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Material M1

Nun, der Kommandant zögert, aber nur ein wenig (11: cunctatus paulum ), der Steuermann rät zur Umkehr (11: gubernatori, ... monenti ). Da, in wirkungsvoller gestalteter, dramatischer Steigerung spricht der Onkel, sich zu Mut und Zuversicht ermannend ... Da erwartet der gespannte Leser, der mutige Kommandant gebe nicht auf, draufgängerisch werde er bei seinem einmal eingeschlagenen Kurs bleiben, allen drohenden Gefahren und Schrecknissen zum Trotz, geht es doch um die Rettung von Menschenleben – allein, was geschieht? Der Kommandant begibt sich zu einem außerhalb der Gefahrenzone wohnenden Mann in Stabiae namens Pomponianus, zu dem er anscheinend in freundschaftlichem Verhältnis steht ... Was ist nun mit der hochherzigen Rettungsaktion für die Küstenbewohner, die durch die Person des Flottenkommandanten sogar offiziellen Charakter hat? Plinius macht nicht die leiseste Andeutung, dass den Onkel etwa der Gedanke an Rectina quält, die sich an ihn persönlich gewandt hat, und die nun ihrem Schicksal überlassen ist, dass er bekümmert ist, all den Hilflosen nicht helfen zu können ... Die aufzeigten Widersprüchlichkeiten ... lassen sich schlagartig beseitigen, wenn man Plinius der Übertreibung in bezug auf seinen Onkel zeiht, das heißt, wenn das ganze Motiv des Hilfebringens, einsetzend mit der Szene des Rectinabriefes als dramatischem Auslöser, und fortgesetzt mit der daraufhin erfolgenden Ausfahrt der Vierruderer, als reine Erfindung erkannt wird. Dieser schöne Akt der Philanthropie ist künstlich angefügt, er hat nicht wirklich stattgefunden.

R. Copony, Fortes fortuna iuvat. Fiktion und Realität im 1. Vesuvbrief des jüngeren Plinius VI, 16, in: Grazer Beiträge 14 (1987), S. 215 – 228, 221 – 223.

 

Jede Deutung, die eine Kursänderung unterstellt, scheidet schon aus inneren Gründen aus. Wenn der Oheim erst zu einem anderen Ziel – etwa Herculaneum – aufgebrochen wäre, um Rectina, die um Hilfe gebeten hatte (8), beizustehen, dann aber angesichts der Gefahr davon abgelassen und ‚wenigstens’ Pomponianus in Stabiae aufgesucht hätte – wie man gewöhnlich interpretiert -, wäre die Stilisierung der Schilderung im Sinn einer Kaschierung lächerlich gewesen. Kaum hätte sich der geschickte Literat, der der jüngere Plinius war, eines solchen kapitalen erzähltechnischen Fehlers schuldig gemacht. Daher wird ... entweder Sherwin-Whites Vermutung richtig sein, dass Tascius, der Mann Rectinas, mit Pomponianus identisch ist, oder aber Rectinas Villa lag in der Nähe der pomponianischen, so dass das Fahrtziel dasselbe war. Wäre das nicht der Fall, wäre es Plinius ein leichtes gewesen, Rectinas Botschaft – ein Menschenalter nach den tatsächlichen Ereignissen – zu unterdrücken. Es hätte vollauf genügt, von einem allgemeinen Hilferuf oder einem solchen aus Stabiae zu berichten. Denn Plinius tat alles, um die große Tat des Oheims rühmend herauszustellen. Im übrigen war es geschickt – und glaubwürdig -, der ängstlichen Frau einen Boten zu schicken (8) und den tatkräftigen Mann die Schiffe rüsten zu lassen (12).

E. Lefèvre, Plinius Studien VI. Der große und der kleine Plinius. Die Vesuvbriefe (6,16; 6,20), in: Gymnasium 103 (1996), S. 193 – 215; 199f.

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