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Lamya Kaddor

M5.1 Lamya Kaddor: „An was für einen Gott glauben wir eigentlich?“

Ich war seit einiger Zeit in der Küche beschäftigt und saß in einer wohlriechenden Dunstwolke aus Kreuzkümmel, Zwiebel und Zitrone, die aus der vor sich hinköchelnden Linsensuppe aufstieg. … Ich war siebzehn … In der Werbepause zwischen Maggi mit halal-Zubereitung extra für Muslime und Vollwaschmittel ergriff ich die Chance. … Unsere Mutter war – neben unserem Vater – die einzige Person, an die wir uns als muslimische Kinder in Sachen Religion wenden konnten. „Mama, an was für einen Gott glauben wir eigentlich? Was sind das für angeblich so große Unterschiede, die wir gegenüber Juden und Christen haben?“ Auch diesmal fiel die Antwort klar aus: „Wir glauben nur an einen einzigen Gott und Muhammad ist SEIN Diener und Gesandter.“ Hm. Na, das weiß ich doch, dachte ich. Da ich weiter mit der Petersilie zu kämpfen hatte, die überhaupt nicht weniger werden wollte, riskierte ich einen Einwand: „Aber die Juden und Christen glauben doch auch nur an einen einzigen Gott.“ Sichtlich genervt von meiner Frage und meiner Rückfrage, die sie provozierte, setzte sie sich an den Tisch und musste erst einmal eine Zigarette anzünden. Sie sagte in sicherem Ton: „Ja, schon, aber sie haben Teile ihrer Schrift verfälscht – jedenfalls steht es so im Koran. Außerdem glauben die Christen, dass Jesus der Sohn Gottes ist.“ Ich stand auf und öffnete das Fenster, weil der Zigarettenqualm den leckeren Geruch der Linsensuppe überlagert hatte. Ich schaute aus dem Fenster und forderte sie noch einmal heraus: „Ja, aber ist der Gott deshalb ein anderer? Und selbst wenn ihre Schriften anders sind, wo liegt denn das Problem? Woher wissen wir eigentlich, dass wir und nicht sie recht haben? Nur weil andere anderes glauben, heißt das doch nicht, dass wir was Besseres sind, oder?“ Das war eine Steilvorlage für meine Mutter, die sie gekonnt anzunehmen und zu verwandeln wusste: „Genau so ist es. Jeder darf glauben, was er will. Bevor man mit dem Finger auf Andere zeigt, sollte man sich zuerst an der eigenen Nase packen und fragen, ob man sich selbst an den eigenen Glauben hält – nicht wahr, Lamya?!“ Ich starrte auf die Tomaten vor mir, die auch noch alle geschnippelt werden mussten. Irgendwie fühlte ich Scham in mir aufsteigen und dachte, dass ich jetzt wohl genauso rot wie die Tomaten aussah. Ich stand irgendwie blöd da, denn ich war für meine Familie nicht nur als der ewige Quälgeist enttarnt, sondern es wurde auch auf meine Kosten die Moralkeule geschwungen. Ich sollte also erst mal meinen eigenen Glauben richtig praktizieren, bevor ich ihn infrage stellte und auf die anderen Religionen schaute.

(Aus: Kaddor, Lamya: Muslimisch – weiblich – deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam. München 2010, S. 114-116)

 

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