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Interpretation und Kompetenzbegriff vor dem Hintergrund der Textsortenanalyse

Für einen kompetenzorientierten Interpretationsunterricht in der Oberstufe bietet der Begriff der Textsorte insofern eine Hilfe, als er es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, spezifische Fragen an einen Text heranzutragen, die den Sinngehalt eines vorgefundenen Textes entschlüsseln können. Der Interpretationsunterricht der Oberstufe soll den Schülern ein Frageraster und eine theoretische Leitlinie an die Hand geben, die eine mittlere Stringenz bzw. Festigkeit aufweisen: Einerseits soll so viel Genauigkeit im Zugang zu den Texten angeboten werden, dass jeder Text, den der Schüler im Laufe seiner Biographie als Leser antrifft, zumindest von seiner Tendenz und seiner Funktion her erschlossen werden kann; andererseits wird aber so viel Freiheit gewahrt, dass die individuellen Interessen der Schüler nicht eingeschränkt werden und möglichst viel Offenheit für neue Textmuster bewahrt wird.


Eingeschränkt wird die Erklärungskraft des Kompetenzbegriffs durch die Überlegung, dass das wichtigste Ziel einer Interpretation das Verstehen ist. Verstehen ist der Vorgang, der bei jeder Kommunikation auf der Seite des Rezipienten stattfinden muss, wenn man davon sprechen kann, dass die Kommunikation gelingt. 

Kommunikation besteht in der Kommunikationstheorie des Soziologen Niklas Luhmann [1] [2] aus der Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen. Jedes dieser  Momente ist in jeder Kommunikation gleichzeitig anwesend, aber jeder Teilnehmer der Kommunikation kann in einem Moment immer nur auf eines Acht geben. Jedes Element ist dabei eine Einheit. Hier interessiert das Verstehen. Es besteht aus einer Selektion von Sinnangeboten. 

Es lohnt, diesen Gedanken im Blick zu behalten, weil er die Intuition begrifflich fasst, dass Verstehen eine Einheit darstellt; dieser Gedanke bleibt auch dann richtig, wenn man sich, wie das hier geschieht, darum bemüht, die einzelnen Komponenten aufzuschlüsseln, die zusammenkommen müssen, wenn ein Leser einen Text versteht. [3]

Die zentrale Perspektive für die Interpretation ist damit die des Verstehens. Es geht immer darum, den Verstehensprozess  (in der Schule heißt das: dem Verstehensprozess der  Schülerinnen und Schüler) mit einem allgemein gültigen System begründeter und bewährter Kriterien zu konfrontieren und diesem Verstehen damit zum einen eine Orientierung zu geben, zum anderen aber auch Kriterien , die eine Unterscheidung zwischen einer sinnvollen und einer fehlgehenden Interpretation ermöglichen. Das Verstehen selbst, als selektiver und konstruktiver Vorgang, lässt sich aber nicht regeln. Es hat immer eine subjektive Seite, die man auch als den Aspekt der Freiheit auffassen kann. Aus der Wahl zwischen verschiedenen Sinnangeboten lässt sich die Freiheit des Wählens nicht eliminieren, sonst findet eben keine Wahl statt.

Stellt man diese hermeneutische Reflexion in Rechnung, dann ergibt sich für den kompetenzorientierten Interpretationsunterricht eine klare Selbstbescheidung: Es gibt keine Verstehenskompetenz, aber es können bestimmte Fertigkeiten eingeübt , bestimmte Prozeduren erarbeitet werden, die in dem beschriebenen Sinne eine Orientierung geben und Kriterien vermitteln, die den Schülern helfen können, ihre Einfälle und Beobachtungen zu ordnen.

Die Textinterpretation sollte nicht nur die Textsorte beachten, sondern immer auch die Begriffe der Textgrammatik heranziehen, die in der Einheit Kompetente Grammatikanwendung in der Lektürephase vorgestellt werden.

Die Kriterien für die Interpretation der Texte der lateinischen Literatur sollen hier in zwei Klassen aufgeteilt werden. Die erste Klasse von Fragen kann an alle Texte gestellt werden, die zweite Klasse ist textsortenspezifisch.

 


Anmerkungen und Literaturhinweise

[1] Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M. 1984, Kap. 4: Kommunikation und Handlung (S. 191-241)

[2] Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt a.m. 1997, S. 71-75 u.ö.

[3] Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (Werke Bd. 1), 7. Aufl. Tübingen 2010 (Erstaufl. 1960)