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Wodurch werden Textsorten konstituiert?

Die einzelnen Exemplare einer Textsorte haben eine gemeinsame oder doch zumindest eine ähnliche kommunikative Funktion . In vielen Fällen ist es hilfreich, diese Funktionen, anknüpfend an die Überlegungen des Sprachforschers Karl Bühler danach zu unterscheiden, ob sie einen Schwerpunkt auf die expressive Funktion (1. Person), auf die appellative Funktion (2. Person) oder auf die darstellende Funktion (3. Person) legen. Dieses Modell ist auch für Schüler nachvollziehbar und bietet sich als eine schlichtes, aber hilfreiches Instrument für die Interpretation an. [1]

Die einzelnen Exemplare einer bestimmten Textsorte weisen - im Vergleich zu Exemplaren anderer Textsorten - viele Gemeinsamkeiten an der Textoberfläche auf. Für den individuellen Nutzer der Textsorte (traditionell: Verfasser, Autor; linguistisch: Emittenten) zeigt sich diese Geschlossenheit darin, dass er diese Oberflächenmerkmale der Textsorte nicht beliebig verändern darf (Ein Referat in der Schule oder ein Lehrerkommentar unter einer Klassenarbeit darf weder in Versen noch in Jugendslang verfasst sein; ein Epos kann weder in Prosa noch in Iamben verfasst werden). Ist die Variationsbreite zwischen den einzelnen Exemplaren einer Textsorte sehr groß, wie in der modernen Lyrik, ist dies ein besonderes Merkmal. Antike Textsorten weisen deutlich geringere Variationsbreiten in der formalen Gestaltung auf. 

Ein wesentliches, auch für Schüler leicht fassliches Oberflächenmerkmal ist die Textlänge . Umfasst ein Text nur zwanzig Verse, handelt es sich nicht um ein Epos.

Dieser Aspekt der Gemeinsamkeiten an der Textoberfläche ebnet den Schülern den Zugang, gerade weil der Unterricht hier an implizites Vorwissen anknüpfen kann.

Textsorten sind in bestimmter, jeweils unterschiedlicher Weise von dem medialen Übermittlungsweg geprägt, auf dem sie ihren Adressaten erreichen. Normalerweise wird die Überlieferungsgeschichte nicht im Schulnterricht thematisiert, aber es kann hilfreich sein, wenn die Schüler zumindest eine ungefähre Vorstellung über die Textüberlieferung gewinnen.

Textsorten als Musterklassen sind einer historischen Evolution unterworfen. Es ist für die Schüler erhellend, wenn sie die Entwicklungslinien nachzeichnen können, die von den antiken Textsorten zu ihren modernen Nachfolgern verlaufen, etwa den Weg vom Brief der Antike zu den modernen Briefformen, bis hin zu Email und SMS. Wichtiger noch ist die Entwicklung vom Epos zum modernen Roman. Hier sollte das Wissen aus dem Deutschunterricht einbezogen werden, aber auch die private Lektüreerfahrung.

Textsorten sind damit immer an  Konventionen gebunden, die sich in sozialer, kultureller, medialer und historischer Hinsicht analysieren lassen. Da jeder Text einer Textsorte angehört, gilt diese Bestimmung auch für die Texte, welche die Schüler zu verfassen haben. Die Schule vermittelt die Fähigkeit, die institutionell geprägten Textsorten zu verwenden. Der Schüler muss also die antike Textsorte bestimmen mit dem Ziel, eine Interpretation nach den Regeln der schulischen Textsorte zu verfassen.

Textsorten können in einer bestimmten, durch Traditionen geregelten Weise bestimmte andere Textsorten inkorporieren . Im Epos kann man Reden erwarten, in einem Brief können Gedichte zitiert werden.


Anmerkungen und Literaturhinweise

[1] Siehe die Darstellung des von Karl Bühler entwickelten Organon-Modells der Sprache in der Wikipedia .
Siehe  Ferner die genaue Darstellung bei K.H.Wagner, S. 51 ( Universität Bremen