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Biographischer Text

M6.2: Lamya Kaddor: Ein muslimisches Mädchen wird mit dem Koran vertraut

Mein muslimischer Glaube ist von verschiedenen Faktoren geprägt, die Erziehung durch meine Eltern spielt dabei sicher die wichtigste Rolle. Ich habe als Kind nie einen Koranunterricht besucht, weil es ihn weder in arabischer noch in deutscher Sprache gab. So war allein meine Familie für meine religiöse Bildung verantwortlich. Bereits früh lernten meine Geschwister und ich zu beten und was es bedeutet, zu fasten. Wir feierten in der Familie das Opferfest und das Fest des Fastenbrechens. Es gab dazu viele arabische Traditionen zu lernen und zu mögen. Als Kind und Jugendlicher denkt man noch nicht so viel darüber nach, warum genau was gemacht wird. Man nimmt die Traditionen als gegeben hin, sie sind ein Stück Identität. Von klein auf war ich es gewohnt, meine Eltern im Koran lesen zu sehen. Sie hatten jeweils ihre eigenen Korane. Meiner Mutter gehörte ein zartrosafarbenes kleines, fast auseinanderfallendes Buch, aus dem sie bis heute liest. Mein Vater besaß ein dunkelblaues, sehr viel wuchtigeres Exemplar, in dem er immer wieder stöberte. Freitagmorgens rezitierte meine Mutter aus dem Koran. Häufig saß sie in ihrer wallenden weißen Gebetskleidung, aus der nur noch ihr Gesicht herausschaute, auf dem Gebetsteppich und hielt das Buch in ihren Händen. Gelegentlich setzte ich mich dazu, konnte wegen des hohen Lesetempos aber nicht viel verstehen. Manchmal durfte ich auch selbst lesen, was so langsam ging, dass ich fast eine halbe Stunde für eine Seite benötigte. Denn es musste alles absolut richtig und sauber gelesen werden. Ein Betonungsfehler, eine falsche Vokallänge, eine falsche Pause - und sie unterbrach mich. So spürte ich, dass man mit diesem Buch auf ganz besondere Weise umgehen muss, und ich verlor trotz vieler Unterbrechungen nicht die Lust daran.

Nach einem Gebet selbst einmal den Koran zur Hand zu nehmen, kam mir bis zur Pubertät allerdings nicht in den Sinn. Erst später brachte ich mir einen eigenen Koran aus Syrien mit, der besonders groß war, damit ich die Schrift auch gut lesen konnte. Darin las ich zwar relativ häufig, kümmerte mich aber wenig um den Sinn. War mir ein Wort unbekannt, las ich einfach weiter. Es ging mir weniger darum, alles zu verstehen, was Gott uns offenbart. Viel wichtiger war es, überhaupt das Wort Gottes zu rezitieren und ergriffen zu spüren, wie dabei die Vibration der Stimmbänder meinen Körper durchdrang.

(Aus: Lamya Kaddor, Muslimisch - weiblich -deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam, München, © Verlag C.H. Beck, 2010 S. 33f.)

 

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