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Aufbaumodelle und Grundwissen

Eine ganz normale 10. Klasse: In einer Unterrichtssequenz zum Thema Werte und Normen kommt man auf die Bergpredigt zu sprechen. Die Lehrkraft fragt, wer denn die Bergpredigt kenne … Schweigen. Ein Schüler erinnert sich an Mose: „Da war doch was auf dem Berg…“

Im konkreten Unterrichtsgeschehen machen Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler immer wieder die Erfahrung, dass fachliche und methodische Kompetenzen, die in den vergangenen Schuljahren erworben wurden, kaum oder nicht mehr verfügbar sind. Die Erhebung der Lernausgangslage zu Beginn einer Unterrichtssequenz zeigt häufig deutlich, dass ein nachhaltiger Wissenserwerb in der Schullaufbahn nur in Einzelfällen stattfindet und dass Grundkenntnisse und Grundfertigkeiten (wie z.B. das Aufschlagen einer Bibelstelle) nicht sicher beherrscht werden.

Doch worin liegen hier die Gründe?
Das Fach Religion hat – wie viele andere Fächer auch – in seiner Geschichte und in der didaktischen Reflexion kaum eine Wiederholungskultur entwickelt, so dass Kenntnisse und Fertigkeiten aus den vorhergehenden Jahren kaum noch vorhanden sind. Ferner gibt es häufig Differenzen zwischen den Lehrerinnen und Lehrern einer Schule über verbindliche Inhalte und methodische Kompetenzen. In der Planung eines Schuljahres oder eines Standardzeitraums wird der Religionsunterricht häufig als eine Art „Bachbettpädagogik“ konzipiert [135] , unterschiedlichste Unterrichtssequenzen folgen nahezu unverbunden aufeinander – man beginnt das Schuljahr mit dem Buddhismus, dann folgt eine Unterrichtssequenz zu Werten und Normen, und schließlich wird die Kirche in der NS-Zeit behandelt. Die Vorkenntnisse der Schülerinnen und Schüler aus früheren Jahren und aus ihrer Sozialisation werden bei dieser Form der Unterrichtsplanung kaum in den Blick genommen [136] , eine Verknüpfung der Unterrichtssequenzen und eine Wiederholung und Festigung der erworbenen Fachkompetenz finden nicht statt.
Dies hat mehrere Konsequenzen: Zum einen verfügen die Schülerinnen und Schüler durch die mangelnde Wiederholungskultur kaum über Grundwissen zu grundlegenden Fragen des Religionsunterrichts, z.B. zu ihrer eigenen Religion oder zu den Weltreligionen. Auch elementare Bibelstellen sind in der Regel kaum bekannt, häufig eher aus dem Erstkommunionunterricht oder der Kinderbibel als aus dem Religionsunterricht.
Darüber hinaus gibt es durch den mangelnden Konsens zwischen den Religionslehrerinnen und Religionslehrern an einer Schule häufig kaum verbindliches Wissen, das in allen Lerngruppen gleichermaßen vermittelt wird.
Schließlich geschieht durch die isolierte Behandlung einzelner Themen kaum ein aufbauendes Lernen und damit kein systematischer Kompetenzaufbau. Grundlegende Fertigkeiten (z.B. der Umgang mit biblischer Symbolsprache) werden häufig nicht altersgemäß vertieft und weiterentwickelt. Oft bleibt Wissen in den einzelnen Themenbereichen isoliert, wird nicht vernetzt und dem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechend vertieft, erweitert und kritisch reflektiert.
In der Diskussion um den kompetenzorientierten Religionsunterricht wird zuweilen gerne ein Gegensatz zwischen Wissen und Kompetenzorientierung konstruiert: Kompetenzen scheinen wichtiger als Wissen, die konkreten Unterrichtsgegenstände erschließen sich nur von den zu erwerbenden Kompetenzen. Dies ist jedoch nur scheinbar ein Gegensatz: Wissen ohne Kompetenz ist träges Wissen und damit nutzlos, Kompetenzen ohne Wissen sind inhaltsleer und damit ebenfalls nutzlos. Somit bedingen sich Wissen und Kompetenzen gegenseitig, Wissen macht die Anwendung von Kompetenzen erst möglich und Kompetenzen ermöglichen erst den intelligenten Umgang mit dem erworbenen Wissen, machen es für die Schülerinnen und Schüler lebensrelevant [137] .
Daher ist ein Konsens über zu vermittelndes Grundwissen für einen kompetenzorientierten Religionsunterricht unerlässlich, denn nur mithilfe eines solchen Wissens ist es möglich, überhaupt in Fragen der Religion zu kommunizieren, sich auszudrücken und urteilen zu können [138] . Für einen kompetenzorientierten Religionsunterricht wäre also zu beachten, dass zum einen dieser Konsens über grundlegendes Wissen erstellt und nachhaltig unterrichtet wird (Wiederholungskultur), zum anderen zentrale Kompetenzen über die gesamte Schullaufbahn altersgemäß aufgebaut und erweitert werden. Damit muss der Religionsunterricht nicht nur in grundlegenden Fertigkeiten (wie z.B. dem Aufschlagen von Bibelstellen), sondern auch im Bereich des Fachwissens (z.B. Grundlagen der Botschaft Jesu), der sozialen Kompetenz (z.B. Arbeit im Team) und der Methodik (sachgemäßes theologisches Argumentieren) eine gewisse Routine vermitteln. [139]
Letztlich stellt sich hiermit die Frage, was im Religionsunterricht auf jeden Fall gelernt werden muss, welches Wissen unverzichtbar ist, damit sich eine religiöse Kompetenz überhaupt entwickeln kann. [140]
Doch welche Inhalte sind dies? Rupp plädiert für einen Konsens darüber, „was alle Schülerinnen und Schüler am Ende der Sekundarstufe I auf jeden Fall draufhaben sollen“. [141] Diese „Basics“ sind für ihn Kenntnisse und Einstellungen, die ein grundlegendes Verständnis des Christentums und anderer Religion ermöglichen, für die eigene Wahrnehmung von Selbst, Welt, Leben und bei der Bewältigung des Alltags sinnvoll und nützlich sind und die vor allem im Religionsunterricht auch erworben werden können. [142] Aus diesen Forderungen entwickelt er im Bereich der Kenntnisse 12 biblische Basisthemen [143] , anhand derer die Schülerinnen und Schüler Grundlagen des christlichen Glaubens kennenlernen, die für die eigenen elementaren Lebensfragen ebenso von Bedeutung sind wie für das Verständnis der christlichen Kultur und den Dialog zwischen den Weltreligionen. Ebenso sollten die Schülerinnen und Schüler Basics aus dem Bereich des konfessionell geprägten Glaubens kennen wie z.B. das Kirchenjahr, einzelne Gebete und Lieder sowie ein Verständnis von Kirchenräumen [144] und hierdurch die Fähigkeit zur Partizipation an religiösen Handlungen erwerben. Grundlegende, basale Fähigkeiten sind für ihn beispielsweise die Kompetenz, biblische Texte in Grundzügen auslegen zu können.

Für die konzeptionelle Arbeit in der Lehrerfortbildung und in Fachkonferenzen wird es darum gehen, in den Bildungsstandards 2004 „Aufbaumodelle“ zu entdecken, die deutlich machen, wie innerhalb einer Dimension ein systematischer Kompetenzaufbau intendiert wird, im Rahmen dessen auch eine Wiederholungs- und Vertiefungskultur ihren Platz haben kann. Dies wird jedoch dadurch erschwert, dass der Bildungsplan teilweise – wie oben dargestellt - recht stark von den Themenfeldern ausgeht, d.h. ein aufbauendes Lernen in dieser Form nicht die ursprüngliche Intention war.

In der Unterrichtsgestaltung ist darauf zu achten, dass innerhalb eines Schuljahres, eines Standardzeitraums und auch über die ganze Schullaufbahn hinweg aufbauendes und vernetztes Lernen stattfindet. Die Schülerinnen und Schüler sollen – ähnlich wie in einer Fremdsprache – lernen, die „Sprache der jüdisch-christlichen Religion“ mit ihren Denk- und Deutungsmodellen immer besser zu verstehen und selbst anzuwenden. [145] Dies könnte zum einen durch systematische Wiederholung und Festigung von grundlegenden Kompetenzen, durch zentrale Jahrgangsthemen im Schulcurriculum (ähnlich wie im Bildungsplan 1994), durch Leitmotive innerhalb eines Jahrgangs, durch Transfer von zu früheren Momenten im Schuljahr Gelerntem in der neuen Situation, durch zentrale Medien, die immer wieder aufgegriffen werden oder auch durch einen Advance Organizer für das gesamte Schuljahr geschehen. [146],[147],[148]


[135] Vgl. Rupp, Vortrag in Stuttgart, 17.9.2010. S. 17.
[136] Vgl. Fischer, M. , Die Lernausgangslage im kompetenzorientierten Religionsunterricht, S. 1.
[137] Vgl. Michalke-Leicht; Sajak: Bitte nüchtern bleiben, S. 589.
[138] Vgl. Grill-Ahollinger, Konzentration und langer Atem: „Grundwissen“ aufbauen, in: „Fast wie im richtigen Leben…“, S. 8.
[139] Vgl. Georg Gnandt: Impulse zu einem (auch) kompetenzorientierten Religionsunterricht, S. 4. Download unter:
http://www.erzbistum-koeln.de/export/sites/erzbistum/schule-hochschule/religionspaedagogik/steinfeld/vortraege/2010/gnandt/GNANDT_Kompetenzorientierter_RU.pdf
[140] Vgl. Michalke-Leicht; Sajak: Bitte nüchtern bleiben, S. 590.
[141] Rupp, Vortrag in Mühlacker, 25.3.2010, S. 2.
[142] Vgl. Rupp, Vortrag in Mühlacker, 25.3.2010, S. 2.
[143] Rupp nennt hier folgende Themen: Schöpfung, Abraham, Mose und die Zehn Gebote, Propheten: Amos, Psalm 23, Weihnachten, Wunder: Bartimäus, Barmherziger Samariter, Gleichnisse vom Verlorenen, Bergpredigt mit Vater Unser, Passion und Auferstehung, Pfingsten (Vgl. Rupp, Vortrag in Mühlacker, 25.3.2010, S. 4)
[144] Vgl. Rupp, Vortrag in Mühlacker, 25.3.2010, S. 7.
[145] Vgl. Grill-Ahollinger: Konzentration und langer Atem: „Grundwissen“ aufbauen, in: „Fast wie im richtigen Leben…“, S. 10.
[146] Vgl. Rupp, Vortrag in Karlsruhe, 18.2.2011, S. 12.
[147] Vgl. hierzu Anregungen bei Gnandt, Standards in der Praxis, S. 229. Er nennt unter anderem folgende Möglichkeiten:
Wiederholter Einsatz von bestimmten Medien wie Bildern, Texten, Gedichten, Gebeten; Psalmversen, die wiederholt eingesetzt werden, ein Hauptmedium für einen ganzen Standardzeitraun, wiederkehrende Leitmotive (z.B. „Blind sein – sehen lernen“ in Kl. 5/6)
[148] Vgl. Grill-Ahollinger: Konzentration und langer Atem: „Grundwissen“ aufbauen, in: „Fast wie im richtigen Leben…“, S. 11.

 

Was ist kompetenzorientierter Religionsunterricht?: Herunterladen [pdf] [650 KB]