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GFS

Thema: Können die Webteppiche der Pallas Athene und Arachne als „mises en abyme“ verstanden werden?

--> Erarbeiten der Gliederung / Inhalte der GFS mit dem Schüler / der Schülerin mit Angabe von sonstigen Hinweisen zur Interpretation und von Literatur/Quellen

Gliederungspunkte

Hinweise für den Lehrer und/oder für den Schüler/die Schülerin

Literatur/Quellen

Was versteht man in der Heraldik unter „mise en abyme“?

Heraldik = Wappenkunde;
„mise en abyme“ = Wappen im Wappen

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Wie steht es mit der Verwendung dieses Motivs in Kunst und Literatur?

Beispiel aus der Kunst:
Werbeplakat des holländischen Droste-Kakaos;

Beispiel aus der Literatur:
Kinderlied über einen Mops (Verfasser unbekannt):
„Ein Mops schlich in die Küche und stahl dem Koch ein Ei, / da nahm der Koch den Löffel und schlug den Mops entzwei. / Da kamen viele Möpse und gruben ihm ein Grab/ und setzten ihm 'nen Grabstein, auf dem geschrieben stand: / Ein Mops schlich in die Küche und stahl dem Koch ein Ei / …“

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei: Droste.jpg&filetimestamp =20060919194159

Wie wird der Begriff „mise en abyme“ literaturwissen-schaftlich definiert?

Zitat von Wolf:
„Die mise en abyme ist die Spiegelung einer Makrostruktur eines literarischen Textes in einer Mikrostruktur innerhalb desselben Textes. Gespiegelt werden können Elemente der fiktiven histoire , Elemente der Narration, sprich Elemente der Vermittlungs- und Erzählsituation selbst, oder poetologische Elemente (allgemeiner Diskurs, über die Erzählsituation hinaus).“

[Wolf]: Wolf, Werner: Ästhetische Illusion und Illusionsdurchbrechung in der Erzählkunst. Tübingen 1993.

Wie werden inhaltliche Elemente der Metamorphosen in den Motiven der Webteppiche gespiegelt?

Webteppich der Pallas Athene:
--> Götter als Beschützer und Wohltäter für den Menschen; Bestrafung der Menschen bei Auflehnung und Provokation

--> Götter als Beschützer und Wohltäter in den Metamorphosen: z. B: Bacchus bei der Ariadne-Episode (met. VIII, 176 ff.) oder Juppiter bei der Philemon und Baucis-Episode (met. VIII, 704 ff.)

--> Götter als Bestrafer in den Metamorphosen: z. B. Latona bei der Niobe-Episode (met. VI, 146-312)

Webteppich der Arachne:
Götter als hinterlistige und/oder skrupellose „Sünder“

--> Götter als „Sünder“ in den Metamorphosen: z. B. Apollo bei der Daphne-Episode (met. I, 452-567) oder Juppiter bei der Europa-Episode (met. II, 833-875)

Fazit:
Beide Webteppiche spiegeln inhaltlich die Konzeption der Metamorphosen wider. Die Anhäufung von Verwandlungsgeschichten bei Arachnes Kunstwerk erinnert in ihrer Buntheit an das ovidische Großwerk, wobei die Darstellung der Götter bei Ovid insgesamt ambivalent ist. Die Darstellung der Götter und der bestraften Menschen aus der Sicht der Pallas Athene verdeutlicht die Kluft zwischen Göttern und Menschen.

[von Albrecht (Brücke)]: von Albrecht, Michael: Literatur als Brücke. Zürich 2003. (vor allem 92-95)

Wie sieht es mit der Erzählebene innerhalb der Metamorphosen und bei der Darstellung der Webteppiche aus?

Erzählebene in den Metamorphosen:
oftmalige Darstellung von Situationen und Personen aus der Sicht der Protagonisten: z. B. Darstellung Apolls in seiner Rede (met. I, 504-524)

--> Dramatisierung und Psychologisierung der Handlung

Erzählebene bei der Darstellung der Webteppiche:
Darstellung aus der Perspektive der Kontrahentinnen Pallas Athene und Arachne, wobei die Kunstprinzipien der Göttin eher klassizistisch (geometrische Klarheit des Bildaufbaus, hieratische Strenge der Stilisierung) sind im Gegensatz zur „modernen“, d.h. hellenistischen Auffassung der Arachne (Bemühen um Wirklichkeitsnähe [dazu „verum taurum, freta vera putares“, met VI, 104])

Fazit:
Die Kontrahentinnen bemühen sich um die Wirklichkeitsnähe ihrer Motive (auffallend viele „Farbadjektive“), jedoch wird bei der Darstellung des Webteppichs durch Arachne der Leser stärker einbezogen.

 

Wie spiegelt sich die ovidische Poetologie in den Webteppichen?

--> Im Kleinen (Webteppiche) wird das reproduziert, was im Großen (Metamorphosen) dargestellt wird, d.h. in der Darstellungsart der Webteppiche spiegelt sich die Programmerklärung des Dichters (siehe Prooemium (met. I, 1-4)) wider.

--> Das Weben ist sozusagen Chiffre für die Textproduktion des Dichters, d. h. Dichten = Weben!

 

Zusammenfassung

Mit der Fragestellung der GFS kann neben der Einführung des aus der Heraldik stammenden Begriffes „mise en abyme“ und seiner Bedeutung in der Kunst und Literatur gezielt die inhaltliche und „erzählperspektivische“ Darstellung sowie die poetologische Konzeption der Webteppiche mit dem Gesamtwerk in einem Zusammenhang gebracht werden.

 

Texte 5 und 6: Herunterladen [doc] [44,7 MB]