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Klausur Plinius 3,16

In diesem Brief preist Plinius Arria maior, die sehr berühmt war, weil sie sich selbst tötete, um ihrem Mann darin Vorbild zu sein. Dieser war wegen der Teilnahme an einer Verschwörung gegen Kaiser Claudius im Jahre 42 n. Chr. zum Tode verurteilt worden, zögerte aber, sich selbst zu töten.

C. PLINIUS NEPOTI SUO S.
1 Adnotasse videor facta dictaque virorum feminarumque alia clariora esse, alia maiora.
2 Confirmata est opinio mea hesterno Fanniae sermone. Neptis haec Arriae illius, quae marito et solacium mortis et exemplum fuit. Multa referebat aviae suae non minora hoc, sed obscuriora; quae tibi existimo tam mirabilia legenti fore, quam mihi audienti fuerunt.
3 Aegrotabat Caecina Paetus, maritus eius, aegrotabat et filius, uterque mortifere, ut videbatur. Filius decessit eximia pulchritudine, pari verecundia, et parentibus non minus ob alia carus quam quod filius erat.
4 Huic illa ita funus paravit, ita duxit exsequias, ut ignoraret maritus; quin immo, quotiens cubiculum eius intraret, vivere filium atque etiam commodiorem esse simulabat, ac persaepe interroganti, quid ageret puer, respondebat; 'Bene quievit, libenter cibum sumpsit.'
5 Deinde, cum diu cohibitae lacrimae vincerent prorumperentque, egrediebatur; tunc se dolori dabat; satiata siccis oculis, composito vultu redibat, tamquam orbitatem foris reliquisset.
6 Praeclarum quidem illud eiusdem, ferrum stringere, perfodere pectus, extrahere pugionem, porrigere marito, addere vocem immortalem ac paene divinam: 'Paete, non dolet.' Sed tamen ista facienti, ista dicenti, gloria et aeternitas ante oculos erant; quo maius est sine praemio aeternitatis, sine praemio gloriae abdere lacrimas operire luctum, amissoque filio matrem adhuc agere.
7 Scribonianus arma in Illyrico contra Claudium moverat; fuerat Paetus in partibus et occiso Scriboniano Romam trahebatur.
8 Erat ascensurus navem; Arria milites orabat, ut simul imponeretur. 'Nempe enim' inquit 'daturi estis consulari viro servolos aliquos, quorum e manu cibum capiat, a quibus vestiatur, a quibus calcietur; omnia sola praestabo.'
9 Non impetravit: conduxit piscatoriam nauculam, ingensque navigium minimo secuta est. Eadem apud Claudium uxori Scriboniani, cum illa profiteretur indicium, ' ego ' inquit 'te audiam, cuius in gremio Scribonianus occisus est, et vivis? ' Ex quo manifestum est ei consilium pulcherrimae mortis non subitum fuisse.
10 Quin etiam, cum Thrasea, gener eius, deprecaretur, ne mori pergeret, interque alia dixisset: 'Vis ergo filiam tuam, si mihi pereundum fuerit, mori mecum?', respondit: ' Si tam diu tantaque concordia vixerit tecum quam ego cum Paeto, volo. '
11 Auxerat hoc responso curam suorum; attentius custodiebatur; sensit et 'nihil agitis' inquit; 'potestis enim efficere, ut male moriar, ut non moriar, non potestis. '
12 Dum haec dicit, exsiluit cathedra adversoque parieti caput ingenti impetu impegit et corruit. Focilata 'dixeram' inquit 'vobis inventuram me quamlibet duram ad mortem viam, si vos facilem negassetis.'
13 Videnturne haec tibi maiora illo 'Paete, non dolet', ad quod per haec perventum est? cum interim illud quidem ingens fama, haec nulla circumfert.
Unde colligitur, quod initio dixi, alia esse clariora, alia maiora. Vale.

Stammbaum
Arria maior ∞
Caecina Paetus
Pfeil nach links unten
Pfeil nach rechts unten
Sohn (von dem in 3 die Rede ist) Arria maior ∞ Thrasea Paetus (von dem in 10 die Rede ist)
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  Fannia (mit der sich Plinius getroffen hat)

Plinius grüßt seinen Nepos
Ich denke bemerkt zu haben, dass die einen Taten und Aussprüche von Männern und Frauen berühmter sind, andere aber großartiger. Bestätigt wurde meine Meinung durch ein gestriges Gespräch mit Fannia. Sie ist die Enkelin jener Arria, die ihrem Mann ein Trost und Vorbild im Tod war. Sie berichtete mir, dass vieles ihrer Großmutter nicht geringer, aber unbekannter ist als dieses. Und ich meine, dass es für dich, wenn du es liest, ebenso wunderbar sein wird wie es für mich war, als ich es hörte.

Krank war Caecina Paetus, ihr Gatte, krank war auch ihr Sohn, beide dem Tode nah, wie es schien. Der Sohn verschied, der von außerordentlicher Schönheit und ebenso großer Ehrfurcht war und seinen Eltern nicht nur deswegen lieb war, weil er ihr Sohn war. Für ihn bereitete sie das Begräbnis so, vollzog seinen Leichenzug so, dass ihr Ehemann nichts bemerkte; ja, jedes Mal wenn sie sein Schlafzimmer betrat, gab sie vor, dass der Sohn noch am Leben sei und sogar umgänglicher, und als er sehr oft fragte, was der Junge denn tue, antwortete sie ihm: „Er hat gut geruht, er hat gerne gespeist.“ Wenn darauf die lange zurückgehaltenen Tränen sie überwältigten und ausbrachen, ging sie hinaus; dann gab sie sich ihrem Schmerz hin; nachdem sie ihre Tränen gestillt hatte, kehrte sie mit getrockneten Augen und verstelltem Gesichtsausdruck zurück, als ob sie den Verlust draußen gelassen hätte.
Berühmt ist freilich jenes von derselben Art, das Schwert zu zücken, sich die Brust zu durchbohren, den Dolch herauszuziehen, dem Mann zu reichen und den unsterblichen, fast göttlichen Ausspruch zu tun: „Paetus, es tut nicht weh.“ Aber trotzdem stand ihr, als sie dies tat und als sie dies sagte, unsterblicher Ruhm vor Augen; umso großartiger ist es, ohne den Lohn der Unsterblichkeit, ohne den Lohn des Ruhms die Tränen zu verbergen, die Trauer zu verheimlichen und selbst nach dem Verlust des Sohnes noch immer die Mutter zu spielen.

Scribonianus hatte in Illyrien zu Waffen gegen Claudius gegriffen; Paetus hatte daran teilgenommen und wurde nach dem Tod des Scribonianus nach Rom geschleppt. Er war gerade dabei, das Schiff zu besteigen; Arria bat die Soldaten, zugleich mit einzuschiffen. Sie sagte: „Ihr werdet einem Konsular freilich einige Sklaven gewähren, aus deren Hand er das Essen nehmen kann, von denen er angezogen wird, von denen er in die Schuhe geholfen wird; ich alleine werde alles erfüllen.“ Sie bewirkte nichts; sie mietete ein Fischerboot und folgte dem großen Boot mit einem sehr kleinen. Als die Frau des Scribonianus bei Claudius ein Geständnis ablegen wollte, sagte Arria folgendes: „Ich soll dich anhören, in dessen Schoß Scribonianus getötet worden ist, und du lebst?“ Daraus ist offenkundig, dass ihre Entscheidung für einen wunderschönen Tod nicht plötzlich gefallen ist. Ja, als Thrasea, ihr Schwiegersohn, sie anflehte, das Sterben nicht weiter zu verfolgen, und unter anderem gesagt hatte: „Du willst also, dass deine Tochter, wenn ich sterben muss, mit mir stirbt?“, antwortete sie: „Wenn sie in so langer und so großer Eintracht mit dir gelebt hat wie ich mit Paetus, dann will ich es.“ Durch diese Antwort hatte sie die Sorge ihrer Angehörigen noch vergrößert, man bewachte sie aufmerksamer; sie merkte dies und sagte: „Ihr könnt nichts machen; denn ihr könnt nur bewirken, dass ich schlecht sterbe, nicht, dass ich nicht sterbe!“ Während sie dies sagte, sprang sie vom Stuhl hervor, schlug ihren Kopf mit gewaltigem Schwung gegen die Wand und brach zusammen. Wiederbelebt sagte sie: „Ich hatte euch gesagt, dass ich einen auch noch so harten Weg zum Tod finden werde, wenn ihr mir einen leichten verweigern würdet!“
Erscheint dir dieses nicht großartiger als jenes „Paetus, es tut nicht weh“, zu dem man durch dies gelangte? Während jenes inzwischen eine ungeheure Berühmtheit hat, verbreitet dies keiner.

Woraus man folgern kann, was ich eingangs gesagt habe, dass das eine berühmter, das andere aber großartiger ist.

Interpretationsklausur Latein

4

1.

Nennen Sie Anlass und Thema des Briefes!

 

2.

Der Brief gliedert sich folgendermaßen:

1. 1-2
2a  3-5
2b  6
3a  7-12
3b  13a
4.  13b

6

a)

Geben Sie jedem Abschnitt eine Überschrift!

5

b)

Begründen Sie anhand inhaltlicher und sprachlicher Merkmale diese Gliederung (Wortwiederholungen, Kompositionsmerkmale, ...)!

10

3.

Stellen Sie zusammen, wie Plinius der Jüngere Arrias Verhalten bewertet, und vergleichen Sie davon ausgehend die Darstellungsformen von Arria und Plinius dem Älteren (Gemeinsamkeiten und Unterschiede!

6

4.

Untersuchen Sie die stilistische Gestaltung der direkten Reden der Arria in 9, 10 und 11 (kursiv) und begründen Sie, weshalb ihre Reden kunstvoll gestaltet sind!

4

5.

Typisch für die Geschichtsschreibung ist, dass Handlungen teilweise verkürzt dargestellt, andere hingegen gelängt werden. Dadurch entstehen Sprünge oder auch Ungereimtheiten. Machen Sie dies an zwei Beispielen im Brief fest!

5

6.

Zum Charakter der römischen Geschichtsschreibung gehört, dass sie „die in längeren Abschnitten übergeordnete Thesen verfolgt und sie durch Einzelbeispiele evident zu machen versucht.“ (E. Lefèvre, Vom Römertum zum Ästhetizismus, Berlin 2009, S. 198).
Belegen Sie, dass dieser Brief Historiographie bietet!

5

 

 

 

 

 

 

 

 

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45

7.

Martial 1,13

Casta suo gladium cum traderet Arria Paeto,
quem de visceribus strinxerat ipsa suis,
'Si qua fides, vulnus, quod feci, non dolet,' inquit,
'sed tu quod facies, hoc mihi, Paete, dolet.'

Als die anständige Arria ihrem Paetus den Dolch reichte,
den sie selbst aus ihren Eingeweiden gezogen hatte,
sagte sie: „Wenn ich Glauben verdiene: die Wunde, die ich mir zugefügt habe, schmerzt nicht,
aber die du dir zufügen wirst, die schmerzt mich, Paetus.“

Zeigen Sie anhand des Vergleichs mit dem Pliniusbrief das unterschiedliche Charakterprofil der Arria auf! Gehen Sie dabei auch auf die sprachliche Gestaltung ein!

VIEL ERFOLG!

 

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