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Umgang mit Vorurteilen


Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kador, geboren 1978 in Ahlen/Westfahlen, war eine der ersten Lehrerinnen für islamischen Religionsunterricht in Deutschland. Sie berichtet in ihrem Buch „Muslimisch – weiblich –deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam“, wie sie eine Zeit lang – um für eine erkrankte christliche Religionslehrerin auszuhelfen – christliche und muslimische Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse gemeinsam unterrichtet hat. In einer Unterrichtsstunde, bei der auch eine an ihrem Unterricht interessierte Journalistin anwesend war, zeigte sie zum Thema „religiöse Vorurteile“ einen islamkritischen Film, um im Anschluss mit der Klasse darüber zu sprechen. Einige Schüler sahen ihre Vorurteile durch den Film bestätigt. Einer von ihnen sagte zur Lehrerin: „Frau Kaddor, ihr Ausländer nehmt uns Deutschen die Arbeitsplätze weg und bringt andere Menschen um.“

Ich war bereits einiges gewohnt, aber dass mich ein Schüler offen mit blankem Rassismus konfrontierte, war mir neu. Andererseits bewunderte ich den Mut von Andreas. Er gilt eher als ruhiger Typ, der nicht auf Konfrontation aus ist. Schließlich traute er sich das auszusprechen, was zumindest noch zwei weitere Schüler genauso gesehen hatten. Ich saß auf dem Pult vor der Klasse und überlegte eine Weile, bevor ich antwortete. Die Journalistin schrieb fleißig mit. Ein bedrückendes und herausforderndes Schweigen füllte den Raum. Alle schauten mich auf einmal an, weil ich auf den Boden starrte und nichts sagte. Die Klasse befürchtete, dass ich lautstark Andreas aus dem Unterricht verbannen und vielleicht seine Eltern zu einem Gespräch zitieren würde. Nach einer Weile schaute ich auf, lächelte Andreas an und fragte: „Nehme ich Dir Deinen Arbeitsplatz weg?“ Er entgegnete sofort: „Nein, Sie nicht!“ Ich setzte nach: „Verstehe, mein ausländischer Vater nimmt Dir, einem Deutschen, den Arbeitsplatz weg?“ Nein, auch nicht unbedingt mein Vater, „aber die anderen Ausländer eben“. Die aus ländischen Schüler forderten mich erstaunlicherweise nicht auf, ihn rauszuwerfen oder endlich etwas gegen ihn zu unternehmen. Sie beobachteten mich einfach nur und verfolgten die Diskussion – schließlich waren sie es gewohnt, dass in meinem Unterricht alles ausdiskutiert werden muss. Ich fragte Andreas, wer denn seiner Meinung nach Ausländer sei. Seine Mitschülerin Sara, die orthodoxe Christin ist und mit ihrer Familie im Alter von sechs Jahren aus Äthiopien eingewandert war? Oder Murat, der so wie er selbst hier in Dinslaken geboren worden war? Murat, Sara und ich waren auf die Antwort gespannt. Andreas fühlte sich mittlerweile unwohl in seiner Haut und druckste herum. Er wusste nicht recht, was er antworten sollte. Schließlich rang er unsicher nach Luft und antwortete mit einer Frage: „Alle, die nicht hier geboren wurden, oder?“ Bei der Antwort schmunzelte zum ersten Mal auch die Journalistin.
Ich ließ von Andreas ab. Ich bemerkte, dass er vorsichtiger wurde, dass offenbar ein Denkprozess bei ihm eingesetzt hatte, und den wollte ich auf keinen Fall stören. Außerdem durfte ich ihn mit meiner Argumentation nicht überfordern. Also fragte ich die ganze Klasse, ob man nicht deutsch sei, wenn man Deutsch spricht, vielleicht in Deutschland geboren ist und, viel wichtiger, sich zu Deutschland bekennt? Und ob ich in ihren Augen Deut sche sei?
Um die gespannte Stimmung im Klassenraum nicht zu überdehnen, verzichtete ich darauf, die Fragen mündlich zu diskutieren. Alle Schüler sollten sich eine Antwort überlegen und mir in der nächsten Stunde ihre Meinung mitteilen – wenn sie wollten.

(Aus: Lamya Kaddor, Muslimisch - weiblich -deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam, München, © Verlag C.H. Beck, 2010, S. 125-126.)

 

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