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Antike Textsorten im Lateinunterricht

Der Bildungsplan schlägt eine Unterteilung der lateinischen Literatur, soweit sie im Lateinunterricht der Oberstufe behandelt werden soll, in drei „Bereiche“ vor (S. 169) – im Folgenden werden die entsprechenden Passagen des Bildungsplans zitiert:

  • „philosophische Texte (zum Beispiel Cicero, Seneca)
  • politisch-historische Texte (zum Beispiel Cicero, Livius, Sallust, Tacitus)
  • poetische Texte (zum Beispiel Catull, Horaz, Ovid, Vergil)“

Dass Texte aus diesen „Bereichen“ im Oberstufenunterricht gelesen werden müssen, geht aus der Formulierung hervor, die der zuvor zitierten Unterteilung vorangeht (ebd.): „Durch die Lektüre von ausgewählten Originaltexten (Autoren oder Sachthemen) kennen die Schülerinnen und Schüler wesentliche Inhalte aus den folgenden Bereichen…“
Durch diese Vorgabe des Bildungsplans ist sichergestellt, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nur die Autoren des jeweiligen Abiturthemas kennenlernen, sondern einen breiteren Überblick über die lateinische Literatur erwerben. Ein kompetenzorientierter Lateinunterricht wird hier nicht allein einen Wissensbestand festlegen, sondern er wird sich auch an der Frage orientieren, welche Fertigkeiten die Schülerinnen und Schüler erworben haben müssen, wenn sie in der Lage sein sollen, unterschiedliche Texte zu verstehen und zu interpretieren.
Die vom Bildungsplan vorgeschlagene Unterteilung bietet eine hilfreiche Leitlinie für die Annäherung an die Vielfalt der lateinischen Literatur und damit auch an die Weltliteratur. Welche Fragen man an einen Text stellt, hängt nämlich zu einem wesentlichen Teil vom Charakter des Textes ab. Jeder der genannten drei Bereiche – philosophische Texte, historische und poetische Texte – ist durch bestimmte Kommunikationsformen und Textsorten bestimmt, und die Fragen, die man an einen einzelnen Text stellt, sind je nach Bereich ganz unterschiedlich. Eine kompetenzorientierter Annäherung an die lateinische Literatur steht vor der Aufgabe, die Fertigkeiten zu benennen, zu unterscheiden und einzuüben, über welche die Schüler verfügen müssen, wenn sie eigenständig, d.h. ohne Anleitung eines Lehrers den Sinn eines Textes erschließen sollen.
Mit einigen zusätzlichen Differenzierungen erschließt die Unterteilung der drei Bereiche alle Texte, die im Lateinunterricht der Oberstufe sinnvollerweise thematisiert werden können.
Im Folgenden wird eine Übersicht über die Textsorten gegeben; der nächste Menüpunkt (Tabellarische Übersicht) fasst diese Übersicht in Tabellenform.

Philosophische Texte
  • Traktat, Monographie in Prosa
  • Philosophischer Dialog
  • Philosophisches Lehrgedicht (Parmenides, Herodot, Lukrez)
Poetische Texte

Narrative (erzählende, epische) Textsorten
in Versen:

  • Epos (Homer, Appolonios v. Rhodos, Vergil, Ovid, Lukan)
  • Epyllion (Catull)
  • Fabel (Phaedrus)
  • Viele Passagen der Satiren (Horaz, Juvenal) können als narrative Texte mit offenem Realitätsbezug angesehen werden.
  • Auch in den Elegien gibt es narrative Texte.

in Prosa:

  • Roman (Petronius Arbiter)

lyrische Textsorten

  • Ode, carmen lyricum
  • Elegie
  • Epigramm

dramatische Textsorten

  • Komödie
  • Tragödie

In den künstlerischen Bereich gehört ferner der Kunstbrief, v.a. Plinius d.J. (Siehe hierzu die Einheit zu Plinius ]

Politisch-historische Texte
  • Geschichtsschreibung: Monographie, Annalistik (Livius, Sallust, Tacitus); commentarii (Caesar)
  • bestimmte Briefe, z.B. Cicero; Brief als Medium der politischen Verständigung
  • politische Reden, z.B. Ciceros ‚philippische Reden‘
  • Gerichtsrede
  • Privatbrief (viele Briefe aus Ciceros Brief-Corpus; Vindolanda-Tablets)
  • Inschrift, Münzaufschrift
  • Gesetzestext

 


Anmerkungen und Literaturhinweise

[1] Der Neue Pauly:

  • Bernhard Huss: Eintrag ‚Gattung/Gattungstheorie‘ (DNP RWG)
  • Philip Hardie / Richard Hunter : Eintrag 'literarische Gattungen', DNP

[2] Michael v. Albrechts Literaturgeschichte bietet eine umfassende Übersicht über die lateinische Literatur und ihre Textsorten:
von Albrecht, Michael: Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boëthius. Mit Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die Neuzeit, 2., verbesserte und erweiterte Aufl., 2 Bände, München 1994

[3] Das Oxford Handbook of Roman Studies ordnet die lateinische Literatur ebenfalls nach Textsorten oder Gattungen; der entsprechende englische Begriff lautet 'Genre': Alessandro Barchiesi / Walter Scheidel (Hgg.): The Oxford Handbook of Roman Studies, Oxford 2010, Part III: Genres, S. 389-518. Die Kapitel tragen diese Überschriften:

  • Rhetoric (Andrew Riggsby)

  • Historiography and Biography (Christina Shuttleworth Kraus)

  • Epic (Philip Hardie)

  • First-person Poetry (Kathleen McCarthy

  • Theatre (Florence Dupont)

  • Letters (Jennifer Ebbeler)

  • Novels (Ellen Finkelpearl)

  • Scholarship (Robert A.Kaster)