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Die sophistische Rhetorik und Platons Staatsdenken


In seiner „Politeia“, in der Platon seine Vorstellung von einem idealen Staat beschreibt, findet sich ein Gleichnis, das ein schlechtes Staatswesen mit einem Schiff vergleicht.

Platon, Politeia 488a-488e

 

ἄκουε δ οὖν τῆς εἰκόνος , […]. νόησον γὰρ τοιουτονὶ γενόμενον εἴτε πολλῶν νεῶν πέρι εἴτε μιᾶς · ναύκληρον μεγέθει μὲν καὶ ῥώμῃ ὑπὲρ τοὺς ἐν τῇ νηὶ πάντας , ὑπόκωφον δὲ καὶ ὁρῶντα ὡσαύτως βραχύ τι καὶ γιγνώσκοντα περὶ ναυτικῶν ἕτερα τοιαῦτα , τοὺς δὲ ναύτας στασιάζοντας πρὸς ἀλλήλους περὶ τῆς κυβερνήσεως , ἕκαστον οἰόμενον δεῖν κυβερνᾶν , μήτε μαθόντα πώποτε τὴν τέχνην μέτε ἔχοντα ἀποδεῖξαι διδάσκαλον ἑαυτοῦ μηδὲ χρόνον ἐν ἐμάνθανεν , πρὸς δὲ τούτοις φάσκοντας μηδὲ διδακτὸν εἶναι , ἀλλὰ καὶ τὸν λέγοντα ὡς διδακτὸν ἑτοίμους κατατέμνειν , αὐτοὺς δὲ αὐτῷ ἀεὶ τῷ ναυκλήρῳ περικεχύσθαι δεομένους καὶ πάντα ποιοῦντας ὅπως ἂν σφίσι τὸ πηδάλιον ἐπιτρέψῃ , ἐνίοτε δ ἂν μὴ πείθωσιν ἀλλὰ ἄλλοι μᾶλλον , τοὺς μὲν ἄλλους ἀποκτεινύντας ἐκβάλλοντας ἐκ τῆς νεώς , τὸν δὲ γενναῖον ναύκληρον μανδραγόρᾳ μέθῃ τινι ἄλλῳ συμποδίσαντας τῆς νεὼς ἄρχειν χρωμένους τοῖς ἐνοῦσι , καὶ πίνοντάς τε καὶ εὐωχουμένους πλεῖν ὡς τὸ εἰκὸς τοὺς τοιούτους , πρὸς δὲ τούτοις ἐπαινοῦντας ναυτικὸν μὲν καλοῦντας καὶ κυβερνητικὸν καὶ ἐπιστάμενον τὰ κατὰ ναῦν , ὃς ἂν συλλαμβάνειν δεινὸς ὅπως ἄρξουσιν πείθοντες βιαζόμενοι τὸν ναύκληρον , τὸν δὲ μὴ τοιοῦτον ψέγοντας ὡς ἄχρηστον , τοῦ δὲ ἀληθινοῦ κυβερνήτου πέρι μηδ ἐπαΐοντες , ὅτι ἀνάγκη αὐτῷ τὴν ἐπιμέλειαν ποιεῖσθαι ἐνιαυτοῦ καὶ ὡρῶν καὶ οὐρανοῦ καὶ ἄστρων καὶ πνευμάτων καὶ πάντων τῶν τῇ τέχνῃ προσηκόντων , εἰ μέλλει τῷ ὄντι νεὼς ἀρχικὸς ἔσεσθαι , ὅπως δὲ κυβερνήσει ἐάντε τινες βούλωνται ἐάντε μή , μήτε τέχνην τούτου μήτε μελέτην οἰόμενοι δυνατὸν εἶναι λαβεῖν ἅμα καὶ τὴν κυβερνητικήν . τοιούτων δὴ περὶ τὰς ναῦς γιγνομένων τὸν ὡς ἀληθῶς κυβερνητικὸν οὐχ ἡγῇ ἂν τῷ ὄντι μετεωροσκόπον τε καὶ ἀδολέσχην καὶ ἄχρηστόν σφισι καλεῖσθαι ὑπὸ τῶν ἐν ταῖς οὕτω κατεσκευασμέναις ναυσὶ πλωτήρων ;

Vernimm aber nun jenes Gleichnis, […] Denke dir nämlich einmal, über mehrere Schiffe oder auch nur über eines gebe es einen Schiffsherrn von folgenden Eigenschaften: an Größe und Stärke des Körpers zwar über alle, die sich im Schiffe befinden, erhaben, aber harthörig, ebenso mit kurzem Gesichte und auch mit kurzem Verstande über das Schiffswesen. Denke dir dabei die Schiffsmannschaft im Aufruhr gegen einander wegen Führung des Steuerruders, indem ein jeder davon wähnt, dass er es führen müsse, ohne diese Kunst gelernt zu haben, ohne seinen Lehrmeister angeben zu können noch auch die Zeit, in der er sie gelernt habe. Denke dazu, dass die Mannschaft behaupte, jene Kunst sei gar kein Gegenstand des Lernens, ja sie sei gar bereit, den, der sie als einen Gegenstand des Lernens hinstelle, zusammenzuhauen, dass ferner die Mannschaft die Person des Schiffsherrn beständig mit Bitten und allen möglichen Bewegungsmitteln umlagert, er möge ihnen doch das Ruder überlassen, dass sie, wenn sie ihn weniger mit Worten bewegen als eine andere Partei, die Gegner erstlich entweder ermorden oder aus dem Schiffe hinauswerfen, zweitens dem guten Schiffsherrn durch einen Schlaftrunk oder durch einen Rausch oder durch sonst ein Mittelchen die Hände binden und dann die Herrschaft über das Schiff ergreifen, mit allem darin vorhandenen Vorrate schalten und walten, dabei unter Zechen und Schmausen dahinsegeln, wie es bei solchen Leuten natürlich zu erwarten steht, dass sie überdies den Kerl, der bei ihrer Absicht auf die Herrschaft, sei es durch Überlistung oder Überwältigung des Schiffsherrn, hilfreiche Hand anzulegen versteht, unter großen Lobsprüchen einen Meister im Schiffswesen sowie in der Ruderführung und einen Mann nennen, der die Schiffahrt aus dem Grunde verstehe, dagegen den, der sich dazu nicht versteht, als einen unbrauchbaren Menschen tadeln, dass sie dabei nicht einmal so viel vom echten Steuermann wissen, dass er notwendig auf die Jahres- und Tageszeit, auf Himmel und Gestirne, auf Winde und alles sonst in seine Kunst Einschlagende acht haben muss, wenn er wahrhaft Herr über sein Schiff sein will und dass sie sogar im Wahne stehen, um mit oder ohne Zustimmung einiger Leute das Ruder zu führen, darin könne man unmöglich eine Geschicklichkeit und eine Übung gewinnen zugleich mit der Aneignung der Steuermanns-Wissenschaft. Wenn nun dergleichen in den Schiffen vorgeht, wird da nicht der wahrhaft für das Ruder Geeignete bei den Seglern in den also bestellten Schiffen ein luftiger Spekulant, ein spitzfindiger Grübler, ein für sie unbrauchbarer Mensch heißen? (Übersetzung: Wilhelm Wiegand)

 

Aufgaben:

1. Arbeiten Sie mit griechischen Belegen heraus, wie der Schiffsherr und seine Mannschaft charakterisiert werden!

  • Wem entspricht der Schiffsherr und wem die Mannschaft auf der Bedeutungs ebene dieses Gleichnisses?          

2. Arbeiten Sie mit griechischen Belegen das Wortfeld Wissen-Nichtwissen aus dem Text heraus!

2.1 Mit welchen Mitteln versuchen die Seeleute ihr Nichtwissen auszugleichen?

2.2 Nennen Sie die entsprechenden griechischen Belege und erläutern Sie diese kurz!

3. Welche Staatsform greift diese Textstelle besonders an und was wird ihr konkret vorgeworfen?

4. Welche philosophischen und politischen Schlussfolgerungen könnte Sokrates bzw. Platon aus diesem Gleichnis gezogen haben?

5. Der Philosoph Karl R. Popper hat in seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ Platons Staatsentwurf heftig kritisiert und Platon als einen Vertreter von „geschlossenen Gesellschaften“ dargestellt. Der Philosoph, den Platon in seiner „Politeia“ vorstellt, sei nicht mehr der Wahrheitssuchende wie Sokrates, sondern er sei der nahezu allwissende und dadurch allmächtige Besitzer der Wahrheit. Dadurch sei er hoch über die normalen Menschen gestellt und deren Kritik kaum mehr zugänglich.

Quelle: Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. 1. Der Zauber Platons, Tübingen 1992, S. 158 (original: The Open Society and Its Enemies, Volume I: The Spell of Plato, London 1945.

Überlegen Sie, was dies für die Rhetorik bedeutet und wie sich die Rhetorik verteidigen lässt!

 


Lernstandsdiagnosen und Binnendifferenzierung in der Kursstufen-Lektüre:
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weiter mit Die Vergleiche des Philosophen mit Ärzten, Kapitänen und Turnlehrern in der „Politeia“