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Text Plinius 6-12

Flucht vor Naturgewalten (Plinius 6,20, 6-12)

6 Iam hora diei prima et adhuc dubius et quasi languidus dies. Iam quassatis circumiacentibus tectis, quamquam in aperto loco, angusto tamen, magnus et certus ruinae metus. 7 Tum demum excedere oppido visum; sequitur vulgus attonitum, quodque in pavore simile prudentiae: alienum consilium suo praefert ingentique agmine abeuntes premit et impellit. 8 Egressi tecta consistimus. Multa ibi miranda, multas formidines patimur. Nam vehicula, quae produci iusseramus, quamquam in planissimo campo, in contrarias partes agebantur, ac ne lapidibus quidem fulta in eodem vestigio quiescebant. 9 Praeterea mare in se resorberi et tremore terrae quasi repelli videbamus. Certe processerat litus, multaque animalia maris siccis harenis detinebat. Ab altero latere nubes atra et horrenda, ignei spiritus tortis vibratisque discursibus rupta, in longas flammarum figuras dehiscebat; fulguribus illae et similes et maiores erant.

6 Schon war die erste Tagesstunde und der Tag noch zögernd und sozusagen schlaff. Da die umliegenden Häuser schon schwer erschüttert waren, herrschte auf dem zwar offenen, aber doch engen Platz eine große und begründete Furcht vor einem Einsturz. 7 Jetzt endlich beschloss man, die Stadt zu verlassen, eine bestürzte Menschenmenge folgte uns und was bei Furcht Klugheit ähnlich ist, zog sie fremden Ratschlag dem eigenen vor und drückte und bedrängte uns beim Weggehen in einem riesigen Zug. 8 Die Häuser verlassen habend machten wir Halt. Wir mussten dort viel Sonderbares und Entsetzliches ertragen. Denn die Wagen, die wir hatten hinausbringen lassen, rollten in verschiedene Richtungen, obwohl sie auf völlig ebenem Gebiet standen, und sie blieben nicht einmal dann an ihrer Stelle, als sie mit Steinen befestigt wurden. 9 Außerdem sahen wir, dass das Meer sich selbst einsog und durch das Erdbeben gleichsam zurückgedrängt wurde. Jedenfalls war die Küste vorgerückt und hielt viele Meerestiere auf dem trockenen Sand fest. Auf der anderen Seite spaltete sich eine schwarze und schreckliche Wolke, durchzuckt von Schlangen- und Zickzacklinien aus feuriger Luft, in lange Flammenfiguren, Blitzen ähnlich und größer.

10 Tum vero idem ille ex Hispania amicus acrius et instantius 'Si frater' inquit 'tuus, tuus avunculus vivit, vult esse vos salvos; si periit, superstites voluit. Proinde quid cessatis evadere?' Respondimus non commissuros nos, ut de salute illius incerti nostrae consuleremus. 11 Non moratus ultra proripit se effusoque cursu periculo aufertur. Nec multo post illa nubes descendere in terras, operire maria; cinxerat Capreas et absconderat, Miseni quod procurrit, abstulerat.
10 Dann aber sagte eben dieser Freund aus Spanien heftiger und dringlicher: „Wenn dein Bruder, wenn dein Onkel noch lebt, will er, dass ihr wohlbehalten seid, wenn er gestorben ist, hat er gewollt, dass ihr überlebt. Was zögert ihr also zu fliehen?“ Wir antworteten, dass wir es nicht dahin kommen lassen würden, für unsere Rettung zu sorgen, solange wir im Unklaren über seine sind. 11 Er zögerte nicht länger und stürzte davon und wurde im vollen Lauf aus der Gefahr weggebracht. Kurz darauf sank jene Wolke auf die Erde herab und bedeckte das Meer. Sie hatte Capri umschlossen und eingehüllt und was von Misenum hervorragt, unseren Blicken entzogen.
12 Tum mater orare, hortari, iubere, quoquo modo fugerem; posse enim iuvenem; se et annis et corpore gravem bene morituram, si mihi causa mortis non fuisset. Ego contra salvum me nisi una non futurum; dein manum eius amplexus addere gradum cogo. Paret aegre incusatque se, quod me moretur. 12 Dann bat, ermahnte, befahl die Mutter, dass ich auf jegliche Weise floh; ich als junger Mann könne fliehen, sie werde von den Jahren und ihrem Körper beschwert gut sterben, wenn sie nur nicht der Grund für meinen Tod sei. Ich hielt dagegen, dass ich nur mit ihr zusammen überleben wolle, darauf ergriff ich ihre Hand und zwang sie, den Schritt zu beschleunigen. Sie gehorchte ungern und beschuldigte sich, dass sie mich aufhalte.

 

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