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Teil 2: Interpretationsklausur

Vor der tabellarischen Auflistung der Interpretationsaufgaben der Niobe-Klausur mit den jeweiligen Kompetenzfeldern ist eine Interpretation des Textabschnittes (met. VI, 165-213) von Nöten, die einerseits bewusst Rücksicht auf den Lateinunterricht nimmt, ohne dass dabei die wissenschaftliche Behandlung [1] außer Acht gelassen wird. Die Versangaben beziehen sich nun auf die in der Klausur gesetzten Versnummern:

Mit einer Art von Epiphanie stört die Königin Niobe die Kulthandlung der Thebanerinnen für Latona, was Ovid mit dem Demonstrativadverb „ecce“
(v 1) verdeutlicht, das den neuen Abschnitt „einläutet“. Man könnte geradezu an eine gelungene Bühnenshow denken, wenn man sich die im Text verfassten „Showelemente“ vor Augen führt: zum Einen die in v 1 in auffallender Tonstellung positionierte Wortgruppe „celeberrima turba“, zum Anderen von den ineinander verschachtelten Hyperbata „vestibus … Phrygiis“ und „intexto…auro“ (v 2), die nach der Wortart chiastisch im Verhältnis stehen. Die Wirkung auf das Publikum der Kulthandlung und auf das Leserpublikum wird in dem Adjektiv „formosa“ (v 3) zum Ausdruck gebracht, wobei hier durch den einschränkenden Nebensatz „quantum ira sinit“ (v 3) die Charakterschwäche der Niobe und das schreckliche Ende der Geschichte vorweg genommen werden. Erst als das Gefolge mitsamt ihrer Königin zum Stehen kommt („constitit“, v 5), wird Niobes edles Haupt mit dem über beide Schultern herabwallenden Haar sichtbar. („movensque decoro cum capite inmissos umerum per utrumque capillos”, vv 3 f.).
Das Adjektiv „alta” (v 5) kann in seiner Mittelstellung im Hyperbaton „oculos…superbos“ ( v 5) in zweierlei Hinsicht verstanden werden. Niobe steht hoch über ihrem Volk, als ob sie sich zum Himmel emporräkeln würde. Wird das „alta“ in einer Art Enallagé zu dem in unmittelbarer Nähe befindlichen „superbos“ – in abgewandelter Form „superbia“ – gezogen, fällt Ovid nach dem Zorn ein zweites Urteil bezüglich der Charakterschwäche: kein normaler Hochmut hat Niobe befallen, sondern eine „alta superbia“, die schon krankhaft zu sein scheint. Es folgt die Nioberede, die der Form nach einem Hymnus an einen Gott gleicht, nur bezieht die Königin ihr Hymnus auf sich selbst. „Quis furor, auditos … praeponere visis / caelestes? / Aut cur colitur Latona per aras, / numen adhuc sine ture meum est?“ (vv 6 ff.)
Niobe unterstellt ihren Untertanen ein wahnsinniges Verhalten. Geschickt, wie Ovid den Begriff „furor“ der Königin in den Mund legt, der zwar an die Thebanerinnen gerichtet ist, jedoch auch auf die Protagonistin selbst bezogen werden könnte. Nun werden Niobe drei Defizite zugerechnet: „ira“ (v 3), „superbia“ (v 5) und „furor“ (v 6) – zusammen ergibt das die unglaubliche Hybris!
In ihrer Rede gibt Niobe zunächst genealogische Gründe an, die sie dazu veranlassen, von ihren Untertaninnen eine gottähnliche Kulthandlung einzufordern und sich sogar über die Göttin Latona zu stellen:

  • „Mihi Tantalus auctor“ (v 8): Sie nennt Tantalus, den lydischen König, ihren Vater, der als einziger an den Tisch der Götter kommen durfte. Sie lässt dabei die Schandtat ihres Erzeugers außen vor, der auf dem Olymp den Göttern seinen zerstückelten Sohn Pelops den Göttern zum Mahl vorsetzte, um deren Allwissenheit auf die Probe zu stellen.
  • „Pleiadum soror est genetrix mea“ (v 10): Niobe verweist auf ihre Mutter Dione, eine Schwester der Plejaden und Tochter des Atlas („maximus Atlas est avus“, vv 10 f.).
  • „Iuppiter altus avus: socero quoque glorior illo.“ (v 12): Sie ist stolz auf ihre Abstammung von Juppiter.
  • „me gentes metuunt Phrygiae, me regia Cadmi sub domina est, fidibusque mei commissa mariti moenia cum populis a meque viroque reguntur“ (vv 13 ff.): Sie verweist auf den Gründer der Stadt Theben, Kadmos, Sohn des Königs Agenor von Tyros und Bruder der Europa. Dieser gründete bei der Suche nach seiner Schwester die Stadt Theben.

Bevor die weiteren Gründe für Niobes Hybris aufgezählt werden, sollte ein kurzer Blick
auf die sprachliche Gestalt des ersten Abschnittes der Rede (vv 8 – 15) geworfen werden.
Niobe beruft sich also auf die Abstammung von Tantalus, ja sogar von Juppiter und bezeichnet sich als „domina“ (v 14), der es zusteht, gegen jedweden Anweisungen zu treffen. Wie oben schon ausgeführt, handelt es sich bei der Rede um einen Hymnus auf Niobe selbst, was durch die Verwendung der zahlreichen Personalpronomina und Possessivpronomina der ersten Person deutlich wird (v 8: „mihi“, v 10: „mea“, v 13: zweimal „me“ in paralleler und anaphorischer Stellung, v 14: „mei“, v 15: „ a me“).

Nach der Abstammung verweist Niobe auf ihren Reichtum, von Ovid wiederum in Form eines Hyperbaton, „immensae … opes“ (v 17), ausgedückt. Knapp in drei Worten formuliert und darin eine Alliteration „verpackt“, nennt Niobe ihre Gesamterscheinung, die einer Göttin würdig ist („digna dea facies“, v 18). Das Ende ihres Katalogs, auf den ihr Stolz beruht, stellt ihr Kinderreichtum dar („huc natas adice septem et totidem iuvenes“, vv 18 f.). Mit der Wortgruppe „mox generosque nurusque“ (v 19) zielt sie auf die Nachkommenschaft ihrer großen Familie, ihres großen Geschlechtes ab. Damit ist ein Bogen zum Anfang der Rede gespannt, in der sie mit der Erwähnung ihrer Ahnen Tantalus, Dione, Juppiter und Atlas den Blick in die Vergangenheit rückt.
Den nächsten Versen „Quaerite nunc, habeat quam nostra superbia causam, / nescio quoque audete satam Titanida Coeo / Latonam praeferre mihi, cui maxima quondam / exiguam sedem pariturae terra navigavit“ (vv 20 – 23) sind zwei Funktionen inne. Zum Einen wird in einer imperativischen Sequenz, die nicht nur Aufforderungscharakter hat und eine deutliche Warnung an die Untertaninnen beinhaltet, sondern auch durch die Wortwahl in die Nähe einer rhetorischen Frage rückt, ihre selbst genannte „superbia“ (v 16) – begleitet von dem pluralis maiestatis „nostra“ (v 16) – zu einer Haltung der Königin, an der kein Mensch und keine Gottheit zu zweifeln haben. Zum Anderen leitet der Relativsatz, in dem das Relativpronomen mit dem Partizip der Nachzeitigkeit Aktiv „pariturae“ (v 23) in einer weiten Sperrung verbunden ist, zu dem eigentlichen Angriff der Niobe auf Latona über. Die Königin, die am Anfang der Rede ihren festen Königssitz und ihren Reichtum lobt, kontrastiert ihren Status mit dem ihrer Konkurrentin. Sie verwendet dabei vor allem Worte aus dem Sachfeld „Irrungen“, um den instabilen und winzigen Geburtsort der Zwillinge Apollo und Diana und den schwachen Sozialstatus der gebährenden Latona dem Publikum plastisch vor Augen zu führen (v 24: „nec caelo nec humo nec aquis“, v 25: „vagantem“, v 26: „hospita“, v 26: „erras“, v 27: „instabilemque locum“). Die Erbärmlichkeit dieser Geburtssituation wird durch den Ausgang der Geburt verstärkt, der mittels einer nackten Zahl „duorum (v 27) zum Ausdruck gebracht wird. Darauf folgt ein hartes Rechenkalkül: „uteri pars haec est septima nostri“ (v 28). Den letzten Abschnitt ihrer Rede (vv 29 – 38 a) beginnt Niobe mit zwei rhetorischen Fragen („Quis enim neget hoc? Felixque manebo / Hoc quoque quis dubitet?, vv 29 ff.). Die Lebensauffassung der Königin ist von einer primitiven und naiven Haltung geprägt, was sie auch in den weiteren Versen mit ihren eigenen Worten dokumentiert. Sie spricht der Fortuna auf ihre Person bezogen ihren Wirkungsbereich ab („quam cui possit Fortuna nocere, v 31), was für Niobe bedeutet, dass sie weder durch menschliche Hand noch durch göttliche Fügung noch durch das Schicksal Abstand nehmen muss von ihrem zu Beginn der Rede dargestellten Status (Herkunft / Abstammung – Reichtum – Macht – Kinderreichtum / sicherer Erhalt des Geschlechts durch die Nachkommenschaft). Die Rede endet mit einem Kultverbot der Latona, an das die Untertaninnen sich jedoch nicht halten; sie praktizieren ihre rituellen Kulte im stillen Gebet, „tacito … murmure“ (v 39).
Latona reagiert nicht mit einer Gegenrede, die an Niobe adressiert ist, sondern spricht in den himmlischen Sphären zu ihren Kindern. Sie gibt unumwunden zu, dass sie in ihrer Person und in ihrem Stolz verletzt wurde. Entgegen der Abfolge der Gründe für Niobes Stolz stehen für Latona ihre Kinder an erster Stelle. Latona hätte ihren Gefühlen freien Lauf lassen und sich darüber beklagen können, dass sie ebenso schön, reich und adlig oder eben schöner, reicher und von vornehmerer Herkunft sei. Doch sie empfindet Schmerz über Niobes abwertende Worte, die sowohl an sie selbst und an ihre Kinder gerichtet sind (vv 47 ff: „vosque est proponere natis / ausa suis et me, quod in ipsam reccidat, orbam / dixit et exhibuit linguam scelerata paternam.“).

Hinsichtlich der Niobe-Interpretationsklausur werden nur die Aufgaben tabellarisch skizziert, die von den herkömmlichen Aufgabentypen mit den bekannten Operatoren aus den Lateinabitura des Landes Baden-Württemberg abweichen!


[1] Siehe hierzu Römisch, 21-45.

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