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Positionen zum Begriff der Interpretation

Gregor Maurach geht in seinem Lehrbuch der Interpretation von einem traditionellen Verständnis der Deutung literarischer Texte aus. Sein Buch hat den Vorteil, dass es die Methode an Beispielen demonstriert. Vieles an dieser Methode ist unbestritten notwendiger Bestandteil einer Interpretation antiker Texte: Immer geht es z.B. darum, den Text zu gliedern und den atzbau sowie die sprachlichen Bilder zu beschreiben. Die konkreten Anweisungen lassen es aber fraglich erscheinen, ob ihnen auf der Schülerseite einigermaßen konkrete Kompetenzen zugeordnet werden können. So liest man in der 'Zwischenbilanz' (Maurach 2007, S. 87-89):

"Untersuche jedes auch nur ein wenig belangreich aussehende Wort!" (Maurach 2007, S. 88) [1]

Einen Unterschied zwischen belangreichen und unwichtigen Wörtern festzustellen ist aber bereits eine der zentralen Interpretationsleistungen. Die Aufforderung 

Eine Anweisung, die im Buch mehrmals wiederholt wird, weil sie zum Kern der Methode gehört, wird am Ende der Zwischenbilanz mit diesen Worten auf den Punkt gebracht:

"Füge nie zu deinem Text [d.h. dem Text, der interpretiert werden soll] etwas hinzu, das der Text nicht zwingend nahe legt." (Maurach, S. 89)

Für Schüler dürfte diese Anweisung ebenfalls kaum umsetzbar sein, denn wie sollen sie unterscheiden, welche ihrer Interpretationsthesen dem Text etwas Unnötiges hinzufügen und welche vom Text selbst nahe gelegt werden?

Bei der Interpretation von Horaz, c. 3,22 zeigt sich, dass die methodische Vorgabe, nichts anderes solle geschehen, als dass der Text selbst zum Sprechen gebracht werden darf, zu Anweisungen führt, die für Schüler nur bedingt umsetzbar sind. Gregor Maurach schreibt über Horaz' Ode:

"Wir begreifen da nichts, wenn wir uns nicht hineingeben in die Gestimmtheit: ein heißer Sommertag, nur Ruhe, Schauen, Sinnen und ein guter Trunk - nichts weiter. ... Das Gedicht sagt sich selbst und die Stimmung dieses Tags... " (Maurach S. 67).

Der Kontext dieser Interpretation ist die Kritik an der Sekundärliteratur, die z.B. religionsgeschichtliche Elemente der Ode zu beschreiben sucht. Erschließt sich dem Schüler die Stimmung eines Gedichts nicht, so kommt er über die Beschreibung des Aufbaus nicht hinaus. Die historische Distanz zwischen dem antiken Text und seinem modernen Interpreten wird auf diese Weise nicht rational erfassbar. Andererseits liegt es für Schülerinnen und Schüler nahe, unmittelbar zugängliche Eindrücke wie etwa die Stimmung eines Gedichts zu beschreiben, da sie ja in der Regel nicht über umfassende Kenntnisse etwa der religionsgeschichtlichen Bezüge zu verfügen.

Hier kann es nicht darum gehen, die Verdienste einer traditionellen Methode in Abrede zu stellen; vielmehr zeigt Gregor Maurachs Buch die Probleme dieser Methode, und es wird deutlich, dass die theoretische Grundlegung der Interpretation genauer bedacht werden muss.

In der Einleitung zu seinem Überblick über die Versuche, moderne Literaturtheorien für die Interpretation antiker Texte fruchtbar zu machen, kritisiert Thomas A. Schmitz [2] die traditionelle, auch von Gregor Maurach verteidigte Maxime, man solle vorurteilslos, d.h. unbelastet von Theorien an die Texte herangehen:

"[Man] hat ... nicht die Wahl, beim Betrachten der Texte bestimmte Vorannahmen zu haben oder nicht zu haben - ob ich will oder nicht, gewisse Fragen habe ich schon beantwortet und damit gewisse Vorurteile übernommen." (Schmitz 2002, S. 19.) [3]

Der Autor zitiert den englischen Literaturwissenschaftler Terry Eagleton, der diesen Gedanken auf diese  prägnante Formel brachte:

"Hostility to theory usually means an opposition to other people's theories and an oblivion of one's own." (zit. nach Schmitz, S. 19)

Die ganze Bandbreite der Literaturtheorien, die Thomas A. Schmitz in der zitierten Monographie darstellt, kann aber unmöglich an die Literaturdidaktik herangetragen werden, da der Rezeptionsaufwand nicht vertretbar wäre.

Die von Peter Kuhlmann [4] herausgegebene 'Lateinische Literaturdidaktik' setzt an einem Modell der Kommunikation an und bezieht damit implizit Stellung in dem hier nur skizzierten Streit über die Frage, ob Interpretation der Theorie bedarf. Peter Kuhlmann versteht Interpretation, auch diejenige, die im Lateinunterricht stattfindet, als "historische Kommunikation". (S. 11). Die Beschäftigung mit antiker Literatur führt die Schülerinnen und Schüler in die antike Kultur ein; Kultur wird hier verstanden als Gesamtheit der Institutionen, der Mentalität und der Vorstellungswelt. Die Autoren gestalten die Vorstellungswelt ihrer Kultur aktiv mit; sie prägen das kulturelle Gedächtnis ihrer Zeit (ebd.). Die Beschäftigung mit lateinischer Literatur vermittelt interkulturelle Kompetenz, weil diese nur verstanden werden kann, wenn ein relativ weiter historischer Abstand, eine Erfahrung der Fremdheit bewältigt wird. (S. 12 f.)

Fragen von der Art: 'Was fandest du besonders auffällig am Text?' haben ihren Ort am Beginn einer Unterrichtseinheit, damit der Lehrende ein Bild davon bekommt, wie die Texte auf die Schüler wirken (Kuhlmann 2010, S. 17).

Interpretation als konstruktiver Verstehensprozess

Interpretation soll im Folgenden als Konstruktionsprozess verstanden werden; diese konstruktivistische Sichtweise ist auch gut mit dem Kompetenzbegriff vereinbar.  Der antike Text ist selbst ein Produkt komplexer Konstruktionen. Er wird in diesem Sinne als Ausdruck einer Weltsicht gesehen, zugleich als Antwort auf die Lebensfragen der antiken Gesellschaft, als Exemplar einer historisch entstandenen Textsorte, im Falle der lateinischen Literatur der Antike in den meisten Fällen als Weiterentwicklung einer von den Griechen übernommenen Textsorte und literarischen Tradition.

 


Anmerkungen und Literaturhinweise

[1] Gregor Maurach: Interpretation lateinischer Texte. Ein Lehrbuch zum Selbstunterricht, Darmstadt 2007

[2] Thomas A. Schmitz: Moderne Literaturtheorie und antike Texte. Eine Einführung, Darmstadt 2002

[3] Terry Eagleton: Literary theory. An Introduction, 2. Aufl. Oxford 1996

[4] Peter Kuhlmann (unter Mitwirkung von Heike Rühl): Modelle und Methoden, in: Peter Kuhlmann (Hg.): Lateinische Literaturdidaktik, Bamberg 2010, S. 8-38