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Anforderungssituationen

Grundsätzlich gibt es für die Gestaltung von Anforderungssituationen zwei mögliche Ausgangspunkte:
Sie können aus dem politischen Tagesgeschehen, aus den Medien oder aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler stammen (z.B. Streit um die Mohammedkarikaturen, Tod Bin Ladens, Bau einer Moschee am Schulort) oder aber – ausgehend von einem oder mehreren Standards –
von der Lehrkraft selbst erstellt werden, z.B. in einer fiktiven Situation. Für beide Formen von Anforderungssituationen sollen hier Beispiele genannt werden.

Eine Anforderungssituation aus den Medien

Lernanlass: Ein Mörder, der nach Strafe sucht …

Kurzzusammenfassung:

Adolfo Francisco Scilingo war ein hochrangiger Militär der Escuela de Mecanica, eines berüchtigten Folterzentrums. Während der Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983) war er als Marineoffizier an Folterungen und vor allem auch an den sogenannten „vuelos“ beteiligt, Todesflügen, bei denen bewusstlose Gefangene ins Meer geworfen wurden. Bereits unmittelbar nach dem Ende der Militärdiktatur kämpfe er für die Aufarbeitung der Verbrechen – ohne Erfolg. Anfang der Neunziger Jahre begann Scilingo seine Verbrechen öffentlich zu machen, indem er sich an den Chef einer großen Tageszeitung wandte, der seine Geständnisse 1995 als Buch [198] veröffentlichte. In der Folge wurde er wegen eines angeblichen Scheckverbrechens verhaftet, stellte sich dann nach seiner Entlassung 1997 der spanischen Justiz, von der er 2007 letztinstanzlich zu insgesamt 1084 Jahren Gefängnis wegen schwerer Verbrechen gegen die Menschheit verurteilt wurde.

Daraus abgeleitete Anforderungssituation:

Bei der Recherche für eine Präsentation im Spanischunterricht über die argentinische Diktatur stößt du auf gemeinsam mit einem Freund/ einer Freundin auf diesen alten Spiegelartikel (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8810398.html) über die Lebensgeschichte des Marineoffiziers Adolfo Francisco Scilingo. Dein/e Freund/in kann das Verhalten Scilingos nicht verstehen – eigentlich sollte er doch froh und erleichtert sein, dass er ohne Strafe davonkommt – wer geht schon gerne ins Gefängnis? Wie man sich selbst anzeigen kann, scheint ihm/ihr ein Rätsel zu sein. Ihr diskutiert lange über diesen Mann und du fragst dich, wie man seine wiederholten Versuche der Selbstanzeige, seine Sehnsucht nach einem Prozess erklären kann

Zwei fiktive Anforderungssituationen

Ein ungetaufter Junge in einer katholischen Familie (Kl. 5/6)

Max lebt in Magdeburg und besucht dort die fünfte Klasse. Weder er noch seine Eltern sind getauft, er hat noch nie den Religionsunterricht besucht und hat auch nur wenige Kirchen besichtigt. Niemand in seiner Familie interessiert sich für Religion und Kirche. Dies ist in den neuen Bundesländern
keine Seltenheit, da die Religionsausübung zu DDR-Zeiten von der Regierung behindert wurde.
Anfang September erkrankt die Mutter von Max schwer und muss für mehrere Monate in eine Klinik – voraussichtlich bis zum Ende des Schuljahrs. Da der Vater viel beruflich unterwegs ist und in Magdeburg keine weiteren Verwandten leben, erklärt sich die Cousine der Mutter aus Oberschwaben spontan bereit, Max für das ganze Schuljahr – und wenn nötig auch länger - in ihre Familie aufzunehmen, zumal ihr Sohn Leon genau gleich alt ist und die beiden Jungen sich auf Familienfesten immer sehr gut verstanden haben.
Max kommt also in die oberschwäbische Kleinstadt Hohenstetten [199] und nimmt dort am Leben von Leons Familie teil. Mit Leon versteht er sich super, in der Schule läuft es auch gut. Aber: Die Familie ist sehr religiös, sehr aktiv in der Kirchengemeinde. Leon ist Ministrant, man besucht regelmäßig den Sonntagsgottesdienst, betet am Tisch und abends, feiert die Feste des Kirchenjahres, gestaltet Advent und Fastenzeit bewusst. Leon hat natürlich eine Kinderbibel, und ein Gebetbuch, in seinem Zimmer hängt das Bild seines Namenspatrons und das Kreuz, das er zur Kommunion bekommen hat. Max ist zunächst ein wenig überrascht, aber er interessiert sich für die Religion seines Großcousins und seiner Familie und möchte so in dem Jahr Grundlagen der christlichen Religion kennen lernen.

Du übernimmst die Rolle von Leon und erläuterst Max im Laufe des Schuljahres, das er bei dir verbringt, die Bedeutung von christlichen Festen, von Gottesdiensten – und vermittelst ihm Grundkenntnisse über den christlichen Glauben. [200]

Ein junger Hindu in Deutschland (Kl. 5/6)

„Der 12 jährige Chenna stammt aus Indien und ist seit einem Jahr in Deutschland. Er kam mit seiner Mutter und seinem Vater, einem Informatiker, hierher und geht ins Gymnasium. Er spricht perfekt Englisch und hat in kürzester Zeit Deutsch gelernt. Alle bewundern ihn deshalb. Chenna ist Hindu. Eines Tages geht er auf einen seiner Mitschüler/innen zu und sagt:
„Eines verstehe ich nicht so ganz. Wenn im Kalender Weihnachten steht, kauft ihr grüne Bäume, stellt sie in eure Wohnung, stellt kleine Figuren darunter und macht euch Geschenke und am Karfreitag schließen die Geschäfte, Fußballvereine dürfen nicht spielen und die Kinos haben geschlossen. An Ostern suchen Kinder im Garten lustig bemalte Eier und an Pfingsten habe ich vor einigen Häusern, zu denen ihr Kirche sagt, grüne Birken gesehen.
Was macht ihr da eigentlich?
Was steckt da dahinter?“

Wie könnte eure Antwort lauten?“ [201]

Eine projektorientierte Anforderungssituation

Wir erstellen einen Kirchenführer der Kirchen vor Ort für Kinder (5/6)

Die katholische und die evangelische Kirche am Schulort wollen einen Kirchenführer für Kinder herausgeben, der nicht nur die Bauten sondern auch die Glaubenspraxis der jeweiligen Konfession mit Bildern erläutert.

Erstellt in kleinen Gruppen diese Kirchenführer, in denen ihr die Kirchen und die Gottesdienste kindgerecht erklärt. [202]

Kriterien zur Beurteilung der Qualität von Anforderungssituationen

  • Authentizität:
    • Handelt es sich um eine authentische bzw. Anforderungssituation?
    • (falls die Anforderungssituation von der Lehrkraft erstellt wird): Ist die Anforderungssituation realistsch? Könnte sie so (oder ähnlich) passieren? Oder spürt man, dass es sich um eine „didaktisierte“ Situation handelt?
  • Nähe zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler:
    • Entstammt die Situation der Lebenwelt der Schülerinnen und Schüler bzw. ist sie für sie nachvollziehbar?
    • Entspricht sie regionalen Gegebenheiten?
  • Exemplarischer Charakter:
    • Sind die aus der Anforderungssituation sich ergebenden Fragestellungen exemplarisch?
    • Lassen sich an dieser Anforderungssituation Kompetenzen erwerben bzw. schulen, die auch für andere (reale) Anforderungssituationen benötigt werden?
  • Relevanz:
    • Ist die Anforderungssituation und die sich daraus ergebende Fragestellung für die Schülerinnen und Schüler relevant und motivierend?
  • Vielschichtigkeit:
    • Bietet die Anforderungssituation vielfältige Lernmöglichkeiten?
    • Bieten sich vielfältige Lerngegenstände und Lernwege an?
  • Förderung des eigenverantwortlichen Lernens:
    • Ergeben sich aus der Anforderungssituation Lernwege, die die Schülerinnen und Schüler selbständig und eigenverantwortlich gehen können?
  • Förderung unterschiedlicher Kompetenzbereiche:
    • Lassen sich in der Auseinandersetzung mit der Anforderungssituation unterschiedliche Kompetenzbereiche fördern?


[198] Horacio Verbitsky: El vuelo (Span) bzw. Confessions of an Argentine Dirty Warrior: A Firsthand Account of Atrocity (engl., leider nur auf Englisch oder Spanisch erhältlich.)
[199] Hohenstetten = fiktive schwäbische Kleinstadt, irgendwo in Oberschwaben …
[200] Quelle: Angelika Scholz
[201] Quelle: Vortrag Rupp, 18.2.2011, S. 4
[202] Quelle: Angelika Scholz

 

Was ist kompetenzorientierter Religionsunterricht?: Herunterladen [pdf] [650 KB]