < τὰ > πραχθέντα δεῖν λέγειν ἐνίοτε , ἐὰν μὴ εἰκότως πεπραγμένα , ἀλλὰ τὰ εἰκότα , ἔν τε κατηγορίᾳ καὶ ἀπολογίᾳ , καὶ πάντως λέγοντα τὸ δὴ εἰκὸς διωκτέον εἶναι , πολλὰ εἰπόντα χαίρειν τῷ ἀληθεῖ · τοῦτο γὰρ διὰ παντὸς τοῦ λόγου γιγνόμενον τὴν ἅπασαν τέχνην πορίζειν . […]

ἐάν τις ἀσθενὴς καὶ ἀνδρικὸς ἰσχυρὸν καὶ δειλὸν συγκόψας , ἱμάτιον τι ἄλλο ἀφελόμενος , εἰς δικαστήριον ἄγηται , δεῖ δὴ τἀληθὲς μηδέτερον λέγειν , ἀλλὰ τὸν μὲν δειλὸν μὴ ὑπὸ μόνου φάναι τοῦ ἀνδρικοῦ συγκεκόφθαι , τὸν δὲ τοῦτο μὲν ἐλέγχειν ὡς μόνω ἤστην , ἐκείνῳ δὲ καταχρήσασθαι τῷ πῶς δ ἂν ἐγὼ τοιόσδε τοιῷδε ἐπεχείρησα ; δ οὐκ ἐρεῖ δὴ τὴν ἑαυτοῦ κάκην , ἀλλά τι ἄλλο ψεύδεσθαι ἐπιχειρῶν τάχ ἂν ἔλεγχόν πῃ παραδοίη τῷ ἀντιδίκῳ . καὶ περὶ τἆλλα δὴ τοιαῦτ ἄττα ἐστὶ τὰ τέχνῃ λεγόμενα . οὐ γάρ , Φαῖδρε ;

Sokrates: Denn allerdings, was wir ja auch beim Beginne dieser Besprechung gesagt haben, – wer ein tüchtiger Redner werden wolle, brauche keineswegs im Besitze der Wahrheit zu sein […]. Denn bei den Gerichten bekümmere man sich durchaus nichts um die Wahrheit hierin, sondern nur um das Überredungskräftige. Dieses aber sei das Wahrscheinliche, worauf also der, welcher kunstmäßig reden wolle, seine Aufmerksamkeit richten müsse. Denn im Gegenteil, manchmal dürfe er das wirklich Geschehene gar nicht in seine Rede aufnehmen, wenn es nämlich nicht zugleich auf wahrscheinliche Weise geschehen sei, sondern nur das Wahrscheinliche, sowohl bei einer Anklage als einer Verteidigung; und so müsse der Sprechende durchaus nur die Spur des Wahrscheinlichen verfolgen, dem Wahren aber viel Glück auf den Weg wünschen. Denn dass jenes sich durch das Ganze der Rede hinziehe, das mache die ganze Kunst aus. […]

Wenn ein Schwacher und zugleich Tapferer einen Starken und zugleich Feigen niedergeschlagen und ihm den Mantel oder sonst etwas genommen hat und nun vor Gericht geführt wird, so darf ja keiner von beiden das Wahre sagen, sondern der Feige darf nicht angeben, dass er von dem Tapferen allein niedergeschlagen worden sei, dieser aber muss zwar entgegen behaupten, dass sie beide allein gewesen, dabei aber das geltend machen: »Wie hätte ich, wie ich bin, mit diesem, wie er ist, mich versuchen können?« Der aber wird gewiss seine Schlechtigkeit nicht eingestehen, sondern indem er irgendetwas anderes zu lügen versucht, dürfte er seinem Gegner wohl alsbald eine Gegenbehauptung an die Hand geben. Und dieser Art ungefähr ist auch das, was in anderen Fällen kunstmäßig gesprochen wird. Nicht so, o Phaidros?

(Übersetzung: L. Georgii)

 

Aufgaben:

  1. Für Platon steht die Rhetorik in besonderer Spannung zur Wahrheit. Nennen Sie aus dem griechischen Text die Argumente, weshalb das so ist!
  2. Ein Gerichtsanwalt ist darauf angewiesen, rhetorisch wirkungsvoll zu sprechen. Was würde ein Anwalt zu dieser Darstellung der Rhetorik sagen?

 


Lernstandsdiagnosen und Binnendifferenzierung in der Kursstufen-Lektüre:
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weiter mit Überleitung zur „Politeia“ und zur Ideenlehre