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Die schwierige Annäherung zwischen Penelope und Odysseus - ein Beispiel für gelingende Kommunikation zwischen Ehepartnern

Sachanalyse

Die Sprache hat in der „Odyssee“ noch eine weitere Funktion, die zum ersten Mal am Phäakenhof und dann vor allem bei der Heimkehr und der Wiedervereinigung mit Penelope unverzichtbar ist. Odysseus erzählt von seinen Abenteuern, und diese Erzählungen haben nicht nur eine inhaltliche Bedeutung, sondern auch eine psychologische. Bei den Phäaken erzählt Odysseus seine Irrfahrtenabenteuer und gewinnt dadurch wieder sein ursprüngliches Selbstvertrauen zurück, indem er in der Erzählung sich seine frühere Erscheinung ins Bewusstsein ruft. Er überwindet dabei den Verlust an nahezu allem, den er bei der Ankunft in Scheria erlitten hatte. Die Erzählung hat jedoch nicht nur eine Bedeutung für den erzählenden Odysseus, sondern auch für den Adressaten; sie kann die Lücke zwischen der früheren Erfahrung und der gegenwärtigen Fremdheit ausgleichen, um das Erlebte zu verarbeiten und die anderen daran teilhaben zu lassen. Diese Funktion ist nach der Wiedererkennung von Penelope und Odysseus wichtig. Odysseus erzählt hier zum zweiten Mal seine Erlebnisse, und durch die Erzählungen macht er seine Erinnerung zu einer mit seiner Frau gemeinsamen. Umgekehrt erzählt auch Penelope, was ihr Leben ausgemacht hat (XXIII 300ff.). Es heißt, dass Odysseus am Ende seiner Erzählung müde wird und der Schlummer ihm die Glieder und den Gram gelöst habe (XXIII 342f.). Erzählungen sind also ein Mittel der Verarbeitung und der Annäherung. Sie lösen das Erlittene auf und schaffen wieder eine Verbindung zum früheren Leben. Möglicherweise erklärt sich hiermit auch die große Rolle, die die Sänger in der „Odyssee“ haben. Sie vergegenwärtigen vergangene Ereignisse, befriedigen damit natürlich ein gewisses Unterhaltungsbedürfnis. Aber es gibt keine Erzählung, die nicht auch eine gewisse Haltung zur Welt, die nicht gewisse Erfahrungen weitergibt. Insofern reflektiert die „Odyssee“ mit diesen Figuren auch die Aufgabe und die Wirkungen von Literatur. Und wenn man sich vergegenwärtigt, wie Odysseus seine Lebensgeschichte in seinen Erzählungen gestaltet, wie er Dichtung und Wahrheit mischt, dann ist Odysseus selbst nahezu ein Produzent von Literatur.

Penelope steht ihrem Mann im Grunde kaum nach. Auch sie täuscht die Freier, auch sie hat sich mit der Grabtuchgeschichte eine Legende geschaffen, die ihre Gestaltungsmöglichkeiten erweitert. Und auch sie prüft ihren Mann mit Worten.

 


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