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Ablaufschema einer Dilemma-Diskussion

Arbeit mit Dilemma-Diskussionen nach der
Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion (KMDD)®

Moralisches Lernen lässt sich am besten dadurch bewirken, dass a) eine überprüfte und bewährte Methode eingesetzt wird und b) die Lehrperson genau versteht, was diese bei den Teilnehmern bewirkt. Denn jede wirksame Unterrichtsmethode kann auch unerwünschte Effekte haben, wenn sie nicht von einer darin ausgebildeten Expertenperson eingesetzt wird. Nur unwirksame Methoden sind gefahrlos. Damit sie wirksam ist, muss eine Dilemma-Diskussion im geringen Maß moralische Emotionen auslösen. Wenn aber bei den Teilnehmern zu starke Emotionen ausgelöst werden, besteht die Gefahr, dass der Lerneffekt ausbleibt und die Methode in Einzelfällen zu unerwünschten Effekten führt. Nicht ausgebildete Lehrpersonen können mit Dilemma-Diskussionen ihre Teilnehmer meist gut unterhalten. Sie laufen aber Gefahr, zu starke Emotionen auszulösen, und merken vielleicht nicht einmal, wenn Teilnehmer darunter leiden.

Ausbildung als KMDD-Lehrer/in

Zertifizierte KMDD-Lehrpersonen lernen in ihrer Ausbildung, wie man moralische Emotionen in der Teilnehmergruppe dosiert auslöst, so dass Interesse an Nachdenken und Diskussion über die präsentiert Dilemmageschichte entsteht und das Lernklima immer im optimalen Bereich ist, aber kein Teilnehmer emotional überfordert wird. Als wichtigstes Mittel dafür steht der Lehrperson der genau dosierte Wechsel zwischen Phasen der Unterstützung und Herausforderung zur Verfügung.
Wer das KMDD-Lehrer Zertifikat erworben hat, darf dieses sechs Jahre lang offiziell benutzen. Das Zertifikat ist als Marke geschätzt.
Der folgende, vollständige Ablauf der KMDD zeigt alle zwölf Phasen der KMDD-Sitzung, die insgesamt mindestens 90 Minuten beansprucht. Die genauen Zeitvorgaben und Variationsmöglichkeiten werden in der Ausbildung als KMDD-Lehrer vermittelt. Der KMDD-Ablaufplan wird ständig neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst. Eine ausführliche Einführung in die KMDD findet sich in G. Lind: „Moral ist lehrbar&lduo;(Oldenbourg-Verlag, 2009, 2. Auflage) und im Internet: http://www.uni-konstanz.de/ag-moral/ , wo auch Informationen über Neuerungen und über die Ausbildung als KMDD-Lehrer/in mit Zertifizierung zu finden sind.

  1. Vorbereitung
    Die Lehrperson entwickelt eine „edukative&lduo;Dilemmageschichte, die eine engagierte Diskussion zwischen zwei gegensätzlichen Lagern möglich macht, anregt und in den Stoff der nächsten Lernperiode der Klasse eingebunden ist. [Die Entwicklung edukativer Dilemmageschichten wird in der Ausbildung ausführlich behandelt.] Auswahl und Herstellung solcher Geschichten sollte auf den aktuellen Lehrstoff und die Lernbiographie der Teilnehmer abgestimmt sein. Vorgefertigte Dilemmas sind dafür nur bedingt geeignet. Die Herstellung von edukativen Dilemmageschichten wird in der Ausbildung zum „KMDD-Lehrer“ intensiv geübt.
    Vor der Stunde setzt die Lehrperson sich nochmals intensiv mit dieser Geschichte auseinander, damit sie diese frei vortragen kann, und bereitet den Ablauf der Stunde vor.
  2. Unterrichtsbeginn
    Ziel: Die Teilnehmer werden auf den anstehenden Lernprozess vorbereitet, indem ihre volle Aufmerksamkeit auf die Dilemma-Diskussion gezogen wird.
    Die Lehrperson wartet, bis alle ruhig und aufmerksam sind. Dann führt sie den Vortrag mit einer Einleitung an, die direkt auf das Dilemma hinführt. Zum Beispiel: Ich möchte euch eine Geschichte erzählen, in der eine schwierige Entscheidung getroffen werden musste. XY hat … [wie diese Einleitung abgeändert werden kann, wird in der Ausbildung zum KMDD-Lehrer behandelt.]
  3. Präsentation
    Ziele: Die Teilnehmer sollen sich in die Hauptfigur der Dilemma-Geschichte hineinversetzen und die Schwierigkeit ihrer Situation nachfühlen können.
    Die Präsentation kann rein sachlich oder szenisch dramatisierend erfolgen. Sie muss aber immer klar und für alle Teilnehmer gut verständlich sein.
  4. Stilles Nachdenken
    Ziel: Die Teilnehmer erhalten Gelegenheit, sich ihrer Gefühle zu dieser Geschichte bewusst zu werden, einen eigenen Standpunkt zu gewinnen und sich darauf vorzubereiten, ihn auch gegenüber anderen zu vertreten.
    Die Lehrperson teilt den Teilnehmern den Text der Dilemma-Geschichte aus. Sie fordert die Teilnehmer auf, die Geschichte in Ruhe zu lesen und Notizen zu machen. Sie weist darauf hin, dass kein Nachbar gestört werden darf.
  5. Dilemma-Klärung
    Ziel: Die Teilnehmer erhalten Gelegenheit, ihre Wahrnehmung der Geschichte darzulegen, zu erfahren, dass die Wahrnehmung anderer (sehr) verschieden sein kann und dass sich die eigene Wahrnehmung und die Wahrnehmung der anderen durch den Austausch verändern können.
    Die Lehrperson fragt, für wen die Geschichte kein Dilemma darstellt und einfach zu entscheiden ist und wer ein Dilemma wahrnimmt. Sie stellt zusätzlich folgende Fragen:
    • Für wen ist es kein Dilemma? (die Schüler zum Widerspruch ermutigen!)
    • Für wen ist es ein Dilemma (eine schwierige Entscheidung)?
    • Wenn ja, worin liegt das Problem? Was ging der Hauptfigur wohl durch den Kopf?
    • Wer hatte so ein (komisches, beklemmendes) Gefühl gehabt, als er/sie die Geschichte von der Hauptfigur hörte?
  6. Erste Abstimmung
    Ziel: Die Teilnehmer lernen, sich öffentlich mit einer Meinung in einer Kontroverse zu exponieren, den Unterschied zwischen Entscheidung unter Druck und druckfreier Meinungsbildung zu verstehen, die Vielfalt von Meinungen zu einem moralischen Problem anzuerkennen.
    Die Lehrperson fährt die Abstimmung pro oder contra durch. Wer mit der Entscheidung der Hauptfigur einverstanden ist, stimmt pro, die andern stimmen contra. Jeder Teilnehmer entscheidet für oder gegen die Entscheidung der Person in der Geschichte. Pro- und Contra-Gruppen sitzen einander gegenüber.
  7. Vorbereitung der Diskussion in kleinen Gruppen
    Ziel: Die Teilnehmer lernen, andere Teilnehmer (auch Nicht-Freunde) als Quelle der Unterstützung zu sehen, Begründungen für die getroffene Entscheidung zusammen mit anderen zu formulieren, entdecken, dass Argumente eine unterschiedliche (moralische) Qualität haben können.
    In den beiden Meinungslagern werden Gruppen von 3 bis 4 Teilnehmer (nicht mehr und nicht weniger) gebildet. In diesen Gruppen tauschen sie ihre Argumente für ihren Entscheid aus und suchen zusätzliche Argumente.
  8. Diskussion im Plenum
    Ziel: Die Teilnehmer lernen, eigene Argumente vorzutragen und anderen zuzuhören, zwischen Qualität von Argumenten (über die man heftig streiten kann) und der Qualität von Menschen (die man immer respektieren sollte) zu unterscheiden.
    Die Klasse trifft sich wieder im Plenum. Die Lehrperson erklärt die zwei Diskussionsregeln:
    • Erstens, jedes Argument ist zulässig, alles darf gesagt werden; aber kein Kind darf angegriffen oder bewertet werden auch nicht positiv.
    • Zweitens, die Teilnehmer rufen sich gegenseitig auf. Dabei gilt die Pingpong-Regel: Wenn ein Kind gesprochen hat, bestimmt es, welcher Teilnehmer aus dem anderen Meinungslager antwortet darf.
    • Die Lehrperson achtet auf das Einhalten der beiden Regeln, mischt sich aber nicht in die inhaltliche Diskussion ein.
  9. Nominierung der besten Gegenargumente
    Ziel: Die Teilnehmer entdecken, dass Argumente unterschiedliche moralische Qualität haben können, dass auch Gegner und Gegnerinnen gute Argumente haben können. Sie lernen gute Argumente auch dann zu schätzen, wenn sie von der Gegenseite kommen. Die Teilnehmer können sich miteinander beraten. Dann darf jeder Teilnehmer das beste Argument der Gegenseite nominieren. Wer abweichender Meinung ist, darf seinen eigenen Vorschlag machen.
  10. Zweite Abstimmung
    Ziele: Die Teilnehmer lernen, sich öffentlich zu einer bestimmen Meinung zu bekennen.
  11. Reflexion (Unterstützung)
    Ziele: Die Teilnehmer lernen, sich über den eigenen Lernprozess bewusst zu werden und die erlebte Form der Diskussion kontroverser Themen zu schätzen.
    Die Lehrperson fragt die Teilnehmer:
    • Hat die Stunde Spaß gemacht?
    • Habt Ihr / haben Sie auch etwas gelernt? Hat sich die Stunde gelohnt?
  12. Abschluss
    Die Lehrperson bedankt sich für die gute Stunde.


(c) Georg Lind, 2011, modifiziert nach Lind (2009): Moral ist lehrbar. München: Oldenbourg. Dieser Text darf in keinem Medium vervielfältig werden.
Die Kommunikationsmarke „ Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion (KMDD)®“ ist Eigentum von Prof. Dr. Georg Lind.

Ablaufschema einer Dilemma-Diskussion: Herunterladen [doc] [33 KB]

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