Zur Hauptnavigation springen [Alt]+[0] Zum Seiteninhalt springen [Alt]+[1]

Das Beispiel „Rhetorik und Rhetorikkritik“

7.2

Vorbemerkung

Im folgenden werden vornehmlich aus Platon einige Stellen vorgestellt, die sich mit Rhetorik und mit Kommunikation beschäftigen. Teilweise können diese Texte während oder im Anschluss an die Einheit zu Platons "Gorgias" (s. Nr. 5) eingesetzt werden.

Die beiden ersten Themen zielen auf einen Vergleich der Sophisten und ihres Kommunikationsmodells mit aktuellen Entwicklungen des Internets. Das Internet-Lexikon Wikipedia ist ähnlich wie die sophistische Kommunikation organisiert: im Prinzip kann sich jeder an der Gestaltung der Artikel beteiligen. Es gibt nicht – wie  bei Platon – den einen Wissenden, den Experten, der über richtig oder falsch wachen und aufgrund seiner höheren Einsicht über die Gestaltung des Artikels entscheiden würde, sondern ein Prozess von Rede und Gegenrede, von Vorschlag und Verbesserung, führt allmählich zu einem allgemein akzeptierten Ergebnis. Dagegen würden die herkömmlichen, in Verlagen publizierten und von namentlich greifbaren Autoren erstellten Lexika eher dem platonischen Vorgehen entsprechen. Jemand, der ein höheres Wissen hat, erstellt einen Text und ein Verlag garantiert insgesamt die Qualität des Produkts. Möglicherweise befinden wir uns in einer kulturellen Umbruchsphase: wir nähern uns, wie die diversen Diskussionsforen des Internets zeigen, einer Art von Öffentlickeit, die wesentlich mehr Menschen aktiv beteiligt und dadurch mit dem sophistischen Modell verwandt ist.  – Dies zeigt sich auch bei der so genannten "Schwarmintelligenz", die davon ausgeht, dass viele einzelne in der Summe zu besseren Entscheidungen kommen können als ein einzelner Experte. Auch hier wird das große Vertrauen erschüttert, das der platonische Ansatz in den einzelnen Fachmann setzt.  Dieser optimistischen Sicht kann jedoch die Warnung vor dem gefährlichen Verhalten von Massen, die besonders einflussreich LeBon erhoben hat, entgegengestellt werden.

Der Sokrates-Prozess ist nicht zuletzt auch ein Ringen um die richtige Redeweise, um die richtige Rhetorik. Während Sokrates die Rhetorik seiner Ankläger kritisiert, beharrt er auf seiner Art zu reden, die zwar auf ihre Weise ebenso gekonnt und bewusst eingesetzt wird, aber vor allem die Wahrheit in den Mittelpunkt rückt. Deshalb verwahrt sich Sokrates auch am Schluss der "Apologie" gegen die Vorhaltung, er habe sich rhetorisch unangemessen verhalten und nicht genügend auf Mitleid und Affekte gesetzt. Sokrates reflektiert jedoch nicht nur die unmittelbare rhetorische Situation vor Gericht, sondern auch die allgemeine Kommunikationssituation, vor deren Hintergrund sein Prozess stattfindet. Gefährlich für ihn ist nicht nur die offizielle Anklage, sondern auch das Bild, das von Verleumdern in der öffentlichen Meinung von ihm erzeugt wurde, wie er gleich zu Anfang der "Apologie" herausstellt. Während die Situation vor Gericht in gewisser Weise überschaubar und rational greifbar ist, entzieht sich der öffentliche Diskurs über seine Person weitgehend einem direkten Zugriff. Vor Gericht hat er es mit persönlich bekannten Gegnern zu tun, der Prozess erfolgt nach festen Regeln und er kann sich argumentativ mit den Anklagepunkten auseinander setzen. In der Öffentlichkeit ist – mit der Ausnahme des Aristophanes -  der Kreis der Personen, die ihn verleumden, nicht konkret fassbar. Anders als vor Gericht muss das öffentliche Bild des Sokrates nicht mit Argumenten bewiesen werden: Was über Sokrates geredet und geglaubt wird, muss nicht stimmen. Es existiert unabhängig von der realen Figur. – Diese "Apologie"-Stelle zeigt sehr eindrücklich, dass das "Image" einer Person unabhängig von ihr existieren kann. Dies spielt heute in der medialen Vermittlung von Personen eine große Rolle. Es gibt kaum einen in der Öffentlichkeit diskutierten Prozess, in dem nicht umfangreich über Charakter, Vorleben, Gewohnheiten etc. der beteiligten Personen Mutmaßungen angestellt werden. Das Internet treibt dies noch weiter: Hier können sich Ansichten von Personen verbreiten, die mit den realen nur noch lose Bezüge haben und die auch – ähnlich wie bei Sokrates – kaum mehr korrigierbar sind. – Auf das Wesen und die Gefahren derartiger kommunikativer Zusammenhänge können Ss. durch diese "Apologie"-Stelle aufmerksam werden

 


Aktualisierungen im Griechisch-Unterricht: Herunterladen [doc][403 KB]

 

weiter mit Sophistische Rhetorik / Internet-Lexikon „Wikipedia“