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Ab­lauf­sche­ma einer Di­lem­ma-Dis­kus­si­on

In­fo­box

Diese Seite ist Teil einer Ma­te­ria­li­en­samm­lung zum Bil­dungs­plan 2004: Grund­la­gen der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung. Bitte be­ach­ten Sie, dass der Bil­dungs­plan fort­ge­schrie­ben wurde.

Ar­beit mit Di­lem­ma-Dis­kus­sio­nen nach der
Kon­stan­zer Me­tho­de der Di­lem­ma-Dis­kus­si­on (KMDD)®

Mo­ra­li­sches Ler­nen lässt sich am bes­ten da­durch be­wir­ken, dass a) eine über­prüf­te und be­währ­te Me­tho­de ein­ge­setzt wird und b) die Lehr­per­son genau ver­steht, was diese bei den Teil­neh­mern be­wirkt. Denn jede wirk­sa­me Un­ter­richts­me­tho­de kann auch un­er­wünsch­te Ef­fek­te haben, wenn sie nicht von einer darin aus­ge­bil­de­ten Ex­per­ten­per­son ein­ge­setzt wird. Nur un­wirk­sa­me Me­tho­den sind ge­fahr­los. Damit sie wirk­sam ist, muss eine Di­lem­ma-Dis­kus­si­on im ge­rin­gen Maß mo­ra­li­sche Emo­tio­nen aus­lö­sen. Wenn aber bei den Teil­neh­mern zu star­ke Emo­tio­nen aus­ge­löst wer­den, be­steht die Ge­fahr, dass der Lern­ef­fekt aus­bleibt und die Me­tho­de in Ein­zel­fäl­len zu un­er­wünsch­ten Ef­fek­ten führt. Nicht aus­ge­bil­de­te Lehr­per­so­nen kön­nen mit Di­lem­ma-Dis­kus­sio­nen ihre Teil­neh­mer meist gut un­ter­hal­ten. Sie lau­fen aber Ge­fahr, zu star­ke Emo­tio­nen aus­zu­lö­sen, und mer­ken viel­leicht nicht ein­mal, wenn Teil­neh­mer dar­un­ter lei­den.

Aus­bil­dung als KMDD-Leh­rer/in

Zer­ti­fi­zier­te KMDD-Lehr­per­so­nen ler­nen in ihrer Aus­bil­dung, wie man mo­ra­li­sche Emo­tio­nen in der Teil­neh­mer­grup­pe do­siert aus­löst, so dass In­ter­es­se an Nach­den­ken und Dis­kus­si­on über die prä­sen­tiert Di­lem­ma­ge­schich­te ent­steht und das Lern­kli­ma immer im op­ti­ma­len Be­reich ist, aber kein Teil­neh­mer emo­tio­nal über­for­dert wird. Als wich­tigs­tes Mit­tel dafür steht der Lehr­per­son der genau do­sier­te Wech­sel zwi­schen Pha­sen der Un­ter­stüt­zung und Her­aus­for­de­rung zur Ver­fü­gung.
Wer das KMDD-Leh­rer Zer­ti­fi­kat er­wor­ben hat, darf die­ses sechs Jahre lang of­fi­zi­ell be­nut­zen. Das Zer­ti­fi­kat ist als Marke ge­schätzt.
Der fol­gen­de, voll­stän­di­ge Ab­lauf der KMDD zeigt alle zwölf Pha­sen der KMDD-Sit­zung, die ins­ge­samt min­des­tens 90 Mi­nu­ten be­an­sprucht. Die ge­nau­en Zeit­vor­ga­ben und Va­ria­ti­ons­mög­lich­kei­ten wer­den in der Aus­bil­dung als KMDD-Leh­rer ver­mit­telt. Der KMDD-Ab­lauf­plan wird stän­dig neuen wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen an­ge­passt. Eine aus­führ­li­che Ein­füh­rung in die KMDD fin­det sich in G. Lind: „Moral ist lehr­bar" (Ol­den­bourg-Ver­lag, 2009, 2. Auf­la­ge).

  1. Vor­be­rei­tung
    Die Lehr­per­son ent­wi­ckelt eine „edu­ka­ti­ve&lduo;Di­lem­ma­ge­schich­te, die eine en­ga­gier­te Dis­kus­si­on zwi­schen zwei ge­gen­sätz­li­chen La­gern mög­lich macht, an­regt und in den Stoff der nächs­ten Lern­pe­ri­ode der Klas­se ein­ge­bun­den ist. [Die Ent­wick­lung edu­ka­ti­ver Di­lem­ma­ge­schich­ten wird in der Aus­bil­dung aus­führ­lich be­han­delt.] Aus­wahl und Her­stel­lung sol­cher Ge­schich­ten soll­te auf den ak­tu­el­len Lehr­stoff und die Lern­bio­gra­phie der Teil­neh­mer ab­ge­stimmt sein. Vor­ge­fer­tig­te Di­lem­mas sind dafür nur be­dingt ge­eig­net. Die Her­stel­lung von edu­ka­ti­ven Di­lem­ma­ge­schich­ten wird in der Aus­bil­dung zum „KMDD-Leh­rer“ in­ten­siv geübt.
    Vor der Stun­de setzt die Lehr­per­son sich noch­mals in­ten­siv mit die­ser Ge­schich­te aus­ein­an­der, damit sie diese frei vor­tra­gen kann, und be­rei­tet den Ab­lauf der Stun­de vor.
  2. Un­ter­richts­be­ginn
    Ziel: Die Teil­neh­mer wer­den auf den an­ste­hen­den Lern­pro­zess vor­be­rei­tet, indem ihre volle Auf­merk­sam­keit auf die Di­lem­ma-Dis­kus­si­on ge­zo­gen wird.
    Die Lehr­per­son war­tet, bis alle ruhig und auf­merk­sam sind. Dann führt sie den Vor­trag mit einer Ein­lei­tung an, die di­rekt auf das Di­lem­ma hin­führt. Zum Bei­spiel: Ich möch­te euch eine Ge­schich­te er­zäh­len, in der eine schwie­ri­ge Ent­schei­dung ge­trof­fen wer­den muss­te. XY hat … [wie diese Ein­lei­tung ab­ge­än­dert wer­den kann, wird in der Aus­bil­dung zum KMDD-Leh­rer be­han­delt.]
  3. Prä­sen­ta­ti­on
    Ziele: Die Teil­neh­mer sol­len sich in die Haupt­fi­gur der Di­lem­ma-Ge­schich­te hin­ein­ver­set­zen und die Schwie­rig­keit ihrer Si­tua­ti­on nach­füh­len kön­nen.
    Die Prä­sen­ta­ti­on kann rein sach­lich oder sze­nisch dra­ma­ti­sie­rend er­fol­gen. Sie muss aber immer klar und für alle Teil­neh­mer gut ver­ständ­lich sein.
  4. Stil­les Nach­den­ken
    Ziel: Die Teil­neh­mer er­hal­ten Ge­le­gen­heit, sich ihrer Ge­füh­le zu die­ser Ge­schich­te be­wusst zu wer­den, einen ei­ge­nen Stand­punkt zu ge­win­nen und sich dar­auf vor­zu­be­rei­ten, ihn auch ge­gen­über an­de­ren zu ver­tre­ten.
    Die Lehr­per­son teilt den Teil­neh­mern den Text der Di­lem­ma-Ge­schich­te aus. Sie for­dert die Teil­neh­mer auf, die Ge­schich­te in Ruhe zu lesen und No­ti­zen zu ma­chen. Sie weist dar­auf hin, dass kein Nach­bar ge­stört wer­den darf.
  5. Di­lem­ma-Klä­rung
    Ziel: Die Teil­neh­mer er­hal­ten Ge­le­gen­heit, ihre Wahr­neh­mung der Ge­schich­te dar­zu­le­gen, zu er­fah­ren, dass die Wahr­neh­mung an­de­rer (sehr) ver­schie­den sein kann und dass sich die ei­ge­ne Wahr­neh­mung und die Wahr­neh­mung der an­de­ren durch den Aus­tausch ver­än­dern kön­nen.
    Die Lehr­per­son fragt, für wen die Ge­schich­te kein Di­lem­ma dar­stellt und ein­fach zu ent­schei­den ist und wer ein Di­lem­ma wahr­nimmt. Sie stellt zu­sätz­lich fol­gen­de Fra­gen:
    • Für wen ist es kein Di­lem­ma? (die Schü­ler zum Wi­der­spruch er­mu­ti­gen!)
    • Für wen ist es ein Di­lem­ma (eine schwie­ri­ge Ent­schei­dung)?
    • Wenn ja, worin liegt das Pro­blem? Was ging der Haupt­fi­gur wohl durch den Kopf?
    • Wer hatte so ein (ko­mi­sches, be­klem­men­des) Ge­fühl ge­habt, als er/sie die Ge­schich­te von der Haupt­fi­gur hörte?
  6. Erste Ab­stim­mung
    Ziel: Die Teil­neh­mer ler­nen, sich öf­fent­lich mit einer Mei­nung in einer Kon­tro­ver­se zu ex­po­nie­ren, den Un­ter­schied zwi­schen Ent­schei­dung unter Druck und druck­frei­er Mei­nungs­bil­dung zu ver­ste­hen, die Viel­falt von Mei­nun­gen zu einem mo­ra­li­schen Pro­blem an­zu­er­ken­nen.
    Die Lehr­per­son fährt die Ab­stim­mung pro oder con­tra durch. Wer mit der Ent­schei­dung der Haupt­fi­gur ein­ver­stan­den ist, stimmt pro, die an­dern stim­men con­tra. Jeder Teil­neh­mer ent­schei­det für oder gegen die Ent­schei­dung der Per­son in der Ge­schich­te. Pro- und Con­tra-Grup­pen sit­zen ein­an­der ge­gen­über.
  7. Vor­be­rei­tung der Dis­kus­si­on in klei­nen Grup­pen
    Ziel: Die Teil­neh­mer ler­nen, an­de­re Teil­neh­mer (auch Nicht-Freun­de) als Quel­le der Un­ter­stüt­zung zu sehen, Be­grün­dun­gen für die ge­trof­fe­ne Ent­schei­dung zu­sam­men mit an­de­ren zu for­mu­lie­ren, ent­de­cken, dass Ar­gu­men­te eine un­ter­schied­li­che (mo­ra­li­sche) Qua­li­tät haben kön­nen.
    In den bei­den Mei­nungs­la­gern wer­den Grup­pen von 3 bis 4 Teil­neh­mer (nicht mehr und nicht we­ni­ger) ge­bil­det. In die­sen Grup­pen tau­schen sie ihre Ar­gu­men­te für ihren Ent­scheid aus und su­chen zu­sätz­li­che Ar­gu­men­te.
  8. Dis­kus­si­on im Ple­num
    Ziel: Die Teil­neh­mer ler­nen, ei­ge­ne Ar­gu­men­te vor­zu­tra­gen und an­de­ren zu­zu­hö­ren, zwi­schen Qua­li­tät von Ar­gu­men­ten (über die man hef­tig strei­ten kann) und der Qua­li­tät von Men­schen (die man immer re­spek­tie­ren soll­te) zu un­ter­schei­den.
    Die Klas­se trifft sich wie­der im Ple­num. Die Lehr­per­son er­klärt die zwei Dis­kus­si­ons­re­geln:
    • Ers­tens, jedes Ar­gu­ment ist zu­läs­sig, alles darf ge­sagt wer­den; aber kein Kind darf an­ge­grif­fen oder be­wer­tet wer­den auch nicht po­si­tiv.
    • Zwei­tens, die Teil­neh­mer rufen sich ge­gen­sei­tig auf. Dabei gilt die Ping­pong-Regel: Wenn ein Kind ge­spro­chen hat, be­stimmt es, wel­cher Teil­neh­mer aus dem an­de­ren Mei­nungs­la­ger ant­wor­tet darf.
    • Die Lehr­per­son ach­tet auf das Ein­hal­ten der bei­den Re­geln, mischt sich aber nicht in die in­halt­li­che Dis­kus­si­on ein.
  9. No­mi­nie­rung der bes­ten Ge­gen­ar­gu­men­te
    Ziel: Die Teil­neh­mer ent­de­cken, dass Ar­gu­men­te un­ter­schied­li­che mo­ra­li­sche Qua­li­tät haben kön­nen, dass auch Geg­ner und Geg­ne­rin­nen gute Ar­gu­men­te haben kön­nen. Sie ler­nen gute Ar­gu­men­te auch dann zu schät­zen, wenn sie von der Ge­gen­sei­te kom­men. Die Teil­neh­mer kön­nen sich mit­ein­an­der be­ra­ten. Dann darf jeder Teil­neh­mer das beste Ar­gu­ment der Ge­gen­sei­te no­mi­nie­ren. Wer ab­wei­chen­der Mei­nung ist, darf sei­nen ei­ge­nen Vor­schlag ma­chen.
  10. Zwei­te Ab­stim­mung
    Ziele: Die Teil­neh­mer ler­nen, sich öf­fent­lich zu einer be­stim­men Mei­nung zu be­ken­nen.
  11. Re­fle­xi­on (Un­ter­stüt­zung)
    Ziele: Die Teil­neh­mer ler­nen, sich über den ei­ge­nen Lern­pro­zess be­wusst zu wer­den und die er­leb­te Form der Dis­kus­si­on kon­tro­ver­ser The­men zu schät­zen.
    Die Lehr­per­son fragt die Teil­neh­mer:
    • Hat die Stun­de Spaß ge­macht?
    • Habt Ihr / haben Sie auch etwas ge­lernt? Hat sich die Stun­de ge­lohnt?
  12. Ab­schluss
    Die Lehr­per­son be­dankt sich für die gute Stun­de.


(c) Georg Lind, 2011, mo­di­fi­ziert nach Lind (2009): Moral ist lehr­bar. Mün­chen: Ol­den­bourg. Die­ser Text darf in kei­nem Me­di­um ver­viel­fäl­tig wer­den.
Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mar­ke „ Kon­stan­zer Me­tho­de der Di­lem­ma-Dis­kus­si­on (KMDD)®“ ist Ei­gen­tum von Prof. Dr. Georg Lind.

Ab­lauf­sche­ma einer Di­lem­ma-Dis­kus­si­on: Her­un­ter­la­den [doc] [33 KB]

Ab­lauf­sche­ma einer Di­lem­ma-Dis­kus­si­on: Her­un­ter­la­den [pdf] [69 KB]